Wie ein Tschetschene Xamax Neuchatel umkrempelt

Die dunkle Bedrohung

Der Tschetschene Bulat Tschagajew hat im Mai den Schweizer Klub Xamax Neuchatel übernommen, seitdem reiht sich eine groteske Szene an die andere. Klubangestellte wurden gefeuert, fünf Trainer mussten gehen. Ein abschreckendes Beispiel für ganz Europa. Wie ein Tschetschene Xamax Neuchatel umkrempelt

Es ist laut auf den Rängen, doch der Lärm dröhnt lediglich raumgreifend aus großen Boxen. Die menschlichen Stimmen, die wenigen, die noch da sind, gehen in diesem Gedröhne hilflos unter. Es ist ein Oktobertag am schönen Ufer des Neuenburger Sees, der traditionsreiche Schweizer Verein Xamax Neuchâtel spielt in der Ersten Liga der Schweiz gegen den FC Thun. Doch kaum einer will das sehen. Im Raum der Sponsoren, wo in den vergangenen Jahren reges Treiben und das Sich-Zeigen Gewohnheit war, brennt kein Licht mehr. Die Verträge mit den Geldgebern sind gekündigt worden. Später wird die Zuschauerzahl auf der Videowand eingeblendet: 2132. Das ist ein neuer Minusrekord.

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Früher kamen 6000 Zuschauer, zu größeren Spielen vielleicht 10 000. Doch jetzt wollen die Einheimischen ihr Team nicht mehr sehen. Die Diagnose: Entfremdung.
Die Szene ist in der Fußballwelt wohl noch so etwas wie ein Unikat. Und doch könnte sie für eine Welt stehen, die finanziell auf dem Kopf steht – vieles ist nur noch verkehrt und undurchsichtig. Das Beispiel Xamax zeigt, was passieren kann, wenn sich Fußballklubs in die Hände derjenigen begeben, die mit Geldscheinen winken und eine große Zukunft versprechen.

Vorwurf der Geldwäsche

Der neue Besitzer des Klubs, der Tschetschene Bulat Tschagajew, sitzt in seiner Loge, manchmal in Wildlederjacken eingepackt, manchmal modisch zweifelhaft in rot-weiße oder schwarz-blaue Streifenpullis gewickelt, je nach Witterung. Um den angeblichen Milliardär kursieren wilde Gerüchte und Geschichten. Einige sind emotional überspitzt und übertrieben und neigen ins Fremdenfeindliche, andere sind von bizarrer Art, aber wahr. Und die meisten Geschichten, die wichtigsten wohl, liegen im Dunkeln.

Woher hat der Tschetschene sein Geld? Hat er tatsächlich so viel, wie gemunkelt wird? Und wenn ja: Hat er es rechtmäßig verdient? Tschagajew selbst sagt, dass er mit „agrochemischen“ Gesellschaften in den 90er Jahren reich geworden sei. Den Unterschied zwischen weißem und schwarzem Geld will er nicht kennen, wie er in einem TV-Interview zum Besten gibt: »Ich kaufe Schuhe, gebe mein Geld der Verkäuferin – und sie nimmt es.“ Und zum Vorwurf der Geldwäsche sagt er: „Wenn ich so etwas tun wollte, würde ich einen Nachtklub eröffnen.« In den letzten Tagen ließ der Geschäftsmann mit Firmensitz in Genf über Zeitungen in der französischen Schweiz verlauten, er habe »alle finanziellen Mittel«, um die sportliche Wende mit dem Klub zu schaffen.

Fünf Trainer in fünf Monaten

Als der Tschetschene vor fünf Monaten antrat, wollte er „sofort“ Schweizer Meister werden und fabulierte von der Champions League, als Trainer machte der Name Diego Maradona die Runde. Dieser hatte für Tschagajews früheren Freund, den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, auch schon mal Einladungen zu gut bezahlten Plauschspielen auf dem Fußballfeld angenommen. Kadyrow, mit dem sich Tschagajew inzwischen überworfen haben soll, werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Nun, Maradona kam nicht nach Neuenburg. Dafür nach dem Franzosen Ollé-Nicolle, der nur einen Tag im Amt war, der Schweizer Bernard Challandes; dann der Brasilianer Sonny Anderson im Gespann mit dem Franzosen François Ciccolini; dann die sechsköpfige Trainercrew des angesehenen Spaniers Joaquín Caparros, der in der Primera Divisón den FC Sevilla, La Coruña und Athletic Bilbao trainiert hatte; dann dessen Landsmann Victor Muñoz, ein ehemaliger Spieler des FC Barcelona. Fünf Trainer in fünf Monaten, es ging drunter und drüber. Zuweilen hat Tschagajew Trainer unmittelbar nach Spielschluss in der Kabine in der Begleitung von Bodyguards entlassen.

Die Geisterbahn

Was bei Xamax geschieht, hat der Schweizer Fußball noch nie gesehen. Am Tag, an dem das Team vor der Saison vorgestellt wird, wähnt man sich auf der Geisterbahn. Im Inneren des Stadions werden Fotos entfernt, Wände frisch gestrichen und mit dem neuen Klubemblem verziert. Im Stadion werden die Schriftzüge abgesprungener Sponsoren überdeckt, zudem ist eine große Tafel in französischer und kyrillischer Schrift zu sehen. Die Aufschrift: »Alle vereint zum Sieg.« Als die Spieler einer Handvoll Fans vorgestellt werden, fällt die Tonanlage aus. Die Protagonisten müssen warten, stehen verloren auf dem Plastikrasen.

Xamax Neuchâtel steht inzwischen in der Tabelle mit 15 Punkten aus 11 Spielen und vielen gut verdienenden Profis aus Spanien, Frankreich oder auch aus Nigeria gar nicht so übel da – gemessen an den strukturellen Ungereimtheiten. Die akute Frage aber lautet: Wie lange dauert dieses Schauspiel? Das Team soll sich seit der Regentschaft des Tschetschenen um das Doppelte auf mehr als 20 Millionen Euro verteuert haben. 25 Gläubiger, unter anderem Trainer und frühere Angestellte, fordern ausstehende Löhne oder Abgangsentschädigungen. Die Gesamtsumme wird auf fünf Millionen Euro geschätzt.

Kann der Spielbetrieb aufrecht erhalten bleiben?

Personal gibt es auf der Geschäftsstelle nur noch wenig. Geschäftsführer, Sportchef, Marketingleiter, Pressechef: alle entlassen, trotz teilweise noch laufender Verträge bis ins Jahr 2014. Die Lücken wurden nur partiell gefüllt. Vor Kurzem fragte ein Vertrauter des Klubs: »Hat die Führung überhaupt das Know-how, um alles Administrative adäquat zu verarbeiten?« Zusätzlich zu den Gläubigern bittet die Swiss Football League (SFL) den Klub um Informationen zur finanziellen Lage, die »nur teilweise« geliefert worden seien. Die Sorge: Bleibt Xamax zahlungsfähig? Kann der normale Spielbetrieb aufrechterhalten werden? Oder droht ein Kartenhaus in sich zusammenzustürzen?

Tschagajew hat einige Schulden nach Mahnungen bezahlt, die Stadionmiete an die Stadt beispielsweise. Er bestreitet aber einen Teil der Schulden und lastet sie der alten Führung unter dem ehemaligen Präsidenten und einheimischen Bauherrn Sylvio Bernasconi an, der seine Aktienmehrheit dem Tschetschenen für 1,8 Millionen Euro abtrat. Seither hat sich Bernasconi in der Öffentlichkeit nicht mehr geäußert. Er nimmt keine Telefonate mehr entgegen, und man fragt sich, mit welchem Gefühl er sich momentan im Kanton Neuenburg bewegt.

Er hat das Stadion mit seiner Firma gebaut und einiges an Geld in den Verein gesteckt. Er war Gilbert Facchinetti gefolgt, auch er ein einheimischer Bauherr, der in den 80er Jahren mit Gilbert Gress als Trainer (ehemals VfB Stuttgart) und dem Deutschen Uli Stielike im damaligen Meistercup gegen Teams wie Real Madrid für Höhepunkte sorgte und bekannt dafür war, Verträge per Handschlag zu besiegeln. Es war die Zeit, als der Klub noch ein lokales Fundament aufwies. Jetzt scheint er bis in die Einzelteile zersetzt.

Tschagajew findet keine Schweizer Bank

Am 20. Oktober muss sich Tschagajew vor dem Zivilgericht des Kantons erstmals verantworten. Edmond Isoz, der Manager der Liga, bestätigt, dass die Kommunikation mit Tschagajew »schwierig« sei. Zum einen, weil der Tschetschene kein Deutsch, kein Englisch, kein Französisch spreche, man sei immer auf Übersetzer angewiesen. Zum anderen, weil sein Habitus »einem Kulturschock« gleichkomme. Die Schweizer Liga will Klubübernahmen künftig besser kontrollieren, um sichergehen zu können, dass das nötige Geld vorhanden ist. Eine gültige Lizenz für einen Verein soll nicht einfach so übertragbar sein. Aber Tschagajew hätte fast überall in Europa so handeln können, außer in Deutschland, wo Sicherheiten wie die 50+1-Regel eingebaut sind und Klubs nicht ohne Schranken in fremde Hände übergehen können.

Aus dem juristischen Umfeld von Tschagajew sickert durch, dass der Tschetschene finanziell in der Lage sei, die Saison mit Xamax zu Ende zu spielen. Wahr ist aber auch, dass es für Tschagajew schwierig geworden ist , eine Schweizer Bank des Vertrauens zu finden – und dies, obwohl er 15 Jahre lang bei ebendiesen Banken Kunde war. Und aus dem Umfeld wird auch bestätigt, dass Tschagajew tatsächlich Bodyguards brauche, um sich sicher bewegen zu können. Nicht etwa, weil er sich von Schweizer Bürgern oder Fans bedroht fühlt, die Geschichten liegen wohl eher in seiner Vergangenheit in seinem Heimatland – und eben im Dunkeln. Die Schweizer lassen Tschagajew bislang gewähren und fremd in seiner Loge sitzen.

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