Wie ein Pizzabäcker Inter Mailand nach Herborn holte

Das Glück und die Flammen

Vor 25 Jahren verwirklichte Raffaello De Bastiani seinen Traum und holte Inter Mailand ins hessische Herborn. Kurz darauf schlug das Schicksal zu.

Privat
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Raffaello De Bastiani musste an ein deutsches Sprichwort denken, als er am 20. Mai 1987 aufgeregt den diesigen Himmel über Siegen absuchte: Alles Gute kommt von oben. Nur, würde es wirklich kommen?

Der Italiener stand am Siegerland-Flugplatz, um Inter Mailand zu empfangen und seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Er, den sie »Bacco« nennen und der seiner Pizzeria im nahen Herborn eben diesen Namen gegeben hatte, sollte an diesem Tag »der Mann, der Inter holte« werden. So jedenfalls behauptete es das bereits gedruckte Heftchen für die »Fußball-Gala im Rehbergstadion«. Raffaello De Bastiani würde es sein, der den Weltklub mit den Weltstars Bergomi, Altobelli und Passarella ins nordhessische 20 000-Seelen-Städtchen gelockt hatte. Oder doch nicht?

Denn wo blieben die Fußballer? Seit einer halben Stunde waren die beiden Maschinen schon überfällig. Nebel über Siegen, eine Kaltfront im Mai. Der Reporter der »Gazzetta dello Sport« wurde schon unruhig, der Mann von der »Bild« starrte genervt in den Himmel. Neben den Medien-Platzhirschen warteten die Lokalreporter und der Bürgermeister. Auf dem Marktplatz in Herborn standen 5000 Menschen und der Jugendmusikzug bereit. Alle in gespannter Erwartung des größten Sportereignisses, das die Region je erlebt hatte.

Um 12 Uhr, fast eine Dreiviertelstunde nach der geplanten Ankunftszeit, hallte die Stimme des Fluglotsen durch die Lautsprecher: »Herr De Bastiani bitte in den Tower kommen!« Endlich gab es Kontakt mit dem Piloten: »Wenn sich der Nebel in 15 Minuten nicht aufgelöst hat, müssen wir in Düsseldorf landen!« Inter Mailand war plötzlich ganz weit weg.

Manche Menschen träumen davon, ein Schloss zu besitzen, Ferrari zu fahren oder eine Nacht mit einem Topmodel zu verbringen. Träume, die Träume bleiben. Raffaello De Bastiani, geboren im norditalienischen Meluno bei Brixen, war 17, als der Traum seines Lebens feststand: Einmal sollte seine Lieblingsmannschaft Inter Mailand für ihn spielen. Das Leben hatte den gelernten Koch anschließend von Italien nach Essen und 1980 schließlich nach Herborn gespült. Hier hatte er geheiratet, eine Familie gegründet, eine Pizzeria eröffnet und einen Fußballverein aus der Taufe gehoben. Eine Erfolgsgeschichte mit Wohlstandsbäuchlein und Schnäuzer. »Doch Inter Mailand für mich spielen zu lassen«, sagt De Bastiani, »bedeutete mir mehr als alles andere.« 1984 hatte er deshalb einen Brief an den Inter-Präsidenten Ernesto Pellegrini geschrieben. Schöne Grüße von einem Interisti aus Deutschland und die Anfrage, ob es möglich sei, den zwölffachen italienischen Meister nach Herborn einzuladen. Pellegrini schrieb tatsächlich zurück, der Kauz aus Deutschland gefiel ihm. Drei Jahre lang klopfte Bacco immer wieder an, wurde zum Dank für seine Beharrlichkeit sogar von Sportdirektor Giancarlo Beltrami auf das Mailänder Trainingsgelände eingeladen. Und dann, Ende April 1987, unterschrieben Beltrami und De Bastiani tatsächlich den Vertrag über ein Freundschaftsspiel mit Inter Mailand am 20. Mai in Herborn. Kostenpunkt: 25 Millionen Lire, 25.000 D-Mark.

Inter Mailand zu Gast auf einem Provinzfußballplatz, weil es sich ein Pizzabäcker so in den Kopf gesetzt hat! Bacco organisierte Sponsoren, schoss Geld aus eigener Tasche zu, überzeugte den Manager des VfL Bochum, Klaus Hilpert (»Inter? Wir kommen sofort!«), mit seiner Mannschaft anzutreten, und bereitete ein anständiges Rahmenprogramm vor: Freundschaftsspiel zwischen einer regionalen Auswahl und einer Prominentenmannschaft samt den 74er-Helden Müller, Breitner und Grabowski, Fallschirmspringer mit den Nationalflaggen, ein 100-Jähriger für den Anstoß, sogar eilig errichtete VIP-Logen, um den Gästen aus Mailand zu imponieren. Doch als das »Herborner Tageblatt« vor dem Spiel bei Inter-Legionär Karl-Heinz Rummenigge zum Jubelinterview durchklingelte, maulte der Stürmer entsetzt: »Inter hat noch nie in einem so kleinen Stadion gespielt. Dass die Vereinsführung dieses Spiel durchgewunken hat, finde ich unbegreiflich!« Rummenigge blieb der Ausflug nach Herborn erspart, kurz vorher verletzte er sich am Knie.

Über dem Siegerland-Flugplatz klarte das Wetter doch noch rechtzeitig auf. Endlich öffneten sich die Schiebetüren am Eingangsbereich, Bacco konnte seine Gäste in Empfang nehmen. »Wo sind die deutschen Fräuleins!«, rief Torwart Walter Zenga. »Die warten in Herborn auf euch«, antwortete Bacco und fuhr seine Landsleute die 40 Kilometer bis zum Marktplatz. Unterwegs Späße mit Daniel Passarella, Fachgespräche mit Trainer Giovanni Trapattoni, dann das Treffen mit den Weltmeistern von 1974, Lachshäppchen mit der Dorf-Schickeria und schließlich vor 10 000 Zuschauern noch einmal 90 Minuten große Gefühle. Raffaello De Bastiani, damals 32, war nun wirklich der Mann, der Inter geholt hatte. Natürlich konnte er in dieser Nacht nicht schlafen. Wovon soll man auch träumen, wenn man sich seinen Traum soeben erfüllt hat?

Die Kontakte von damals nutzte er später, um sich als Spielervermittler ein paar Mark dazu zu verdienen. In zwei Wäschekörben liegen Fotos, Verträge und andere Beweise für sein bewegtes Leben im Dunstkreis des Profifußballs: eine Verhandlungsvollmacht von Carsten Jancker, ein Artikel über den von Bacco eingefädelten Transfer von Karl-Heinz Riedle zu Lazio Rom, ein Foto mit Diego Maradona. Und eine Ausgabe der »Bunte« vom Juli 1987 mit dem Titel: »Das Inferno von Herborn«.

Denn dass Bacco heute noch von seinem Inter-Gastspiel schwärmen kann, verdankt er einem Zufall. Am 7. Juli 1987, anderthalb Monate nach dem Besuch aus Italien, raste ein mit 28 000 Litern Benzin gefüllter Tanklaster in seine Pizzeria, die dazugehörige Eisdiele und das gerade erst erbaute Haus in der Herborner Altstadt. Das Benzin lief aus, Haus und Tanklaster explodierten. Sechs Menschen starben, 38 wurden verletzt, zwölf Häuser brannten aus. Wo der bekannteste Pizzabäcker der Stadt seine Gäste bewirtet hatte, fraßen die Flammen alles auf. De Bastiani hatte das Glück, an diesem Tag im Urlaub am Gardasee zu sein. Polizisten fingen ihn dort ab und überbrachten die schreckliche Nachricht. Auf der Rückfahrt kaufte er sich eine italienische Zeitung und fand seinen Namen auf einer Liste der Toten. So zerstörerisch hatten Explosion und Feuer gewütet, dass die Journalisten auch ihn unter den Opfer wähnten.

Wenige Wochen nach dem schönsten Tag seines Lebens stand De Bastiani vor den Trümmern seiner Existenz. Jahrelang musste er sich mit Versicherungen und Behörden herumschlagen, um wenigstens einen Teil des Verlustes ersetzt zu bekommen. Bis heute sind die Kreditschulden von damals noch nicht abbezahlt. Ein Alptraum.

Bacco lebt immer noch in Herborn, in der Kirchstraße steht sein Lokal, der »Sinner Hof«. Natürlich eine Pizzeria. Einer der Tische liegt voller Erinnerungsstücke: Trikots, Fahnen, Fotos und Zeitungsausschnitte. Bacco mit Giovanni Trapattoni, Bacco mit den deutschen Weltmeistern von 1974, Bacco mit Inter Mailand. Bacco vor den Trümmern seines Hauses. Einige Souvenirs von damals sind den Flammen zum Opfer gefallen, doch eines tröstet Bacco bis heute: Die Erinnerungen an den größten Tag seines Lebens sind unzerstörbar.

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