Wie ein Italiener auf die Jagd nach korrupten Profis geht

Der Michael Moore des Fußballs

Mario Bucci ist der Michael Moore des Fußballs. In seinem Heimatland Italien jagte der Filmemacher jene, die Spiele seines Lieblingsklubs AS Bari verschoben hatten. Jetzt hat er dem weltweiten Wettgeschäft den Kampf angesagt.

Jannis Keil
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148

Als der AS Bari im Sommer 2009 nach vielen Jahren in der Zweitklassigkeit endlich wieder in die Serie A zurückkehrte, begann für die Anhänger eine Zeit wie im Traum. Dem Aufsteiger gelangen Sensationen gegen Juventus Turin oder Lazio Rom und zwischendurch sah es danach aus, als ob Bari sich sogar für den internationalen Fußball qualifizieren könnte. Doch bereits in der Spielzeit darauf trotteten die Fans aus San Nicola, dem WM-Stadion von 1990, zumeist deprimiert nach Hause. Personell nur wenig verändert, stieg ihr Team als aussichtsloser Tabellenletzter ab – mit 17 Punkten Rückstand auf einen rettenden Platz. Emotionaler Tiefpunkt der Saison war am vorletzten Spieltag eine Heimniederlage gegen den verhassten Lokalrivalen aus Lecce.

»Ich konnte es nicht fassen: Warum nur mussten wir wieder nach Cittadella!«, sagt Mario Bucci. Das Kaff mit 20 000 Einwohnern in der Nähe von Padua gilt in Italien als Ausbund der Zweitklassigkeit, und für den Filmemacher aus Bari zeigten sich in dem unerklärlichen Absturz seines Klubs »wieder einmal die Mentalität Süditaliens und unsere Unfähigkeit, konstant erfolgreich zu sein«. Aber der heute 38-Jährige, der seit kurzem in Berlin lebt, wollte dem dramatischen Wechsel von Aufstieg und Absturz genauer auf den Grund gehen. Warum also nicht einfach die Kamera nehmen und Spieler, Trainer sowie die sonstigen Verantwortlichen befragen?

Gnadenlose Recherchen

Mit Danilo Dell’Olio, 30, fand Bucci den richtigen Protagonisten für diese Nachforschungen. Ein Fan des AS Bari, voller Liebe für seinen Klub und, getragen von seiner Passion, auch bei laufender Kamera nicht auf den Mund gefallen. Als sie Anfang 2012 schon mit den Aufnahmen begonnen hatten, wurde öffentlich, dass der Niedergang ihres Klubs nichts mit süditalienischer Mentalität zu tun hatte. »Mitten in den Dreharbeiten stellten wir fest, dass etliche Spiele verschoben gewesen waren«, sagt Bucci. Gleich reihenweise hatten Wettpaten die Ergebnisse manipuliert, darunter auch das für die Fans so wichtige Derby gegen Lecce. Die 0:2-Niederlage war durch ein Eigentor des stellvertretenden Kapitäns Andrea Masiello eingeleitet worden.

Seither sind in diversen Verfahren nicht weniger als elf Spieler des Abstiegsteams gesperrt worden. Für Baris damaligen Mannschaftskapitän, den belgischen Nationaltorwart Jean-Francois Gillet, fiel die Bestrafung mit 43 Monaten Sperre am härtesten aus. »Wir wollten, dass uns die Spieler ins Gesicht sagen, warum sie das gemacht haben«, sagt Bucci. Wie bei den gnadenlosen Recherchen des US-amerikanischen Dokumentarfilmers Michael Moore hatte das auch komische Momente. Etwa, wenn die Spieler vor der Kamera flohen. Oder wenn sie den damals noch nicht verurteilten, mittlerweile in Bologna spielenden Hauptbetrüger Gillet bei einem Termin in einer Schule filmten. »Wir sind glücklich, weil unsere Arbeit zugleich unsere Leidenschaft ist«, erklärte er den Kindern dort, und Dell’Olio wollte sie in dem Glauben lassen. Dafür stellte er sich nachts, ein Laken mit der Aufschrift »Mein Kapitän« in der Hand, wie ein Liebender unter das Fenster von Gillet und sang leise die alten Lobgesänge auf den Torwart. Doch der wollte ihn nicht anhören.

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