Wie ein homosexueller Schiedsrichter um seine Rechte kämpft

Das Leben nach dem Tod in Trabzon

Halil Ibrahim Dinçdag ist Schiedsrichter und homosexuell. In der Türkei erhielt er deswegen Morddrohungen, seit 2009 darf er nicht mehr arbeiten. Wir haben ihn auf seinem einwöchigen Berlin-Besuch begleitet.

Jannis Keil

Seit ein paar Jahren wandert ein Video durch das Internet, in dem ein übertrieben effeminierter Schiedsrichter gazellenhaft rückwärts über das Feld hopst und Gelbe Karten mit der Bravour eines Toreros aushändigt. Großes Kino, laut gelacht, und dann die Frage »Ist das eigentlich echt?«
 
Der Mann in dem Video heißt Clésio Moreira dos Santos, ist seit 2004 pensionierter Schiedsrichter und hatte sich während seiner aktiven Laufbahn überlegt, eine Schiedsrichterfigur zu erfinden – zur Unterhaltung. Seitdem kann man seine Figur »Margarida« für Auftritte buchen. Dos Santos ist heterosexuell, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er »spielt« seine Version von einem homosexuellen Schiedsrichter und verdient damit Geld.


Im Gegensatz zu Halil Ibrahim Dinçdag. Der ist auch Schiedsrichter und tatsächlich homosexuell. Seit 2009 darf er deswegen nicht mehr arbeiten. In der vergangenen Woche war er zu Gast in Deutschland. Er pfiff ein Freundschaftsspiel und nahm an öffentlichen Diskussionen teil. Er machte eine Geschichte bekannt, über die viele Fußballfans außerhalb der Türkei bislang kaum etwas gewusst haben.
 
Dinçdag leitet ein Freundschaftsspiel in Berlin
 
Am Sportplatz der zweiten Mannschaft von Türkiyemspor Berlin ist an diesem Dienstagabend einiges los. Das Team spielt heute, am 8. April, gegen Tennis Borussia Berlin. Die Tribüne füllt sich langsam und wird dabei von zwei Kamerateams gefilmt. Es ist nicht gerade warm, aber das Bier kostet nur 1,50€ und es gibt Sucuk im Brot. Niemand ist wegen der Mannschaften gekommen. Alle warten nur auf einen: den Schiedsrichter.
 
Und als dieser kleine, bärtige Mann auf das Spielfeld tritt, könnte man die Stille spüren, wenn da nicht gerade die letzten Klänge von »Schwule Mädchen« erklingen würden und die Tribüne anfängt, Glitzerkanonen und buntes Kreppband aufs Spielfeld zu werfen. Später wird er sagen, dass es ihn in diesem Moment sehr viel Kraft gekostet hat, nicht loszuheulen. Und er wird auch erzählen, dass er keine Ahnung hatte, dass seine drei Linienrichter ebenfalls homosexuell sind.

>> Galerie: Mit Halil Dinçdag durch Berlin
 
Bernd Schulz, Präsident des Berliner Fußballverbandes steht am Spielfeld und friert. Sein Schnurrbart verliert sich fast in dem Stehkragen seiner Jacke. Er muss gleich noch woanders hin, über die Ankunft von Dinçdag hätte er zu kurzfristig erfahren. So geht es vielen hier. Die meisten Zuschauer wissen erst seit einer Woche, wer Halil Ibrahim Dinçdag überhaupt ist.
 
Vielleicht wäre es vor fünf Jahren anders gewesen. Vielleicht hätten damals mehr Leute seinen Namen gekannt und seine Geschichte. Damals pfiff Dinçdag recht erfolgreich in diversen türkischen Regionalligen, er hatte einen Nebenjob bei einem Radiosender in seiner Heimatstadt Trabzon, und er führte ein glückliches Leben im Kreise seiner Familie.
 
Dinçdag war damals so gut, dass er ohne weiteres als Erstligaschiedsrichter hätte arbeiten können. Er träumte von Europa und internationalen Turnieren. In der Türkei erfordert dieser Karrieresprung allerdings die Absolvierung des Militärdienstes. Als er im Oktober 2008 eingezogen wurde, erzählte er den Ärzten von seiner Homosexualität, und diese musterten ihn wegen »psychosexueller Störungen« prompt wieder aus.
 
Ein TV-Interview war Dinçdags Tod
 
Kurze Zeit später verlangte der Schiedsrichterverband seine militärischen Unterlagen und sah, dass er aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert worden war. Danach berichtete die türkische Presse, zunächst anonym, von einem homosexuellen Schiedsrichter, »der seine Pfeife wiederhaben will«. Dinçdag war davon überzeugt, nichts Falsches getan zu haben und wendete sich nun seinerseits an die Presse. Sein Coming-out in einer bekannten Sportsendung im türkischen Fernsehen war der Tag, an dem Halil Ibrahim Dincdag starb. »Als sie anfingen, über mich zu schreiben, fiel ich ins Koma. Der Tag des TV-Interviews war mein eigener Tod. Alles hat sich seitdem geändert«, sagt er.

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