Ein Greis versöhnt Essen und Schalke
09.03.2014

Wie ein Greis Essen und Schalke versöhnt

Dat is unsa Oppa!

Seite 2/3: Ob ich verroste und verkalke...
Text:
Ron Ulrich und Dirk Gieselmann
Bild:
Jens Nieth

Tatsächlich hat es ein offizielles Spiel seit der zweiten DFB-Pokalrunde 1992 (2:0 für Essen) nicht mehr gegeben. Der Hass schwelte, verwandelte sich und wurde in der Essener Viertliga-Tristesse zur Missgunst und in den Schalker VIP-Lounges zur Hybris. »Du hast dich verändert«, würden die Klubs wohl sagen, wenn sie ein im Schlechten getrenntes Liebespaar wären, das sich nach einer Ewigkeit wieder sieht.

Im Grunde sind sie das ja auch. Und wie immer in solchen Beziehungsdramen ist da etwas, das beide noch immer verbindet: In all den Jahren der Trennung haben Essener und Schalker in ihren Hymnen den gleichen alten Mann besungen. Der Greis ist eine Symbolfigur für rückhaltlose Fußballbegeisterung: Mit weißem Rauschebart und Prinz-Heinrich-Mütze sitzt er der Legende nach bei Wind und Wetter am Spielfeldrand und läutet die Zechenglocke, wenn sein Verein ein Tor schießt. Gütig lächelt er durch die Jahrzehnte seinen Enkeln zu. Er ist ihr Opa – oder um in der Sprache des Ruhrgebiets zu bleiben: »Dat is unsa Oppa!«

»Wir werden Essen nie vergessen, wir sind die Fans von Rot-Weiss Essen!«

In Essen heißt er Oppa Luscheskowski. Er kennt RWE seit 1907, dem Gründungsjahr, so heißt es in der Fanhymne, und ist der erste staatlich beurkundete Allesfahrer der Geschichte. Seine Frau treibt er zur Weißglut, weil selbst die goldene Hochzeit und ein Urlaub in den Bergen ihn nicht davon abhalten, zu Spielen von RWE auszubüchsen. Selbst dem Herrgott ruft er nach übereinstimmenden Berichten noch entgegen: »Wir werden Essen nie vergessen, wir sind die Fans von Rot-Weiss Essen!«

Im nahen Gelsenkirchen verhält sich die Sache verblüffend ähnlich. Auch in der Arena huldigt man dem Oppa, der hier Pritschikowski heißt und nicht einfach nur die Omma quält, sondern »quälen tut«. Natürlich hat er kein Spiel seit der Vereinsgründung 1904 verpasst, und stets skandiert er seinen Schlachtruf: »Ob ich verroste und verkalke, ich gehe immer noch auf Schalke!«

So erklang das Lied von Oppa Pritschikowski auch im Berliner Olympiastadion 2002, als Schalke gegen Leverkusen den DFB-Pokal gewann. Zu diesem Zeitpunkt wartete der Musiker Hans von der Forst in der Garderobe der Bochumer Jahrhunderthalle auf einen Auftritt und musste eine Träne der Rührung verdrücken. Nicht nur, weil sein Verein gerade den Pokal gewonnen hatte – 500 Kilometer entfernt sang die Schalker Fangemeinde das Lied, das er einst komponiert hatte. Das Lied vom Oppa.

Wahnwitz im Proberaum

1969. So lange ist es her, dass der Gesang entstand, den heute in Gelsenkirchen und auch in Essen jedes Kind auswendig kennt. Hans von der Forst erfand ihn zum 65-jährigen Jubiläum der Knappen und brachte ihn als Schallplatte unter dem Titel »Immer auf Schalke« heraus – »weil ich bekloppt bin«, lacht er. Schon immer ein »kreativer Eumel« und seit 1962 Schlagzeuger bei den German Blue Flames, der deutschen Antwort auf die Beatles, wollte von der Forst diesem Oppa Pritschikowski ein musikalisches Denkmal setzen, jener literarischen Gestalt, von der ihm selbst schon als kleinem Jungen erzählt worden war. So wie Aloisius, der Dienstmann vom Münchner Hauptbahnhof, der auch im Himmel sein Bier trinken will, war der Oppa schon damals ein fester Bestandteil der mündlichen Überlieferung.

Um seine Liedidee ins Werk zu setzen, ging von der Forst ins Tonstudio seines Kumpels, des Unternehmers Hans Beukenberg. Der hatte viel Geld in seine Musikleidenschaft gesteckt und verfügte über das zur damaligen Zeit beste Equipment. Noch heute bescheinigen ihm seine Mitstreiter ein »absolutes Gehör«. Alsbald stieß der Sänger Rudi Tadday zur Gruppe, der in späteren Jahren als Tex Rogers durch Deutschland und Amerika touren sollte. Winfried Szodruch, Reporter-Urgestein aus Gelsenkirchen, schwärmt noch immer: »Rudi Tadday hatte eine Stimme, dagegen war Johnny Cash ein Windei.« Die Produktionsbedingungen waren unkonventionell, oft wurden Nächte durchgemacht und wahnwitzige Ideen zu Tage gefördert. So wurde neben einer irrsinnig psychedelischen Fußballplatte namens »Lederball« auch das Lied von Oppa Pritschikowski geboren. Von der Forst erinnert sich: »Bei den Aufnahmen haben wir uns teilweise die Buchsen voll gemacht vor Lachen. Oppa Pritschikowski war doch der erste Rap der Geschichte.« Aus den Untiefen des Studios schwappte der Sprechgesang in die Glückauf-Kampfbahn. Und von dort – es waren die letzten Jahre, in denen die Schalkefans am Sonntag noch Ausflüge nach Essen machten – auch an die Hafenstraße. Diese Ecke des Ruhrgebiets hatte seinerzeit einiges mit Liverpool gemein, der Industrie- und Musikstadt am Mersey River, und Hans von der Forsts Werk wurde im Nu zur Pott-Variante von »She loves you«, inbrünstig geschmettert von Zehntausenden.

 
 
 
 
 
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