Ein Fußballstadion ist ein Ort der Emotionen. Für viele ist Fußball gleichermaßen Ersatzreligion und Katharsis vom Alltagsstress. Allein in der Bundesliga pilgern jeden Spieltag rund 400.000 Menschen in die Stadien. Einer von ihnen ist Ulrich Becker. Seit 50 Jahren ist er Fan von Fortuna Düsseldorf. Als Allesfahrer hat er es sich zur Aufgabe gemacht, kein Spiel seiner Mannschaft zu verpassen.
»Ich habe gehört, Sie haben gejubelt!«
Als Fortuna Düsseldorf diese Saison am 10. Spieltag auswärts auf Leverkusen traf, benutzte Becker die Karte eines bekannten Leverkusen-Fans, der für das Spiel keine Zeit hatte. Auf dem Ticket für den Heimbereich war zu lesen: »Personen, die als Fans des Gegners zu identifizieren sind, erhalten keinen Einlass.« Also nahm Becker seinen Sitzplatz vorsorglich ohne Fortuna-Trikot ein und sah dort bereits in der 16. Minute den Führungstreffer der Bayer-Elf durch Sidney Sam. Um Becker herum wurde gejubelt, Leute sprangen auf, feierten das Tor der Werkself. Becker freute sich nicht.
In der 40. Minute jedoch wendete sich das Blatt: Nando Rafael traf per Kopf zum 1:1-Ausgleich für Fortuna Düsseldorf. Diesmal war es Becker, der aufsprang, jubelte und Beifall klatschte. Um ihn herum wurde nicht mehr gejubelt, dafür trafen ihn ein paar irritierte Blicke. So weit, so normal. Er setzte sich wieder hin, sein Sitznachbar machte sich entnervt auf den Weg zum Würstchenstand. Das jedenfalls dachte Ulrich Becker.
Wenig später kam sein Nebenmann zurück – allerdings ohne Wurst in der Hand, dafür aber mit einem Ordner im Schlepptau. Dieser sagte zu Becker: »Sie da, kommen Sie mal mit!« Becker fragte: »Warum? Ich habe doch eine gültige Eintrittskarte.« Die Antwort: »Ich habe gehört, Sie haben gejubelt! Sie kommen jetzt mit oder ich hole die Polizei!«
Block D5, Reihe 29
Becker ging mit. Empört argumentierte er: »Was hab´ ich denn gemacht? Ich habe mich doch nur über ein Tor meiner Mannschaft gefreut!« Er verlangte, den Einsatzleiter des Sicherheitsmannes zu sprechen. Der Einsatzleiter klärte ihn auf, dass es für seine Sicherheit das Beste sei, wenn er Block D verließe. Immerhin bot er Becker an, das Spiel in einem anderen Block zu Ende zu schauen. Dort, im leeren Block, dürfe er auch jubeln.
Bei Leverkusen wird der Vorfall vereinsintern nur »Block D5, Reihe 29« genannt. Meinolf Sprink, Kommunikationsdirektor von Bayer Leverkusen, kann den Namen Ulrich Becker nicht mehr hören. Tagelang nervte der Fortune die Geschäftsstelle mit Beschwerdemails. Sprink sagt: »Natürlich ist es verboten, im Heimbereich für die Gastmannschaft zu jubeln. Zu seiner eigenen Sicherheit wurde der Herr Becker in einen anderen Block geleitet.«
Leverkusen-Fan mit Denunziationsreflex
Becker hält er für einen Gernegroß, der es nun genießt, sich im Licht der Öffentlichkeit zu sonnen – der Düsseldorfer »Express« hatte über den Fall mit einem Foto von Becker in Fortuna-Trikot berichtet. Dass Becker sich im Block nicht bedroht fühlte, spielt für Sprink keine Rolle: »Wenn etwas passiert, tragen wir die Verantwortung. Dem wollten wir vorbeugen. Der Großteil des Stadions ist ein gemischter Bereich, lediglich in zwei Blöcke sollen keine Gästefans eingelassen werden – zu ihrer eigenen Sicherheit.«
Becker versteht das bis heute nicht und wähnte sich vor den versteckten Kameras von »Verstehen Sie Spaß?« Immerhin durfte er ab der 60. Minute in einen anderen Block gehen, die Ordner boten dem Düsseldorfer sogar schuldbewusst noch etwas zu essen und zu trinken an. Essen wollte Becker allerdings nichts mehr; er wollte nur jubeln. Immerhin war es ihm dort noch vergönnt, den 2:3-Anschlusstreffer seiner Düsseldorfer zu feiern. Und diesmal holte kein in seiner Ruhe gestörter Leverkusen-Fan mit Denunziationsreflex den Sicherheitsdienst.