Wie ein Fisch im Wasser

Xavi ist Barcas Rekordmann

Xavi steht kurz davor, als bester Fußballer der Welt ausgezeichnet zu werden. Jetzt hat der 30-Jährige auch noch einen Uralt-Rekord in seinem Heimatverein FC Barcelona gebrochen. Zeit für ein Portrait des spanischen Weltmeisters. Wie ein Fisch im Wasser

Die Philosophie war stets ein Tummelplatz für Fantasten, manchmal ein Ort für Weltverbesserer, selten gar ein Refugium für kluge Menschen, die in der Lage waren, ihren Zuhörern die Welt zu erklären. Trotz Jorge Valdano, trotz Javier Marias – bislang fehlen der Welt allerdings die großen Fußball-Philosophen. Schade eigentlich, denn an Xavi Hernández i Creus würde jeder fußballverrückte Geisteswissenschaftler seine helle Freude haben.

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Am Sonntag hat Xavi nun einen weiteren Stein in das Fundament seines eigenen Denkmals gegossen. Das Ligaduell gegen Levante war Xavis 549. Pflichtspiel für den FC Barcelona. Damit hat er den Uralt-Rekord von Migueli geknackt, einem schnauzbärtigen Innenverteidiger, der seine Karriere 1988 beendete und von seinen Mitspieler aufgrund eines beeindruckenden Körperbaus »Tarzan« gerufen wurde, wenn er mal wieder gegnerische Knochen polierte. Auch Xavi hat einen Spitznamen: »la machina« – die Maschine. Schon jetzt ist die »Maschine« größer, als es »Tarzan« jemals gewesen ist.

Xavis Biotop ist der Fußballplatz

Denn Xavi – und damit sind wir wieder bei den philosophischen Querverweisen – ist kein muskelbepackter Verteidiger, auch kein drahtiger Toresammler, kein pfeilschneller Außenstürmer, nicht mal eine trickreiche Wundertüte. Xavi ist, gemeinsam mit seinem kongenialen Mittelfeld-Partner Iniesta, der Fußballer, der die Welt von Barcelona im Innersten zusammenhält. Oder, wie es der englische Journalist Guillem Balague in einem Artikel für den »Guardian« auf den Punkt brachte, Xavi ist der Spieler, durch den Barcas Spiel »erst einen Sinn bekommt; wenn Barcelona Xavi aus den Augen lässt, dann vergessen die Katalanen auch ihre Philosophie«.

Am 10. Januar kann Xavi nun zu den ganz Großen seiner Branche aufsteigen. Sticht er seine Mitspieler Messi und Iniesta aus, wäre er der offiziell »beste Fußballer der Welt.« Die FIFA lädt ein zur großen Jubelgala. Verdient hätte Xavi diesen Titel allemal, doch eigentlich ist jede Sekunde, die man Xavi nicht auf einem Fußballfeld, sondern im steifen Anzug auf einer polierte Bühne sieht, eine verschenkte Sekunde. Xavi von einem Fußballplatz fernzuhalten, wäre so vermessen, wie einen Vogel aus der Luft oder einen Fisch aus dem Wasser zu holen; der grüne Rasen ist sein ganz natürliches Biotop.

Xavi: Seit 19 Jahren Lehrling der Barca-Doktrin

Und sein ganz persönliches Arbeitsfeld, eine Art übergroßes Schachbrett für den Garri Kasparow des Fußballs. Schon tausendmal haben Journalisten versucht, seine Fähigkeiten mit klugen Worten zu beschreiben, doch Genies lassen sich niemals erklären.

Was man weiß: Schon als Elfjähriger trat Xavi erstmals für den FC Barcelona gegen den Ball. In der Talentschmiede »La Masia« spielte er millionenfach Pässe, rannte tausende Kilometer und ließ sich eine Doktrin in den Körper injizieren – die der Spielphilosophie vom FC Barcelona. 1998, im spanischen Superpokal gegen RCD Mallorca, schickte ihn der damalige Barca-Coach Louis van Gaal erstmals auf den Platz, und der 18-jährige Nachwuchsmann tat seinen Job. Rechnet man seine siebenjährige Ausbildung als Kind und Teenager mit dazu, dann ist Xavi seit nunmehr 19 Jahren Lehrling der Barca-Schule. Keiner hat diese Lehre so sehr verinnerlicht, wie der 1,70 Meter große Mittelfeldspieler. »Fußball«, sagt Xavi, »spielt man mit dem Ball. Es geht darum, den Ball von einer Seite zu anderen zu spielen, so lange, bis sich Lücken in der gegnerischen Struktur auftun, so lange, bis man auf einem Flügel plötzlich Übergewicht hat. Und dann hofft man auf die kurzen Momente der Magie.«



Für die magischen Momente – auch das ist ein Geheimnis von Xavis Stärke – ist nicht nur er selbst verantwortlich. Im Gegenteil. Keine andere Mannschaft der Welt hat so viele Spieler, mit solch kreativem Potenzial zur Verfügung wie der FC Barcelona. Eine beeindruckende Praxisvorführung der katalanischen Ballverteiler-Lehre erhielten am 29. November 2010 rund 400 Millionen Zuschauer weltweit, als Barcelona im »Clasico« gegen Real Madrid das zweite von fünf wunderbaren Toren erzielte. 58 Sekunden lang rotierte der Ball zwischen den Barca-Akteuren hin und her, erst nach 21 Pässen vollendete Pedro zum 2:0. 21 Pässe! Im Spitzenfußball ist das ein ungeheuerlicher Wert. Xavi spielte drei dieser 21 Pässe, einer davon – Pass Nummer 20 – brachte den Ball von der rechten bis zur linken Strafraumkante zu David Villa und damit genau den freien Raum, den Barcelonas Spieler zuvor knapp eine Minute lang gesucht hatten. Barcas Großmeister Xavi hatte wieder einmal den entscheidenden Zug gesetzt. Schachmatt. Und die Welt staunte.

Xavi spielte 104 Pässe mehr als Bastian Schweinsteiger

Dabei muss Xavi spätestens seit der überragenden Weltmeisterschaft in Südafrika niemanden mehr von seiner Klasse überzeugen. Am Ende hatten fleißige Statistiker 669 von Xavi gespielte Pässe gezählt, 599 davon erfolgreich. Zum Vergleich: Der auf Platz zwei dieser Ballverteiler-Statistik aufgeführte Bastian Schweinsteiger spielte nur 565 Pässe, 104 Möglichkeiten das Spiel zu verändern weniger, als sein spanischer Kontrahent. Spanien wurde am Ende Weltmeister. Soll keiner sagen, Xavis Kunst sei brotlos.

Wie schafft dieser schmale Sportler ein solch beeindruckendes Pensum? Xavi ist kein Athlet wie Ronaldinho oder Cristiano Ronaldo, auch kein, von einer höheren (Fußball-)Macht mit Talent überschütteter Wunderknabe, wie sein Teamkollege Messi (den Xavi selbst für den besten Fußballer aller Zeiten hält). »Schnell denken, das ist der Schlüssel zum Erfolg«, sagt Xavi, »noch bevor mich mein Gegenspieler unter Druck setzen kann, weiß ich bereits, was ich als nächstes zu tun habe, wie ich mich bewegen muss, welchen Pass ich spielen kann.« »One-touch-Fußball« nennt man Fußball in Höchstgeschwindigkeit, aber Xavi korrigiert das Bild: »Spiel den Ball nicht mit einer, sondern mit einer halben Bewegung! Halte jeden einzelnen Mitspieler in Bewegung! Und glaube an deinen eigenen Stil.«

Macht ihn der Glauben so stark?

Ist es also der Glauben, die Urkraft jeder Philosophie, die den Fußballer Xavi so stark und die Mannschaft Barcelona so einzigartig macht? Vielleicht. Dass der FC Barcelona die beliebteste Mannschaft der Welt ist, dass Barcas Art und Weise Fußball zu spielen trotz der massiven Trophäensammlerei und trotz der horrenden Geldbeträge, die diesen kreative Gerüst zusammen halten, weltweit bewundert wird, hat allerdings noch einen anderen Grund. Schon seit Jahren wehren sich Xavi und Kollegen gegen den Trend, als überbezahlte Fußballer nicht nur in den Sportseiten aufzutauchen, sondern auch die Boulevardmedien mit immer neuem Futtermix aus Extravaganz und peinlicher Überheblichkeit zu bedienen. Die Kollegen von »spiegel-online« erkannten im April 2010 gar einen »erfreulichen Retro-Trend«: »Während einer wie Reals Cristiano Ronaldo seine Tricks und Tore so demonstrativ feiert, als wäre er beim Foto-Shooting für eine Werbekampagne«, wirkten »der kleine Argentinier (Messi), aber auch Xavi, der beste Ballverteiler der Welt, so freundlich sportsmannhaft, als seien sie Zeitgenossen von Fritz Walter und Uwe Seeler.«

Beim FC Barcelona ist Xavi längst eine Kultfigur, schon vor seinem 549. Pflichtspiel. Xavi ist Welt- und Europameister, zweifacher Champions-League-Sieger, Gewinner sämtlicher Titel, die Spaniens Fußball zu bieten hat – und Lehrmeister einer Fußball-Philosophie, die Maßstäbe für beliebtesten Sport der Welt gesetzt hat. Es gibt also genügend gute Gründe, Xavi in ein paar Tagen zum »Weltfußballer des Jahres 2010« zu küren. Selbst Barcas ideologische Leitfigur, Johan Cruyff, hat sich bereits seinen Bruder im Geiste ausgesprochen: »Ich bin für Xavi. Entweder er gewinnt jetzt – oder niemals. Xavi ist der perfekte Baumeister des Barca-Spiels, er ganz alleine kann wunderbare Fußball-Spiele aus dem Boden stampfen.«

Xavi: »Ein Fixpunkt am Sternenhimmel«

Wie auch immer die Wahl zum Weltfußballer ausgehen wird, prominente Anhänger seiner Spielkunst hat Xavi zur Genüge. Nach dem sensationellen 5:0-Erfolg gegen Real Madrid, verglich der spanische Schriftsteller und Regisseur David Trueba den Fußballer Xavi mit einem Fixpunkt am Sternenhimmel, durch den »der Beobachter in der scheinbar sinnlosen Unordnung eine Systematik« erkenne. Die Suche nach einem neuen Fußball-Philosophen, sie scheint beendet zu sein.

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