Wie ein Berliner per Kontaktanzeige Nationalspieler wurde

Quereinsteiger

Oliver Pötschke ist als Amateurfußballer per Stellenanzeige Nationalspieler geworden – eine Geschichte über Versicherungen, Kohlrouladen und die Boateng-Brüder.

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Berlin Britz, Stadion Buschkrugallee. Dienstagabend. Der Himmel ist finster, es gießt in Strömen. Die Herrenmannschaft von Concordia Britz macht gerade ihr Abschlussspiel. Viel läuft nicht zusammen, der Kunstrasen ist genauso vom Regen durchtränkt wie die Haare und Kleidung der Spieler. »Allet klar Männer, reicht!«, erlöst der Coach die Spieler.

Ab ins Trockene. Über der Tür des Vereinsheims prangt ein moosbewachsenes Schild: »Geschäftsstelle«. Wer das Paradebeispiel deutscher Amateurfußballromantik sucht, findet es in Britz: Bunte Wimpel, alte Mannschaftsfotos, Omas Gardinen, es riecht nach kaltem Rauch. Auf der Theke stehen Kaffeetassen und Süßstoff bereit.

Der vernünftige Weg

Oliver Pötschke latscht in Schlappen herein, die Sporttasche über der Schulter. Schwarze Adidas-Jogginghose, schwarzer Kapuzenpulli, kurze schwarze Haare. Auf den ersten Blick ein unauffälliger Typ, er ist schmal, um die 1,80 Meter. Auf dem rechten, unteren Augenlid hat er ein Muttermal. Er ist Sachbearbeiter beim GDV, dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, speziell: für die Abteilung »grüne Karte – Auslandsschäden und Inlandsunfälle, die durch Ausländer verursacht wurden.« Der 27-jährige Quereinsteiger hat eigentlich Hotelfachmann gelernt. Aber die Gastronomie-Branche war ihm immer zu unsicher, zu schlecht bezahlt – Oliver hat den vernünftigen Weg eingeschlagen. Er ist höflich, lächelt viel. Vor kurzem hat er geheiratet, sein Sohn Noah ist acht Monate alt.

Oliver ist Halb-Philippino. Sein Vater lernte seine Mutter vor 30 Jahren im Urlaub auf den Philippinen an der Hotelrezeption kennen und nahm sie mit nach Deutschland. Oliver ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Zuhause gibt es »eher Kassler und Kohlrouladen als asiatische Küche«, gibt er zu. Mit der philippinischen Kultur hat er nicht besonders viel zu tun, trotzdem verbindet ihn eine kuriose Geschichte mit den Philippinen. Seine braunen Augen fangen an zu funkeln, als er beginnt zu erzählen: »Vor drei Jahren hatte ich auf Spox.com gelesen, dass der Fußballnationaltrainer der Philippinen, Michael Weiß, philippinischstämmige Spieler aus aller Welt sucht.« Es war wie eine Stellenausschreibung zum Nationalspieler. Oliver nahm sofort über Facebook Kontakt auf. »Ich habe eigentlich klipp und klar gesagt: Ich spiele nur in der Berlinliga, habe aber auch schon sechs Jahre bei Hertha gespielt – besteht irgendeine Chance?« Michael Weiß wollte Olivers fußballerischen Lebenslauf sehen: Wie alt er ist, welche Position er spielt und mit wem er bei Hertha zusammengespielt hat. »Damals habe ich unter anderem mit Kevin-Prince und Jérôme Boateng im gleichen Jahrgang gespielt.«

Waren die Boateng-Brüder schuld?

Tatsächlich erhielt er daraufhin eine Einladung zu einem Trainingslager in Deutschland – hochoffiziell vom philippinischen Fußballverband. Ob die Boateng-Brüder ausschlaggebend waren, kann er im Nachhinein nicht sagen. Aber das war auch egal – sein Traum, einmal in irgendeiner Nationalmannschaft zu spielen, war plötzlich zum Greifen nah. »Die deutsche Elf war da eh schon so weit weg wie der Mars.«

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