Wie ein Amateurverein von der Mafia beherrscht wurde

Der Pate von Neuruppin

2005 förderte eine Razzia in einer brandenburgischen Kleinstadt erschreckendes zu Tage: Union Neuruppin befand sich seit Jahren im Bann der der Mafia. Nun ist der Ex-Pate Olaf Kamrath Freigänger – und will zurück in den Fußball. Wie ein Amateurverein von der Mafia beherrscht wurdeGunnar Leue

Der 18. August 2004 war ein schwarzer Tag für den SV Union Neuruppin. Der kleine Verein aus der 32.000-Einwohnerstadt in Brandenburg verlor seinen Mittelstürmer, er verlor seinen Präsidenten und schließlich auch seinen Mäzen – alle in einer Person. Olaf Kamrath, der All-in-one-Unioner, wurde morgens um sechs in seinem Haus verhaftet.

[ad]

Die Razzia bei Tagesanbruch ging in die Stadtannalen ein. Nicht weniger als 400 Polizisten gegen eine Bande, die für Drogenhandel, Bestechung, illegales Glückspiel, Prostitution im großen Stil verantwortlich gemacht wurde. Und Olaf Kamrath war ihr Boss. Der Pate von Neuruppin.

»Olaf war ein absoluter Kumpeltyp«

»Ich wollte es damals gar nicht glauben«, erzählt der Ü50-Unioner »Haddel« am Vereinsheimtresen, wo das Trainingsgekicke der Alten Herren in sämiger werdenden Gesprächen austrudelt. »Olaf war ein absoluter Kumpeltyp, hat nicht geprotzt und immer viel für den Verein getan.« So viel, dass ein paar Spieler den Klub nach dem Bandencrash gleich verlassen wollten, weil sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr bezahlt wurden. Nicht mal mehr Torprämien gab es. Gegangen ist dann nur einer – was nicht verhinderte, dass dem Aufstieg der Mannschaft in die Landesliga der sofortige Wiederabstieg folgte.

Derweil führte der Weg des zwielichtigen Präsidenten direkt ins Gefängnis. Wieder mal, könnte man sagen. Denn einige Zeit zuvor hatte er noch mit seinen Unionern gegen Häftlinge gespielt. Ein Angebot der JVA-Chefs, zur Integration der Gefangenen, sagt Olaf Kamrath. Skurril. Findet er auch, jetzt im Nachhinein.

Wenn man ihn sieht, muss man an Axel Schulz denken

Kamrath erlebte also sein persönliches Sommermärchen im Knast. Die Erinnerungen, die er an die WM 2006 hat, gehören zu seinen schönsten hinter Gittern. »Wir haben Fahnen rausgehängt und getrötet«, erzählt der 42-Jährige mit der Glatze. »Außer Sport hast du da drin ja auch nichts weiter.« Das Ergebnis ist ein Oberkörper, der unterm Sakko ziemlich spannt. Man muss unweigerlich an Axel Schulz denken. Wie der Kuschelboxer duzt auch Olaf Kamrath auf Anhieb – »so unter Sportsleuten.«

Vom Richter wurde Sportsfreund Kamrath bescheinigt, dass er vor allem durch sein Charisma zum Kopf der Bande aufgestiegen sei. Heute gibt sich dieser Kopf geläutert. »Das mit den Drogen war natürlich scheiße, irgendwann hat man sich das halt schöngeredet: Wenn wir den Markt kontrollieren, ist der Stoff wenigstens sauber.« Für solche Argumentation gibt es im Strafrecht keinen Rabatt: Zwölf Jahre lautete das Urteil. Sechs hat Kamrath abgesessen. Seit einem Jahr ist er im offenen Vollzug. Im Gefängnis hat er per Fernstudium seinen Immobilien-Fachwirt gemacht: Note 1.

1989 floh er über die Prager Botschaft in den Westen

Ein Neuruppiner Makler traute sich, ihm eine neue Chance zu geben. Nun sitzt Kamrath in seinem winzigen Büro in einer Einkaufspassage, umgeben von lauter Aktenordnern. Ab und zu organisiert er Wohnungsbesichtigungen oder berät alimentierungsberechtigte Bürger, ob ihre gewünschte Wohnung Hartz-IV-regelungskompatibel ist.

Schon vor seiner Verhaftung hatte der gelernte Elektriker mit Immobilien zu tun – als Besitzer. Nachdem er 1989 über die Prager Botschaft in den Westen geflohen war und mit einem Imbisswagen bald wieder in seiner Heimatstadt einrollte, war er schnell zum personifzierten Aufschwung Ost geworden. Zunächst eröffnete er ein Fitnessstudio, dann eine Disco, Spielotheken. Er kaufte Häuser und ließ sie sanieren. In den späten Neunzigern begann er mit seinen Kumpels mit Koks zu dealen – die Geburtsstunde der »XY-Bande«. Der Name rührte von der Marotte der Mitglieder her, als internes Erkennungszeichen ein »XY« auf Nummernschildern ihrer schwarzen Limousinen zu führen. Auf den Parkplätzen sah es nun plötzlich aus wie in der Mafia-Hochburg Palermo.

Seine Spielothekenkette »Monte Carlo« war Hauptsponsor

Den Vergleich mit Sizilien bestätigte indirekt sogar das Gericht. Es hatte dem Mafioso, der auch noch für die CDU im Finanzausschuss der Stadt saß, bescheinigt, mit seinen Machenschaften ein wichtiger lokaler Wirtschaftsfaktor gewesen zu sein. Dazu gehörte eben auch der Fußball. In den Spielen half Kamrath seinem Verein vorne als Knipser, als Präsident und Mäzen mit seinem finanziellen Background. Seine Spielothekenkette »Monte Carlo« war Hauptsponsor, gut sichtbar auf den Trikots auch der Union-Knirpse. Jährlich habe er rund 15000 Euro berappt, sagt Kamrath, für Bälle, Busfahrten, ein Trainingslager in Schweden. Der Verein habe ihm nun mal am Herzen gelegen.

Das Thema Fußball spielte gleichwohl nur eine Nebenrolle im 17-monatigen Prozess mit 150 Zeugen gegen neun Hauptangeklagte. Umso wichtiger wurde es im Gefängnis erachtet, wo Kamrath in einer JVA-Elf kickte. In seinem Vollzugsplan sei ausdrücklich vermerkt worden, dass er sich unbedingt wieder einem Verein anschließen solle, sagt er. Zur Resozialisierung.

»Glauben die, ich verkaufe Koks an Jugendspieler?«

Als Freigänger spielt er nun bei den Maulwürfen Neuruppin. Lieber wären ihm die Alten Herren von Union gewesen. Dort wollten sie ihn aber nicht wieder haben, was Kamrath, nur schwer versteht. »Dass sie sich von Drogen distanzieren, ist ja richtig. Aber glaubt jemand, ich verkaufe Koks an die Jugendspieler?« Er spricht von Doppelmoral, schließlich habe ein verurteilter Komplize zurück gedurft. In seinem Fall regiere wohl die Angst, durch öffentliche Aufmerksamkeit Sponsoren zu verlieren. »So ein Quatsch, das weiß Olaf auch, wir haben ja drüber gesprochen«, sagt Markus Fetter in seinem Bauplanungsbüro, das fast um die Ecke liegt. Den Präsidentenjob hat er 2005 übernommen, seinen Vorgänger kennt er aus dem Kindergarten. »Rein menschlich« habe man sich auf den Olaf immer verlassen können, sagt Fetter. »Für den Verein hat er viel gemacht.«

Aber eine Wiederaufnahme des Ex-Mafioso geht nicht so einfach. In der Öffentlichkeit zieht man da schnell eine Verbindung zwischen Drogen und Jugend. Manche Eltern seien definitiv gegen Kamraths Comeback gewesen, auch Sponsoren, hinter vorgehaltener Hand, sagt Markus Fetter. Der Verein hat sich so eben erholt vom Unflat des organisierten Verbrechens. Man will keinen neuen Ärger.

»Vorbildliche Integrationsarbeit und für gute Nachwuchsarbeit«

Zwei Pokale stehen auf dem Regal im Vereinsheim, verliehen vom Landkreis für »vorbildliche Integrationsarbeit und für gute Nachwuchsarbeit«. Sieben der elf Fußballmannschaften des Vereins sind Jugendteams. Seit dem XY-Prozessjahr hat sich die Mitgliederzahl auf knapp 400 verdoppelt. Man ist sogar dem großen Lokalkonkurrenten MSV Neuruppin nahe gekommen.

Möglich, dass dabei eine Korruptionsaffäre eine Rolle spielte – nämlich die des MSV. Der zeitweilige Oberligist war jahrelang von den kommunalen Stadtwerken protegiert worden, deren Geschäftsführer zugleich Vizepräsident des Vereins war. »Jeder wusste im Prinzip, dass die Stadtwerke Aufträge nur an Firmen vergaben, die den MSV sponserten. Bis sich mal einer aufzumucken traute«, erzählt Fetter. Als 2007 alles aufflog und der Vize zwei Jahren auf Bewährung bekam, weil er illegal viel Geld zum MSV gelenkt hatte, nahm er sich 2009 das Leben. Der MSV war zu dem Zeitpunkt bereits pleite und in die Liganiederungen abgestiegen. Gefestigt war der Ruf der Stadt, der sich auf einem gegnerische Fantransparent so las: »Bestechung, Schutzgeld, Kokain, ja so schreibt man Neuruppin«.

Das Erbe der XY-Bande ist verschwunden

Die Unioner waren also nicht die einzigen, der Vereinsgebare justiabel wurde. Ein kleiner Trost? »Ach«, sagt Markus Fetter. »Wir haben uns ohnehin nie als schwarze Schafe im Neuruppiner Fußball gesehen.«

Sechs Jahre, nachdem die Bombe platzte, gilt das bittere Erbe der XY-Bande als überwunden. All das sei lange her, hört man in jedem zweiten Satz. Auch Verhältnis zum Lokalrivalen ist längst entspannt, und gallige Fanplakate gibt es auswärts ebenfalls nicht mehr zu sehen.  

Er trainiert zweimal die Woche. Er will fit sein für den großen Tag.

Olaf Kamrath, der ehemalige Pate von Neuruppin, freut sich derweil auf die zweite Jahreshälfte, dann könnte er wegen guter Führung entlassen werden. Er hat sogar schon eine Einladung zum EM-Gucken, von Freunden aus Polen. »Aber da werde ich sicher noch nicht draußen sein.«

Immerhin: Beim Kreisklassen-Lokalderby Union II gegen Maulwürfe Neuruppin dürfte er dabei sein. Zweimal die Woche trainiert er, er will fit sein für den großen Tag. Seine Bewährungshelfer wird das freuen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!