Im physischen Bereich bemerkte ich schnell, dass ich mit einigen Spielern bei entsprechendem Training auf Augenhöhe hätte sein können. In Zweikämpfen setzte ich mich aber trotzdem nur selten durch, weil sich die Jungs extrem reaktionsschnell und geschickt im Kampf Mann gegen Mann verhielten. Eine gewagte Grätsche war für mich als Trainingsgast natürlich tabu, schließlich wollte ich die Schlagzeile »Übermotivierter Praktikant tritt Bundesligaprofi ins Krankenhaus!« unbedingt vermeiden.
Im Großen und Ganzen war ich mit meinen Trainingsleistungen zufrieden , nach einigen Tagen legte ich auch meinen übertriebenen Respekt auf dem Platz langsam ab. Da meine Praktikumszeit parallel zum Oktoberfest stattfand, ging ich mit zwei Bekannten nach dem vielumjubelten 2:1 -Heimsieg der Löwen gegen Fortuna Düsseldorf auf das größte Bierfest der Welt. Das Maß lief in Strömen und als ich nachts in mein Bett torkelte, freute ich mich, dass am nächsten Tag nur eine regenerative Trainingseinheit stattfinden sollte.
Bodden, Schwabl und Co. erteilten mir eine Lektion
Am besagten Morgen nach dem Spiel, mit reichlich Restalkohol im Blut, geriet ich aus unerfindlichen Gründen in eine 5:2-Runde von Stammspielern. Die Regeln waren klar und einfach. Bei 20 Kontakten ohne Berührung der jeweiligen Abwehrspieler mussten diese eine weitere Strafrunde in der Mitte verweilen. Jeder »Tunnel« kostete eine zusätzliche Strafrunde. Ich war verkatert und stand ein wenig neben mir. Ich habe bis heute keine Ahnung, ob irgendjemand bemerkte, wie weiß ich im Gesicht war und dass in meinem Kopf ein Vorschlaghammer außer Kontrolle geraten war. Ehe ich mich versah war ich in der Mitte und der Ball sprang wie beim Flipper in irrem Tempo um mich herum. Nach kurzer Zeit hatten die Jungs mich fünfmal getunnelt und den Ball etwa 100 Mal rotieren lassen. Ich fühlte mich wie beim Rodeo, wo der Bulle mich unbarmherzig nach links und nach rechts und wieder nach links schleuderte. Ich hatte das starke Bedürfnis meinen Mageninhalt zu entleeren, mein Kreislauf stand kurz vor dem Zusammenbruch. Endlich hatten Manfred Schwabl, Olaf Bodden & Co. ein Einsehen, mit einem Grinsen im Gesicht beendeten sie die Tortur.
Im Rahmen meiner Praktikumswochen ließen mich die Spieler für vielleicht 90 Sekunden spüren, wie Profifußball funktioniert. Ihre wortlose Ansage war hart und eindeutig: »Wir spielen ein anderes Spiel als Du. Wir sind Fußballer und du bist ein langhaariger Sportstudent mit Fußballschuhen, der in der Freizeit kicken geht!«
Das war ernüchternd, aber irgendwie auch befreiend. Meine Sicht auf den Profifußball haben diese zwei Wochen nachhaltig geprägt. Sätze wie: »Das Tor muss er machen!«, »So einen Pass kann man nicht spielen!«, oder: »So ein Abwehrverhalten geht gar nicht«, kommen mir seitdem nur selten über die Lippen. Profifußballer sind taktisch unfassbar gut geschult, der Ball wird scharf gespielt, die Spieler sind in Höchstgeschwindigkeit auf dem Platz unterwegs und die Komplexität des Spiels erfordert eine unbeschreibliche Handlungsschnelligkeit. Ein Grund für die Faszination des Profifußballs für viele Freizeitspieler besteht meiner Ansicht darin, dass alles so einfach aussieht. Jeder kann sich mit dem Spiel der Profis identifizieren, weil es ja bei den abertausenden Amateurspielen an jedem Wochenende scheinbar ganz ähnlich läuft. Die Wahrheit ist aber eine andere: Profifußball ist ein anderer Sport.