Das Training meines Lebens begann mit einem dreckigen Abstiegskampf in der Bezirksliga Darmstadt-Ost. Einer unserer Vereinsvorsitzenden war mit Werner Lorant verschwägert. In der Saison 1991/92 trainierte Lorant Viktoria Aschaffenburg und kam in derselben Saison zweimal bei uns beim SV 1919 Münster zum Einsatz. Ohne Frage konnte er noch mit seiner Technik brillieren, bestach durch ein gutes Auge, aber sein Hüft- und Knieleiden brachten selbst auf diesem Spielniveau keinen zählbaren Erfolg. Im Gegenteil: Die Gegner waren motiviert ohne Ende, mit unserem Ex-Profi in den eigenen Reihen gingen wir zweimal als gedemütigte und verspottete Verlierer vom Platz. Den Abstieg vermieden wir schließlich ganz klassisch in einem Herzschlagfinale am letzten Spieltag. Die Freude darüber war grenzenlos, Werner Lorant natürlich eine Anekdote unserer Saisongeschichte. Unsere Wege sollten sich anschließend aber überraschenderweise erneut kreuzen.
Lorant übernahm kurze Zeit später den Trainerposten beim TSV 1860 München. Er führte die Mannschaft durch seine unnachahmliche Art sensationell durch zwei Aufstiege in Folge zurück in die Bundesliga. Zum damaligen Zeitpunkt studierte ich Sportwissenschaften und bat den besagten Vereinsvorsitzenden ein Praktikum bei den Sechzigern zu arrangieren. Werner Lorant sagte – wahrscheinlich im Freudentaumel der ersten erfolgreich beendeten Bundesligasaison 1994/95 – überraschend zu.
»Nur, wenn Du nix kaputtmachst!«
Im September 1995 war es tatsächlich so weit: Ich meldete mich wie verabredet bei Werner Lorant auf der Geschäftsstelle mit meiner kompletten Fußballtrainingsausrüstung in der Sporttasche unter dem Arm an. Er erklärte mir, dass ich die nächsten zwei Wochen beim Training dabei sein könne und ich freute mich wie ein Schneekönig mit Spielern wie Schwabl, Jeremies, Heldt, Stevic, Nowak, Trares, Bodden & Co. auf dem Platz stehen zu dürfen. Das alles jedoch unter einer Bedingung: »Du darfst nur mittrainieren, wenn Du nix kaputtmachst!« Somit hatte ich als zweiundzwanzigjähriger Student mein erstes Probetraining bei einem Profiklub, um mich für eine aktive Teilnahme am Trainingsbetrieb zu qualifizieren. Alternativ hätte ich die Trainingseinheiten als Zaungast unter den Kiebitzen verfolgen müssen.
Ich war voller Adrenalin und bestand diese Prüfung ohne groben Unfug im flüssigen Passspiel zu produzieren oder gar einen Profispieler wegzugrätschen. So stand ich dann Tag für Tag im Laufe der nächsten zwei Wochen auf dem Platz, spielte als Warm-up 5:2 mit den Torhütern und den Co-Trainern und wurde in den Trainingsbetrieb voll integriert. Immer wieder versuchte ich mich in Kopfballduellen mit dem Sturmtank Olaf Bodden zu behaupten, lieferte mir Laufduelle auf dem linken Flügel mit Horst Heldt und schoss an guten Tagen von zehn ruhenden Bällen an der Strafraumlinie fünf in das Tor von Bernd Meier. Lässiger Kommentar von Co-Trainer Roland »Magic« Kneißl: »A guada Spuia macht vo fünf Bälln mindestn acht rein!«
Eine Lektion von Schwabl und Co.
Im physischen Bereich bemerkte ich schnell, dass ich mit einigen Spielern bei entsprechendem Training auf Augenhöhe hätte sein können. In Zweikämpfen setzte ich mich aber trotzdem nur selten durch, weil sich die Jungs extrem reaktionsschnell und geschickt im Kampf Mann gegen Mann verhielten. Eine gewagte Grätsche war für mich als Trainingsgast natürlich tabu, schließlich wollte ich die Schlagzeile »Übermotivierter Praktikant tritt Bundesligaprofi ins Krankenhaus!« unbedingt vermeiden.
Im Großen und Ganzen war ich mit meinen Trainingsleistungen zufrieden , nach einigen Tagen legte ich auch meinen übertriebenen Respekt auf dem Platz langsam ab. Da meine Praktikumszeit parallel zum Oktoberfest stattfand, ging ich mit zwei Bekannten nach dem vielumjubelten 2:1 -Heimsieg der Löwen gegen Fortuna Düsseldorf auf das größte Bierfest der Welt. Das Maß lief in Strömen und als ich nachts in mein Bett torkelte, freute ich mich, dass am nächsten Tag nur eine regenerative Trainingseinheit stattfinden sollte.
Bodden, Schwabl und Co. erteilten mir eine Lektion
Am besagten Morgen nach dem Spiel, mit reichlich Restalkohol im Blut, geriet ich aus unerfindlichen Gründen in eine 5:2-Runde von Stammspielern. Die Regeln waren klar und einfach. Bei 20 Kontakten ohne Berührung der jeweiligen Abwehrspieler mussten diese eine weitere Strafrunde in der Mitte verweilen. Jeder »Tunnel« kostete eine zusätzliche Strafrunde. Ich war verkatert und stand ein wenig neben mir. Ich habe bis heute keine Ahnung, ob irgendjemand bemerkte, wie weiß ich im Gesicht war und dass in meinem Kopf ein Vorschlaghammer außer Kontrolle geraten war. Ehe ich mich versah war ich in der Mitte und der Ball sprang wie beim Flipper in irrem Tempo um mich herum. Nach kurzer Zeit hatten die Jungs mich fünfmal getunnelt und den Ball etwa 100 Mal rotieren lassen. Ich fühlte mich wie beim Rodeo, wo der Bulle mich unbarmherzig nach links und nach rechts und wieder nach links schleuderte. Ich hatte das starke Bedürfnis meinen Mageninhalt zu entleeren, mein Kreislauf stand kurz vor dem Zusammenbruch. Endlich hatten Manfred Schwabl, Olaf Bodden & Co. ein Einsehen, mit einem Grinsen im Gesicht beendeten sie die Tortur.
Im Rahmen meiner Praktikumswochen ließen mich die Spieler für vielleicht 90 Sekunden spüren, wie Profifußball funktioniert. Ihre wortlose Ansage war hart und eindeutig: »Wir spielen ein anderes Spiel als Du. Wir sind Fußballer und du bist ein langhaariger Sportstudent mit Fußballschuhen, der in der Freizeit kicken geht!«
Das war ernüchternd, aber irgendwie auch befreiend. Meine Sicht auf den Profifußball haben diese zwei Wochen nachhaltig geprägt. Sätze wie: »Das Tor muss er machen!«, »So einen Pass kann man nicht spielen!«, oder: »So ein Abwehrverhalten geht gar nicht«, kommen mir seitdem nur selten über die Lippen. Profifußballer sind taktisch unfassbar gut geschult, der Ball wird scharf gespielt, die Spieler sind in Höchstgeschwindigkeit auf dem Platz unterwegs und die Komplexität des Spiels erfordert eine unbeschreibliche Handlungsschnelligkeit. Ein Grund für die Faszination des Profifußballs für viele Freizeitspieler besteht meiner Ansicht darin, dass alles so einfach aussieht. Jeder kann sich mit dem Spiel der Profis identifizieren, weil es ja bei den abertausenden Amateurspielen an jedem Wochenende scheinbar ganz ähnlich läuft. Die Wahrheit ist aber eine andere: Profifußball ist ein anderer Sport.