Wie Effenberg in Paderborn scheiterte

Schiffbruch mit Tiger

»Der erste Schuss als Trainer muss sitzen«, sagte Stefan Effenberg mal. Nach seiner Entlassung in Paderborn muss man festhalten: Es saß gar nichts.

imago

Es ist beinahe 22 Jahre her, als sich Stefan Effenberg zum ersten Mal mit Deutschland überwarf. Weil er beim WM-Spiel gegen Südkorea lang von den mitgereisten deutschen Fans ausgepfiffen wurde, verabschiedete er sich bei seiner Auswechslung mit dem Mittelfinger. Deutschland war empört, die »Bild« tobte, Berti Vogts suspendierte ihn. Die Posse ist altbekannt und lange schon Teil der großen Fußball-Antihelden-Geschichtsschreibung.   
 
Jetzt, so könnte man meinen, hat Deutschland ihn wieder besiegt. Mit seinen verdammten Regeln und Verboten, mit seiner Bürokratie und Pedanterie. Er ist der Mann ohne Trainerschein, ohne Führerschein, ohne Job. Aber vielleicht ist er auch nur an Paderborn gescheitert.

»Unser Oktoberfest heißt Libori«
 
Dabei wollte Stefan Effenberg, der blonde Tiger, so gerne alles richtig machen. Er zog mit seiner Gattin Claudia in eine Wohnung nach Paderborn, und sie frohlockte schon nach ein paar Tagen: »Stefan ist nun ein waschechter Paderborner. Vor einigen Tagen habe ich ihn beim Einwohneramt angemeldet!«
 
Auch die Stadt jauchzte vor Freude über die Ankunft der Effenbergs. Auf derwesten.de durften verschiedene Paderborner erzählen, warum das Paar ihre Stadt schätzen würde. Ein Mann der Werbegemeinschaft Paderborn sagte etwa: »Unsere Einkaufsstadt bietet für jeden Geschmack etwas, wir werden auch Frau Effenberg eingekleidet bekommen.« Und ein Mitarbeiter des Stadtmarketings glaubte, dass die Effenbergs auch in Paderborn Möglichkeiten finden werden, ordentlich zu feiern.  »Unser Oktoberfest heißt Libori«, jubelte er.
 
Sein Co-Trainer Sören Osterland versuchte derweil den Kritikern zu kontern, die glaubten, dass der Münchener Effenberg nicht in die ostwestfälische Provinz passe: »Wenn man ihn besser kennt, dann ist der Schritt nach Paderborn absolut nachvollziehbar. Er mag auch das Menschliche, das Familiäre, das Gemütliche.« Und auch Klubboss Wilfried Finke befand: »Die Chemie stimmt.«

»Der erste Schuss muss sitzen«
 
In jenen Tagen spukte auch ein altes Zitat von Effenberg durch die Zeitungen. Er hatte ihn im Frühjahr 2012 im Rahmen eines Interviews mit der 11FREUNDE-Autorin Anna Kemper gesagt. Auf die Frage, ob er in die zweite Liga gehen würde, sagte er: »Ich habe ganz klar andere Ziele. Bei mir wäre die Aufmerksamkeit doch riesengroß. Du gehst ins erste Spiel, auf einmal fehlen dir drei Spieler. Und du kannst die nicht ersetzen, weil die Qualität im Kader fehlt. Nach ein paar Spieltagen wirst du gefeuert. Da fragt keiner nach den Gründen. Ich suche mir das ganz genau aus.«
 
Er schloss die Rede mit den Worten: »Der erste Schuss muss sitzen.«
 
Anfangs schien der Schuss, trotz Zweiter Liga, trotz Paderborn, wirklich zu sitzen. Effenberg startete mit zwei Siegen, 2:0 gegen Braunschweig, 2:0 gegen Union Berlin. Und man hatte das Gefühl, dass die Fußballfans, nicht nur die in Paderborn, ihm diesen Erfolg gönnen würden – ganz egal, wie sehr sie sich an seinen Eskapaden und Lautsprecher-Aussagen aus der Vergangenheit abgearbeitet hatten. Effe wirkte plötzlich gar nicht mehr wie ein Tiger, wie ein ewiger Mittelfinger, wie eine menschgewordene Ed-Hardy-Applikation, er sah plötzlich aus wie ein Mensch: blauer Strickpullover, blaue Hose, graue Turnschuhe. Er sprach, für seine Verhältnisse, ruhig und sachlich.
 
Und dann brach alles auseinander.
 
Nach den zwei Siegen gewann Paderborn kein einziges Spiel mehr. Die Luft war raus, bevor Effe sie überhaupt richtig reingelassen hatte. Vielleicht war sogar das Pokalspiel gegen den BVB der Knackpunkt, vielleicht kamen da in der Mannschaft die ersten Zweifel auf, dass der neue Trainer ein grandioser Spieler war, aber vielleicht nicht unbedingt ein grandioser Trainer ist. 1:7 stand es am Ende.
 
Danach Niederlagen gegen Freiburg, Bochum, Nürnberg oder Leipzig. Spiele, die man verlieren kann. Zumindest wenn man gegen Mannschaften wie Heidenheim, Sandhausen oder Bielefeld, Düsseldorf oder 1860 München gewinnt. Heute liest sich die Bilanz der letzten vier Monate erschreckend: dreizehn Spiele, sechs Unentschieden, sieben Niederlagen.

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