Wie Edwin van der Sar zum Prototyp des modernen Torwarts wurde

Die Evolution des Eiskaninchens

Heft#116 07/2011
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Der lange Weg aus dem Tor

Frans Hoek (55) gilt als innovativster Torwarttrainer der Welt. Er arbeitete bei Ajax Amsterdam, dem FC Barcelona und Bayern München. In dieser Zeit prägte er die Entwicklung moderner Torhüter wie Edwin van der Sar, Victor Valdes und Pepe Reina.

Edwin van der Sars Weg zum prägenden Torhüter der vergangenen zwanzig Jahre war der lange Marsch weg von der eigenen Torlinie. Ich selbst stand zwölf Jahre lang im Tor des niederländischen Erstligisten FC Volendam, doch Edwins Vorbild war ich ganz sicher nicht. Er orientierte sich eher an Jungs wie Piet Schrijvers, der jahrelang das Gehäuse von Ajax Amsterdam hütete.

Dass Edwin van der Sar überhaupt auf dem Radar der Fußballwelt auftauchte, haben wir jedoch einem anderen Mann zu verdanken: Kees Guijt. Er war mein Mitspieler in Volendam, ein guter Freund und Edwins Onkel. Ich arbeitete seit 1985 als Torwarttrainer bei Ajax Amsterdam, als Kees mich eines Tages anrief und sagte: »Schau dir mal meinen Neffen an. Er ist ein Torwarttalent.« Ich erzählte dem damaligen Jugendkoordinator Louis van Gaal vom jungen Keeper des VV Noordwijk, schließlich hatte ich es Kees versprochen. Doch Louis hatte bereits einige junge Torhüter im Visier, erst als er hörte, dass es im Klub auch zwei interessante Feldspieler für Ajax geben könnte, wurde er hellhörig. Wie es der Zufall so wollte, war der Trainer von VV auch noch ein Freund von Louis. Wir fuhren hin.

Der 18-jährige Edwin van der Sar, den wir 1988 erstmals zu sehen bekamen, war kein herausragendes Talent, sondern ein sehr langer, sehr dünner Junge, der Bälle fangen konnte. Kurioserweise war Edwins Durchschnittlichkeit unser Glück, denn zu dieser Zeit suchten alle Vereine kräftige Torhüter wie den frischgebackenen Europameister Hans van Breukelen. Wäre Edwin auffälliger gewesen, hätten ihn längst Klubs aus dem nahe gelegenen Rotterdam geholt. Zudem erkannten wir eine besondere Qualität an ihm: Der Junge konnte Fußball spielen. Und das als Torwart.

Die Einführung der Rückpassregel verschob die Anforderungen

Um zu begreifen, warum wir Edwin dann zum Probetraining eingeladen haben, muss man die Spielidee von Ajax Amsterdam verstehen. Unser Spiel war auf Ballbesitz ausgerichtet, teilweise lag er bei den Profis zwischen 60 und 80 Prozent. Wir schoben unsere Abwehr bis auf die Mittellinie vor, um den Gegner in der eigenen Hälfte unter Druck zu setzen, und viele Spieler in das Offensivspiel einschalten zu können. Dadurch entstand allerdings ein riesiger Raum zwischen Abwehr und Torwart. Also entwickelte ich ein Profil, das die Anforderungen zukünftiger Ajax-Torhüter vereinte, und das perfekt zum Spielsystem der Mannschaft passte. Ich nutzte meine Erfahrungen als Profi und griff zudem auf wissenschaftliche Methoden zurück, die ich aus meinem Sportstudium kannte. Ich plante den modernen Torhüter quasi am Reißbrett. Der sollte nicht mehr nur Torverhinderer sein, sondern auch zum elften Feldspieler werden. Dazu mussten unsere Torhüter von der Linie weg, den Raum vor sich beherrschen, sich in den Spielaufbau einschalten und lernen, ein Spiel zu lesen. Edwin hatte in der Jugend lange im Feld gespielt und konnte sehr gut mit dem Ball umgehen. Das wurde sein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Heute mögen diese Anforderungen selbstverständlich klingen, aber in den neunziger Jahren kannte man eigentlich nur einen Torwarttypus, den ich Reaktionstorhüter nenne. Spieler wie Oliver Kahn standen auf der Linie und reagierten auf das Spiel. Sie verließen sich auf ihre erstklassigen Reflexe, anstatt vorher selbst aktiv zu werden. Fußballerische Qualitäten waren nicht gefragt. Doch als die FIFA im Jahr 1992 die Rückpassregel änderte, verschoben sich die Anforderungen über Nacht. Plötzlich durften Torhüter Rückpässe nicht mehr mit der Hand aufnehmen. Das überforderte so manchen Kraftmeier. Unsere Keeper indes waren darauf vorbereitet, denn sie trainierten jeden Tag bis zu 80 Prozent mit der Mannschaft und sehr viel mit dem Ball am Fuß. Wenn Edwin also nicht bei Ajax Amsterdam gelandet wäre, wäre aus ihm wohl nie ein so guter Allroundkeeper geworden.

Der Prototyp des modernen Keepers

Lange kämpften wir jedoch selbst im eigenen Verein gegen große Widerstände, denn außer Louis und mir hatte Edwin keine Befürworter. Er passte nicht in das Bild der Leute und überragte seine Konkurrenz lange nur durch Körpergröße. Edwin war sicher mit weniger Talent gesegnet als andere und kein spektakulärer Flieger, dafür bestach er durch seinen unbändigen Willen. Wir tauschten uns ständig miteinander aus, sprachen intensiv über fast jede Aktion. Es war, als würden wir gemeinsam eine neue Spezies schaffen: den Antizipationstorwart.

Diese moderne Version des Schlussmanns arbeitet vor allem funktionell und agiert aktiv im Spiel. Edwin van der Sar war ihr Prototyp. Seine Klasse drückte sich nicht durch große Paraden aus, er entschärfte brenzlige Situationen, bevor diese überhaupt entstanden. Wenn er fliegen musste, dann hatte er vorher wahrscheinlich falsch gestanden. Es war sein allerletztes Hilfsmittel. Über die Jahre arbeitete er sich Schritt für Schritt weiter ins Spielfeld und entwickelte so ein unglaubliches Gespür für die perfekte Position im Raum. Schob seine Mannschaft in die gegnerische Hälfte, rückte er elf bis zwanzig Meter vor das Tor. So konnte er die gesamte eigene Hälfte verteidigen und war jederzeit bereit, Steilpässe zu erlaufen. Stand Edwin gut, umging der Gegner im Falle eines Konters den direkten Weg durch die Mitte und suchte stattdessen den Pass nach außen.

Der gegnerische Pass nach außen war Van der Sars beste Parade

Es mag komisch klingen, aber dieser Pass war Edwins beste Parade, denn so verzichtet der Gegner auf den direkten Weg zum Tor. Zudem beraubt er sich einer Angriffsoption, weil ihn auf einer Seite die Außenlinie begrenzt. Durch sein Stellungsspiel verhinderte Edwin hunderte Torchancen, ohne dass die Zuschauer es überhaupt bemerkten. Er war einer der Ersten, der diese Qualität besaß, und entwickelte sie bis zur Perfektion weiter. Ein Quantensprung für das Torwartspiel

Natürlich ist das Abwehren von Torchancen weiterhin erste Torhüterpflicht, doch der moderne Fußball reduziert die reine Torwartarbeit zunehmend. Durch systematisierte Defensivarbeit, aggressives Pressing und das konsequente Verschieben in Richtung des Balles sind mittlerweile alle Mannschaften in der Lage, das Spiel weit vom eigenen Tor fernzuhalten. Deswegen kann es Spiele geben, in denen Torhüter über weite Strecken beschäftigungslos bleiben. So wird es schwerer, sich über die ganze Spielzeit zu konzentrieren. Edwin hatte eine eigene Methode entwickelt, um seine Anspannung hochzuhalten. Dank seiner erstklassigen Beinarbeit konnte er dem Spiel immer folgen. Mit kleinen Sidesteps blieb er immer auf einer Linie mit dem Ball, im entscheidenden Moment verlagerte er den Druck auf den Vorderfuß, um zu beschleunigen. Dabei sah er aus wie eine Ente: Der Oberkörper blieb regungslos, seine Beine waren ständig in Bewegung. Edwins mentale Stärke war einmalig. Seine jüngeren Nachfolger wie Manuel Neuer und Victor Valdes, die sicher mehr physische Qualität haben, müssen das noch lernen. Ihre Rolle im Offensivspiel wird weiter in den Vordergrund rücken. Diese ideelle Verschiebung vom Torhüter zum Torspieler hatte Edwin verinnerlicht wie kein Zweiter.

Sicher kein Materialfreak

Ich habe Keeper kennengelernt, die nervös wurden, wenn sich der Ball in ihren Händen ungewohnt anfühlte. Edwin war da unkomplizierter, er war kein Materialfreak und hätte im Grunde mit jedem Handschuh spielen können. Er achtete nur auf das Finger-Save-System, den einzigen Schutz für seine empfindlichsten Körperteile. Doch mit den Händen war er ohnehin nur halb so gut wie mit seinen Füßen. Ich kenne kaum einen anderen Torwart, der so präzise passen kann, ein so perfektes Timing besitzt und nahezu immer die richtige Entscheidung trifft. Er vertraute seinem inneren Speicher, denn dank jahrelanger Erfahrung durch moderne Spielanalyse konnte er Situationen blitzschnell lesen. Spielte der Gegner mit einem Stürmer, baute er über die zentralen Verteidiger auf. Wurde er mit zwei Angreifern unter Druck gesetzt, suchte Edwin den Pass nach außen oder den direkten Weg ins defensive Mittelfeld. Ein langer Ball war für ihn eine Notlösung.

Die Angst vor einem Heber haben wir Edwin genommen

So behielt er in Stresssituationen eine fast schon stoische Ruhe. Er war ein Eiskaninchen, äußerlich cool bis in die Haarspitzen, aber innerlich stand er immer unter Strom. Er hatte alle Optionen abgespeichert und besaß die Klasse, sie wie ein Computer blitzschnell abzurufen. Edwins Spiel war das Ergebnis jener spielintensiven Ajax-Ausbildung, die ständig Spielsituationen simuliert, um Lösungsmuster verfestigen zu können. Im Alter hat Edwin zudem gelernt, sich flexibel an verschiedene Spielsysteme anzupassen und sein Spiel individuell umzustellen.

Für viele Torhüter ist der Fünfmeterraum die Schutzzone, in der sie sich vor ihrer größten Angst absichern: dem Gegentor durch einen Heber. Diese Angst haben wir Edwin genommen, indem wir jeden Tag bis zu 100 Lupfer über ihn gespielt haben. Er musste Vertrauen in seine veränderte Position entwickeln, erkennen, dass er mit gutem Stellungsspiel gegnerische Aktionen antizipieren und im Keim ersticken kann. Nur ohne Angst kann der moderne Torwart ein Gefühl für seine neue Zone bekommen. Edwin war lange ein durchschnittlicher Torwart, aber er bewies Mut, sein innovatives Spiel konsequent weiterzuentwickeln. Vielleicht wusste er, dass ihn nur die Schritte in das Spielfeld an die Weltspitze führen können. Meter für Meter schlich Edwin van der Sar aus seinem Tor und wurde so zum Fixstern eines ganzen Torwartuniversums.

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