Wie Diego Maradona eine alte Dame rettete

»Genießen Sie das Leben! Ihr Diego.«

Frühjahr 1989: Maradona bleibt mit seinem Ferrari in einem Armenviertel Neapels stecken und entdeckt eine alte Dame, die fast vom Balkon stürzte. Sein ehemaliger Berater Angelo Brizzi erzählt, wie der Weltstar zum Wohltäter wurde. Wie Diego Maradona eine alte Dame retteteMario Wagner
Heft#115 06/2011
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Viele Menschen kennen nur zwei Maradonas: den überragenden Fußballer Diego und den alternden Partykönig Maradona, großmäulig, überheblich, kontrovers. Ich habe Diego ganz anders kennengelernt. Das erste Mal traf ich ihn 1987. Der Manager Willi Konrad wollte mit mir zusammen ein Freundschaftsspiel zwischen dem SSC Neapel und dem Hamburger SV organisieren. Wir reisten für letzte Verhandlungen nach Neapel. Auf dem Trainingsgelände des SSC begegnete ich Diego. 

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Er war so klein, so schüchtern. Wir gaben uns die Hand, plauderten ein wenig und tauschten am Ende unsere Telefonnummern aus. Über die Jahre entwickelte sich eine echte Freundschaft zwischen uns. Als Diego 1989 mit Neapel im UEFA-Cup-Halbfinale gegen den FC Bayern München antreten musste, lud er mich nach Italien ein. Da konnte ich natürlich nicht Nein sagen. Als ich an seinem Haus ankam, stand da dieses unglaubliche Auto: Ein blank polierter, roter Ferrari Testarossa. Diego sah, wie ich auf dieses Auto starrte, und sagte lachend: »Der ist ein Geschenk von Enzo Ferrari. Ich bin noch nicht dazu gekommen, ihn Probe zu fahren. Wollen wir eine Runde drehen?« Natürlich wollte ich! Also fuhren wir los. Erst über die Schnellstraßen, dann hinein nach Neapel. 

Endstation Armenviertel

Wir rollten durch die engen Gassen, die Leute gafften uns an. Maradona im leuchtenden Ferrari – mehr Anziehungskraft ging nicht. Diego lenkte den Wagen in eine Seitengasse, und da war es passiert: Das Auto blieb stecken! Die Straße war zu eng. Wir standen mitten in einer der ärmsten Gegenden von Neapel, doch Diego beruhigte mich: »Irgendjemand wird uns schon helfen.« Doch plötzlich fror sein Blick ein: Über uns stand eine alte Dame auf ihrem Balkon. Das war lebensgefährlich, denn der Balkon sah aus, als würde er jeden Moment von der Fassade brechen. Diego nahm wortlos einen Zettel und notierte sich die Adresse des Hauses. Er setzte den Wagen zurück, der Lack kratzte an der Hausfassade entlang. Das war ihm egal, er wollte nur noch weg. Auf der Rückfahrt schwieg Diego, und ich ahnte: Er heckte etwas aus. 

Ein Bündel Geldscheine

Vier Wochen später traf Neapel im UEFA-Cup-Finale auf den VfB Stuttgart. Ich durfte wieder Diegos Gast sein. Bei der Begrüßung strahlte er bis über beide Ohren. Er übergab mir einen Umschlag und einen Zettel mit einer Adresse und fragte: »Kannst du das bitte für mich bei der alten Dame abgeben?« Natürlich konnte ich! Also setzte ich mich in ein Taxi und fuhr zu der Adresse. Das Taxi hielt, doch ich glaubte, der Fahrer hätte sich geirrt. Dort sah nichts mehr so aus wie noch vor vier Wochen. Die Fassade war komplett restauriert. Ich suchte nach dem schiefen Balkon der alten Dame, doch auch er war ersetzt worden. Also fragte ich noch einmal den Fahrer, wo genau das Haus auf dem Adresszettel sei. Er zeigte auf die weiße Fassade vor meiner Nase. Ich klingelte bei der Dame, und sie ließ mich hinein. Sie sah sehr glücklich aus und erzählte, dass vor vier Wochen plötzlich die Handwerker gekommen seien. Sie hätten das Haus repariert, ihren Balkon, ihr Badezimmer. Sie hatte Tränen in den Augen und schluchzte: »Seit zwanzig Jahren waren hier keine Handwerker. Ich sagte ihnen, ich könne sie nicht bezahlen, aber die Arbeiter lächelten nur und sagten: ›Kein Problem, all das ist bereits bezahlt.‹« 

Ich ahnte, was los war und übergab der Dame den Umschlag. Sie öffnete ihn und sank auf einen Stuhl. Ich sah nur ein großes Bündel Geldscheine blitzen. Sie zog einen Zettel heraus und las: »Genießen Sie das Leben! Ihr Diego.« Seitdem weiß ich: Diego Maradona hat ein Herz für die armen Menschen, er spricht bloß nicht darüber. Er ist eben weit mehr als Sex, Drogen und Rock’n’Roll.

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