Wie die Stasi die Karriere von Uwe Bardick zerstörte

Das Magdeburg-Puzzle

Weil sein Cousin ihn anschwärzte, wurde Magdeburgs zweiter Torwart Uwe Bardick von der Stasi beschattet und zum Invaliden gespritzt. Bis heute sucht er nach den wahren Gründen.

Wie die Stasi die Karriere von Uwe Bardick zerstörte
Heft#116 07/2011
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Uwe Bardick kann gerade noch auf die Uhr gucken und sich wundern, was ihn in dieser milden Spätsommernacht in den Arm gestochen hat. Während er überlegt, ob ein Mückenstich wirklich so schmerzhaft sein kann, schläft er wieder ein. Es ist die Nacht des 10. September 1986, irgendwann zwischen zwei und drei Uhr. Am Morgen erwacht der zweite Keeper des 1. FC Magdeburg mit einem angeschwollenen Ellenbogen. Er sucht Mannschaftsarzt Dr. Hans-Werner Wallstab auf. Als dieser eine Schleimbeutelentzündung im Ellenbogen diagnostiziert, nickt Uwe Bardick. Die Spieler vertrauen Wallstab, er ist seit Ewigkeiten im Verein und war sogar schon dabei, als der FCM 1974 den Europapokal der Pokalsieger gewann. »Entzündungsfördernde Flüssigkeit raus und entzündungshemmende Flüssigkeit rein«, sagt der Arzt jovial und drückt die Spritze runter. Uwe Bardick lächelt. Er ahnt nicht, dass er nach dieser Injektion nie wieder so Fußball spielen wird wie zuvor.

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Erst elf Jahre später begann Uwe Bardick die Zusammenhänge zu verstehen. Sein Schwager hatte ihn überredet, bei der Gauck-Behörde Einsicht in seine Stasi-Akten zu beantragen. Auch wenn Bardick das eigentlich nicht wollte. Er hatte doch seit einigen Jahren einen guten Job bei der Stadt Essen und lebte mit seiner Frau und seinem Sohn in einem bescheidenen, aber idyllischen Reihenhaus. Doch nun, im Juli 1997, lagen die ersten Dokumente einer Akte zur »Operativen Personenkontrolle« vor ihm, die mit »Trennung« überschrieben war und in der Sätze standen wie: »Der IMS Hans Stock wurde durch mich telefonisch davon informiert, dass er die abgesprochenen Maßnahmen bzw. Einflussnahmen gegen den B. (...) durchführen soll«. Während Bardick das las, spulten sich die Septembertage 1986 vor seinem inneren Auge ab. Ihm dämmerte, dass die Stasi ihn monatelang beschattet hatte. Mit jeder Seite, jedem Satz setzte sich das Bild seines Lebens neu zusammen wie ein riesiges Puzzle. Schnell wurde klar, dass Hans Stock der Tarnname von Mannschaftsarzt Hans-Werner Wallstab war und die Stasi einen Zweitschlüssel zu seiner Wohnung besessen hatte. Doch was bedeutete »B-Maßnahme«? Wer war IM Bollmann? Und was hatte sein Cousin mit der Sache zu tun?

Eine Spinnerei wird zum Verhängnis

Bis heute beantragt Bardick alle zwei Jahre neue Akten, versucht, die kryptische Sprache der Dokumente zu entschlüsseln, decodiert weitere Tarnnamen und stellt Vermutungen über geschwärzte Passagen an. Doch es fehlen ihm immer noch etliche Puzzleteile, warum es zum Stich in der Nacht des 10. September 1986 kam. Alles begann mit einem Gespräch im August 1986. Sein Mannschaftskamerad Reinhard Rother war zu Gast. Die beiden schauten Westfernsehen, das Aktuelle Sportstudio, und sie stellten sich vor, auch mal dort zu sitzen und von Dieter Kürten oder Harry Valérien zu ihren großen Erfolgen befragt zu werden. Einige Tage später besuchte Bardick seine Mutter und erzählte ihr davon, versicherte aber zugleich, sie niemals alleine zu lassen. Seine Tante war auch da. Sie wollte an jenem Abend die Versicherungsbeiträge kassieren und schnappte Gesprächsfetzen auf: Fußball, Westen, Flucht. »Das war doch eine Spinnerei von zwei Zwanzigjährigen«, sagt Bardick heute. »Ich fand vieles in der DDR nicht gut, aber war im Grunde total unpolitisch. Und bestimmt hatte ich nie vor zu fliehen.«

»IM Bollmann«, Bardicks staatstreuer Cousin

Doch Bardicks Tante hatte die Signalwörter gehört und tratschte munter drauf los. Vielleicht übertrieb sie in geselliger Runde ein bisschen, vielleicht wollte sie die Fußballer tatsächlich ans Messer liefern – heute lässt sich das nicht mehr aufklären. Allerdings, das geht aus Bardicks Stasi-Akten hervor, hatte auch der Sohn der Tante die Ohren gespitzt, Bardicks Cousin. Er referierte über das Gehörte staatstreu bei der Stasi und wurde daraufhin als einer von fünf Inoffiziellen Mitarbeitern auf Bardick und Rother angesetzt. Sein Tarnname: »IM Bollmann«.

In den folgenden Wochen sah Bardick Männer in langen schweren Mänteln durch seine Straße gehen, einige befragten die Nachbarn, andere blickten vermeintlich teilnahmslos in der Gegend umher. Eines Abends standen sie bei seinen Eltern an der Tür. »Ich habe sofort an die Gestapo gedacht«, sagt Bardick. »Sie forderten meine Mutter auf, den Raum zu verlassen und setzten sich jeweils im 90-Grad-Winkel zu mir. So konnte der eine meine Mimik analysieren, während der andere mit mir sprach. Ein typisches Verhör.«

»Die Aussagen des B. erscheinen glaubhaft«

Bardick ging nicht davon aus, dass die Männer seinetwegen gekommen waren, denn sie sprachen von einem Mann, der sich bei einem Auswärtsspiel ins »Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet« (NSW) absetzen wollte. Er vermutete, dass es um Reinhard Rother gehe. Er bestritt die Vorwürfe und erklärte sogar, dass er kürzlich mit seiner Mutter zwar über seinen Traum gesprochen habe, Gast im Sportstudio zu sein, eine Republikflucht für ihn aber nie in Frage komme. In seiner Akte wird vermerkt: »Die Aussagen des B. erscheinen glaubhaft.«

Doch die Stasi war vorsichtig geworden. Wenige Monate zuvor hatte sich Dresdens Frank Lippmann bei einem Europacupspiel in Uerdingen abgesetzt. Mit dem im Verhör angesprochenen Auswärtsspiel im NSW war die Europapokalpartie bei Athletic Bilbao am 17. September 1986 gemeint. Vorher war Bardick mit der Mannschaft bereits mehrmals im Westen gewesen. Bei einem Spiel in Saarbrücken hatte ein ehemaliger DDR-Fußballer in der Kabine gestanden und sich mit den Worten verabschiedet: »Wir sehen uns in Bilbao.« Bei einem Intertoto-Cup-Spiel in St. Gallen hatten sich Spieler des FCM mit ehemaligen DDR-Bürgern bei einem Einkaufsbummel unterhalten, etwa mit einer »männlichen Person in Begleitung seiner Frau«. So jedenfalls steht es im Bericht über ein Treffen von Stasi-Hauptmann Werner Thetmann mit Magdeburgs Mannschaftsarzt Hans-Werner Wallstab am Morgen des 9. September 1986.

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