Wie die Stasi die Karriere von Uwe Bardick zerstörte
01.10.2011

Wie die Stasi die Karriere von Uwe Bardick zerstörte

Das Magdeburg-Puzzle

Seite 2/3: Eine Injektion, kein Mückenstich
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Acht Tage blieben der Stasi noch bis zum Spiel in Bilbao. Acht Tage, um weitere Maßnahmen gegen Bardick einzuleiten oder seinen Aussagen aus dem Verhör zu vertrauen. Laut der Dokumente hatte die Staatssicherheit seine Wohnung bereits verwanzt und drang dort in der Nacht des 10. September 1986 mit einem nachgemachten Schlüssel ein. Was er schlaftrunken für einen Mückenstich hielt, war in Wirklichkeit eine Injektion mit einem Mittel, das den Ellenbogen infizierte. Am nächsten Tag wurde die Entzündung vom Mannschaftsarzt weiter verstärkt. In der Akte von Wallstab findet sich ein Vermerk von dessen Führungsoffizier vom 9. September 1986: »Bardick erhält von ihm am Mittwoch eine Spritze, die die Entzündung verstärkt. Da B. sowieso regelmäßig gespritzt wird, fällt dies auch nicht auf.«

Gröber kann ein Arzt gegen den medizinischen Eid kaum verstoßen als der vor einigen Jahren verstorbene Wallstab. Neu war das aber nicht, sondern eine erprobte Methode der Stasi. Beim fluchtverdächtigen Lothar Hause (Vorwärts Frankfurt) wurde 1980 vor einem Uefa-Cup-Spiel in Stuttgart ein angeblicher Virus diagnostiziert. Hause musste in Frankfurt/Oder bleiben und fiel acht Wochen aus. Bardick hatte große Schmerzen, und eigentlich blieb FCM-Trainer Joachim Streich keine Wahl, als ihn aus dem Kader für die Bilbao-Reise zu nehmen. Umso erstaunlicher, dass der Ersatzkeeper schließlich doch mit nach Spanien fuhr. Wieso setzte das MfS anfangs alle Hebel in Bewegung, um Bardick auszuschalten und ließ Streich dann doch gewähren? Es ist das vielleicht größte Puzzleteil, das Bardick heute fehlt, um ein stimmiges Bild dieser Zeit zu legen.

»Wenn bei einem Spieler nur die leiseste Fluchtgefahr bestand, fackelte man nicht lange. Dann wurde angeordnet, den Verdächtigen aus dem Kader zu nehmen«, sagt Streich. Auch Bardick hat keine zufriedenstellende Antwort und verweist auf seine Akte, in der zu lesen ist, dass man ihn »als Attrappe« nach Bilbao mitnehmen musste. Der dritte Torwart des FCM hatte Westverwandte, es bestand ein größeres Fluchtrisiko. Letztendlich musste ein Ersatzkeeper mit, um auszuschließen, dass die Spanier auf die Idee kämen, Magdeburgs Nummer eins Dirk Heyne aus dem Spiel zu treten. »Doch warum befahl man mir dann nicht, einen Jugendkeeper zu nominieren?«, fragt Streich. Bardick zuckt die Achseln. Er konnte sich damals aufgrund der Verletzung kaum auf den Beinen halten. Vielleicht nahm die Stasi an, so einer könne nicht fliehen. Oder war es sinnloser Aktionismus gewesen, einen Fußballer krank zu spritzen?

Vor der Verletzung in der Form seines Lebens

Zurück in Magdeburg wurde Uwe Bardick in einer Klinik am Ellenbogen operiert. Der behandelnde Arzt war entsetzt, als er die Schwere der Entzündung realisierte: »Sie dürfen froh sein, Ihren Arm noch bewegen zu können.« Während er seine Verletzung auskurierte, verpflichtete der 1. FC Magdeburg einen neuen Ersatzmann und degradierte Bardick zu Beginn der Saison 1987/88 in die zweite Mannschaft. Heute blickt er mit Bitterkeit zurück, wenn er davon erzählt, dass er vor der Verletzung in der Form seines Lebens war. Er glaubt, dass ihm aufgrund der willentlich zugefügten Verletzung eine große Karriere verwehrt geblieben ist. Sein ehemaliger Trainer Joachim Streich spricht zwar von einem soliden Torhüter, betont aber, dass er bei einem Oberliga-Topklub kaum Chancen auf die Stammelf gehabt hätte. Und im Westen sei die Konkurrenz nach der Wende noch größer gewesen.

 
 
 
 
 
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