Wie die Polizei mit Fußballfans umgehen sollte

Das Ende der Eskalation

Krasse Einzelfälle und statistische Irrtümer verzerren das Bild in der Fan-Debatte im Fußball. Denn entgegen aller Behauptungen gibt es keine Gewaltwelle. Nun müsste die Polizei abrüsten und intelligenter mit den Fans umgehen. Wie die Polizei mit Fußballfans umgehen sollteJulian Röder
Heft#120 11/2011
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Am kommenden Wochenende findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, Soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche haben wir auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur veröffentlicht. Ihr findet alle Texte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Die folgende Reportage »Das Ende der Eskalation« stammt aus 11FREUNDE #120 (Oktober 2011).


Als die Fans von Borussia Dortmund nach über zweistündiger Fahrt mit diversen Regionalzügen Hannover erreichen, tritt ihnen in der Halle des Hauptbahnhofs die Staatsmacht entgegen. Besonders einschüchternd wirkt sie nicht, denn das Empfangskommando der Polizei besteht vor allem aus einem gutgelaunten Schnauzbarträger von Mitte 50 mit schulterlangem Haar, der nicht einmal Uniform trägt. Auf seiner roten Weste steht »Konflikt-Management«. Detlev Kofbinger, den seine Kollegen nur »Kofi« nennen, ist heute für den Anmarsch zum Stadion von rund 200 Dortmunder Anhängern verantwortlich, die der Polizei in Hannover als Problemfans angekündigt wurden. Er macht aber den Eindruck, als müsse er lediglich ein paar Kinder auf dem Schulweg begleiten.

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Noch bevor die Fans auf den Bahnhofsvorplatz kommen, geht Kofbinger auf die beiden Ultraführer mit Megafon zu. Als sie ihn sehen, hellen sich ihre Mienen auf: »Hallo Jörg«, sagt einer. So richtig erklären kann sich auch Kofbinger nicht, warum er von den Dortmundern Jörg statt Detlev genannt wird, aber wichtiger ist: Man kennt sich. Für Auswärtsfans in Hannover ist der Konfliktmanager mit seiner herzlichen Art ungefähr das, was Dirk Matthies im »Großstadtrevier« für den Kiez ist. Und so dauert die Unterredung mit den Köpfen der Ultras auch keine Minute, dann folgen sie ihm.

»Raumdeckung statt Manndeckung« heißt die Polzei-Devise

Der schwarz-gelbe Tross begibt sich auf den knapp halbstündigen Weg zum Stadion, 200 Fans pilgern dem Mann mit Weste und Schnauzer hinterher. Drumherum trabt eine Handvoll Pferde, die aber eher eine Geste der Gastfreundschaft sind, nachdem die BVB-Fans beim letzten Spiel in Hannover gesungen hatten: »Wir woll’n die Pferde seh’n.« Vorne und hinten rollt noch jeweils ein Polizeiwagen, das ist es auch schon. Weitere Kräfte halten sich außer Sichtweite. »Raumdeckung statt Manndeckung« heißt die Devise der Polizei in Hannover. Zwischenfälle gibt es keine. Weder wird ein Getränkeladen gestürmt noch Scharmützel mit Passanten angefangen, und Sachbeschädigungen bleiben ebenfalls aus. Als die Fans am Stadion ankommen, verabschieden sie sich: »Bis später, Jörg.«

Wie passt diese Idylle zu Berichten, die den Eindruck verbreiten, dass der deutsche Fußball gerade eine neue Gewaltwelle erlebt und sich Fans und Polizei in nie gekannter Frontstellung gegenüberstehen? Die Hamburger Polizei etwa sah sich in einem internen Papier schon vor Beginn der neuen Spielzeit am Limit. »Das Gewaltpotential hat ein noch nicht gekanntes Ausmaß erreicht«, hieß es dort. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig forderte im Sommer die Einführung eines Sicherheits-Euros für Risikospiele und sein hessischer Amtskollege Boris Rhein ein generelles Alkoholverbot in Fußballstadien. Selbst die eher zurückhaltende »Frankfurter Allgemeine Zeitung« warnte vorm »Pulverfass zweite Liga«.

»Der Einsatzleiter dachte, es hätte einen Anschlag gegeben«

Die ersten Wochen der Saison schienen diesen Stimmen Recht zu geben. Fans des BFC Dynamo Berlin griffen nach einem Pokalspiel Anhänger des 1. FC Kaiserslautern an, 18 Polizisten und zahlreiche Gästefans wurden verletzt. 55 Verletzte gab es beim Spiel zwischen Rot-Weiß Erfurt und Drittligaaufsteiger Darmstadt 98, als sich Gästefans mit der Polizei prügelten. Ebenfalls in der dritten Liga, beim Derby VfL Osnabrück gegen Preußen Münster, wurden 29 Menschen teilweise schwer durch Knallkörper verletzt. »Der Einsatzleiter dachte zunächst, dass es einen Anschlag gegeben hätte«, sagt Ingo Rautenberg, Polizeidirektor der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS).

Bei ihm laufen in der siebten Etage eines Bürogebäudes in einem Gewerbegebiet von Neuss alle Zahlen zusammen. »Es lässt sich im 12-Jahres-Vergleich eine deutliche Steigerung erkennen«, sagt Rautenberg, in dessen kargem Büro nur eine gerahmte Druckgrafik an Fußball erinnert. Seit der Saison 1992/93 erhebt die ZIS bundesweit Statistiken zur Lage beim Fußball. Die letzte stammt aus der Saison 2009/10, die Daten zur vergangenen Spielzeit werden in Kürze erwartet. »Sie werden in den kommenden Wochen vorgelegt und voraussichtlich eine Konstanz auf hohem Niveau ausweisen«, sagt Rautenberg. Das ist keine gute Nachricht, denn die Zahl der Strafverfahren bei Spielen der ersten und zweiten Bundesliga hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre von 3,8 auf 7,9 Verfahren im Schnitt pro Partie verdoppelt.

Ist der gemächliche Sonntagsspaziergang der Dortmunder Fans zum Stadion in Hannover also nur die Ausnahme von der Regel einer bundesweiten Gewalteskalation? Am Spieltag ist eine Abordnung aus Lübeck ins Kommissariat Hannover-Linden gekommen und sogar zwei Kollegen aus Schweden. Es hat sich herumgesprochen, dass hier seit über drei Jahren mit Fußballfans erfolgreich anders umgegangen wird. »Wir versuchen, Verständnis für die Fan szene zu haben. Uns geht es darum, Gästefans auch wirklich als Gäste zu behandeln«, sagt Einsatzleiter Bernd Kirschning. Das in den letzten drei Jahren erprobte Einsatzkonzept versteht er als Angebot. »Falls die Gästefans es nicht annehmen, werden wir uns auch schnell wieder anders verhalten.«

 
Teil des Angebots sind weniger Polizeikräfte in voller Montur, dafür Konfliktmanager und Ansprechpartner, ein Mitspracherecht der Gästefans, strikte Fantrennung, aber keine Einkesselung. Transparent sind auch die Regeln, jeder anreisende Fan weiß vorher, was ihn in Hannover erwartet. Außerdem lassen sich hier die meisten Polizisten durch die Aussicht auf einen Fußballeinsatz kaum stressen. Nicht nur Kofbinger strahlt eine fast buddhistische Ruhe aus, seine Kollegen plaudern bei der Vorbereitung des Einsatzes entspannt über die Bundesligaspiele vom Vortag. Die Wand im Besprechungsraum des Kommissariats hängt voller Fußballwimpel. Das ist kein unerhebliches Detail: Die meisten Polizisten kennen die Fußballszene schon lange.

2004 wurde eine unheilvolle Dynamik in Gang gesetzt

Trotz der mehr als unterschwelligen Rivalität zwischen Dortmundern und Hannoveranern hat Einsatzleiter Kirschning an diesem Spieltag einen ganzen Zug Polizeikräfte gespart. Auch das ist gegen den Trend, denn die Zahl von Arbeitsstunden lokaler Polizeidienststellen und bei der Bundespolizei, die Fans vor allem in Zügen und auf den Bahnhöfen begleitet, ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Bei der Länderpolizei gingen sie um 65 Prozent und bei der Bundespolizei sogar um rasante 155 Prozent hoch.

Mehr Probleme bedürfen eben mehr Polizei, könnte man meinen. Doch es entsteht ein anderer Eindruck, wenn man sich die Zahlen genauer anschaut. Anfang des letzten Jahrzehnts stagnierte der Umfang der Fußballeinsätze bei der Polizei nämlich, um von der Saison 2003/04 auf die Spielzeit 2004/05 plötzlich zu explodieren. Die Zahl der Arbeitsstunden pro Spiel ging bei der Länderpolizei um ein Drittel hoch (von 914 auf 1213) und bei der Bundespolizei sogar um über die Hälfte (von 266 auf 419 Stunden). Doch was war passiert? Gab es in der Saison 2004/05 plötzlich Gewaltexzesse, auf die mit massiv erhöhter Polizeipräsenz reagiert werden musste?

Zu erklären ist diese Steigerung nicht durch eine Zunahme der Gewalt, sondern durch die nahende Weltmeisterschaft in Deutschland. »Man hat damals massenhaft Polizisten den Fußball schnuppern lassen«, sagt Thomas Schneider, der heute DFL-Fanbeauftragter ist und damals als Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in die Vorbereitung des Turniers involviert war. Polizisten eine gewisse Fußballerfahrung zu vermitteln, war zweifellos richtig, denn immerhin mussten sie auf ein globales Sportereignis mit 64 Spielen innerhalb eines Monats und hundertausenden Fans aus der ganzen Welt vorbereitet sein.

Allerdings wurde zwischen 2004 und 2006 dadurch auch eine für das Verhältnis zwischen Fans und Polizei unheilvolle Dynamik in Gang gesetzt. Die zusätzlich eingesetzten Polizisten führten aus Sicht von Thomas Feltes, dem Leiter des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum, zu dem Phänomen, das in der Kriminologie »Lüchow-Dannenberg-Syndrom« genannt wird. Wegen der Atommülltransporte dorthin wurden in der Region mehr Polizeikräfte kaserniert. Nachdem sie auch im normalen Streifendienst eingesetzt wurden, stiegen die registrierten Verdachtsfälle deutlich an. Ergebnisse von Kriminalstatistiken, so erklärt Feltes, »hängen davon ab, wer etwas wie intensiv beobachtet und anzeigt oder registriert.«

Zunahme der Strafverfahren entsprach Arbeitsstunden der Polizei

Genau dieses Syndrom erlebt seit sechs Jahren auch der Fußball. Verstärkt wurde es zudem von einer Bundespolizei, die bis 2005 noch Bundesgrenzschutz hieß. Auf der Suche nach Betätigungsfeldern und ebenfalls zur WM-Vorbereitung nahmen sich die ehemaligen Grenzschützer vermehrt der allerdings auch in deutlich größerer Zahl umherreisenden Fußballfans an. Das Ergebnis des allseits gestiegenen polizeilichen Eifers: Von der Saison 2003/04 auf die anschließende Spielzeit ging die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren von 3409 auf 4711 hoch. Die bemerkenswerte Zunahme um ein Drittel entsprach genau den um ein Drittel gesteigerten Arbeitsstunden der Polizei. Lüchow-Dannenberg hatte die Stadien erreicht.

Die unversehens vermehrte Zahl der Strafverfahren las sich schockierend, doch nach Ansicht von Feltes kann man aus den Statistiken der ZIS keine Aussage zur tatsächlichen Entwicklung der Gewalt beim Fußball ableiten. »Solche Zahlen sind im Wesentlichen ein Arbeitsnachweis der Polizei«, sagt der Kriminologe, der seit 2010 im wissenschaftlichen Beirat der DFL zum Thema Fans sitzt. Und noch ein weiterer Wert relativiert das Bild von der grassierenden Fußballgewalt. Wie viele Anzeigen wirklich zu Verurteilungen führen, dazu gibt es keine Statistiken. Die kriminologische Forschung weiß aber, dass es generell kaum mehr als 30 Prozent sind.

Wenn der Fehdehandschuh geworfen wird

Heißt das im Umkehrschluss also, dass die Lage besser wäre, wenn weniger Polizei beim Fußball eingesetzt würde? Die Antwort darauf ist kompliziert, denn es gibt nach wie vor Szenen wie am 16. September in Frankfurt. Als die Fans von Hansa Rostock an diesem Freitagabend um kurz vor Elf durch den Wald zum Bahnhof Sportfeld geleitet werden, fliegen plötzlich Leuchtraketen durch die Dunkelheit. Frankfurter kommen über einen Parkplatz gelaufen, viele von ihnen tragen Sturmhauben. Steine fliegen, Böller knallen. Ein Frankfurter rennt mit einem Straßenschild in der Hand los, als wäre es eine mittelalterliche Hellebarde. Doch bevor beide Gruppen mit lautem Gebrüll aufeinandertreffen, galoppieren Polizeipferde dazwischen.

Dann rückt die BFE in großer Zahl an, die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, unter Fans »Robocops« genannt. Spray zischt, und von einem Moment auf den anderen liegt der beißende Geruch von Pfeffer in der Luft. Die Beamten ziehen die Schlagstöcke und versuchen, die Kämpfenden zu trennen, einige Frankfurter jagen den Rostockern über Bahngleise hinterher. Nach wenigen Minuten hat die Polizei die Situation wieder im Griff. Der Mob zerstreut sich, zwei Rostocker bleiben zurück, sie haben eine volle Ladung Pfefferspray erwischt und reiben sich verzweifelt die Augen. Zwei Frankfurter sind von Steinen getroffen worden, einer am Kopf, einer am Arm. Letzterer ist angeblich der Frankfurter Rädelsführer. »Damit«, sagt Ulf Stamer, »haben die Rostocker endgültig den Fehdehandschuh für das Rückspiel geworfen.«



Stamer, 45 Jahre alt, 1,90 Meter groß, trägt Kapuzenpulli mit Basecap und ist in Frankfurt szenekundiger Beamter, kurz: SKB. Sein Job ist es, Straftaten bei Fußballspielen aufzuklären oder im besten Fall im Vorhinein zu verhindern. Er hat Kontakt zu gewaltbereiten Fans, ist jedoch zugleich derjenige, der Festnahmen und Strafen wie Stadionverbote in die Wege leitet. Richtig beliebt sind SKBs selten. »An mein Haus ist ACAB (›All cops are bastards‹, d. Red.) gesprayt worden«, sagt Stamers Kollege aus Rostock, der die Hansa-Fans heute begleitet.

Das Spiel zwischen dem Bundesligaabsteiger und dem Zweitligaaufsteiger ist für beide Kollegen ein besonderer Einsatz. Die kurze Schlacht am Stadionbahnhof ist nur der Höhepunkt eines langen Tages voller Randale, an dem es um einen bizarren Wettbewerb geht. Als die Eintracht in der letzten Saison durch eine Niederlage in Dortmund endgültig nicht mehr zu retten war, reklamierten einige Frankfurter Fans trotzdem einen Titelgewinn und entrollten triumphierend das Transparent: »Deutscher Randalemeister 2011«. Vor dem Spiel in Frankfurt verkündeten Hansa-Fans im Internet, Rostock wolle ihnen den Titel streitig machen.

»Es ist nicht ungewöhnlich, dass bei solchen Anlässen auch Personen außerhalb des Fußballs angezogen werden – aus der Türsteher- oder Kickboxszene beispielsweise«, sagt Stamer, als er nachmittags den Zustrom der Massen zum Stadion beobachtet. Dabei fallen Jugendliche mit Fahrrädern auf, die ständig das Handy am Ohr haben. »Das sind Späher«, sagt Stamer, »sie geben durch, wo sich Polizisten aufhalten. Meistens sind es 15-Jährige, die sich hochdienen wollen.« Das Ganze erinnert an ein Katz-und-Maus-Spiel, trotzdem gibt es bis zum Spielbeginn nur einige kleinere Scharmützel, als die Rostocker vom Bahnhof zum Stadion laufen oder zwischen Fans mit Stadionverbot, die nicht in die Arena dürfen. Doch mit Beginn der zweiten Halbzeit gibt es den Auftritt, den die Hansa-Fans offensichtlich wollten.

Krasse Einzelfälle und statistische Irrtümer verzerren das Bild

Beim Wiederanpfiff scheint ihr Fanblock in Flammen zu stehen. Bengalos und Böller sorgen für eine zehnminütige Spielunterbrechung. Leuchtraketen rasen bis in die gegenüberliegende Hälfte, die Spieler springen erschrocken zur Seite. Einige Feuerwerkskörper landen auf der Tribüne, wo sich Rollstuhlfahrer und Familien verzweifelt in Sicherheit zu bringen versuchen. Der Rostocker Anhang feiert sich so begeistert wie ausgiebig, die Fernsehkameras halten drauf, und nur wenige Tage später hat ein Youtube-Video davon Klicks in sechsstelliger Zahl.

Doch dieses Spiel oder jene in Erfurt, Osnabrück oder Berlin sind krasse Einzelfälle, mit denen die These von einer neuen Gewaltwelle in deutschen Stadien so wenig zu belegen ist wie die steigenden Einsatzzeiten der Polizei. Ein Überfall wie der am Frankfurter Stadionbahnhof folgt nämlich immer noch Mustern aus dem Zeitalter des Hooliganismus der achtziger und neunziger Jahre. Damals verabredete man Schlägereien an jedem Wochenende, allerdings ohne so viel Aufmerksamkeit dafür zu bekommen wie heute. Mit seinen Heldentaten brüsteten sich die Schläger allenfalls in der Prügelpostille »Fan Treff«. Hätte es schon damals Internetforen, Handyvideos und Youtube gegeben, wäre vermutlich der Eindruck eines andauernden Bürgerkriegs um die Stadien entstanden.

Heute spielt der klassische Hooliganismus nur noch eine Nebenrolle, auch wenn bei den Ausschreitungen deutscher Fans beim Länderspiel im Juni in Wien vor allem alteingesessene Schläger beteiligt waren. Selbst in Erfurt war eine überraschend große Gruppe von Alt-Hools aus Darmstadt angereist, die teilweise jahrelang nicht mehr gesichtet worden waren. Sie nutzten einen übereilten Polizeieinsatz im Block und gingen auf die Beamten los.

Wer angesichts der Verletztenzahl jedoch an eine riesige Massenschlägerei denkt, täuscht sich: 52 Verletzte gab es durch den Einsatz von Pfefferspray – inklusive des szenekundigen Beamten aus Darmstadt. Die entscheidenden Konflikte gibt es mit anderen Fans, seit die Ultras die wichtigste und zahlenmäßig größte Gruppe der Fankultur in deutschen Stadien geworden sind. »Auf diese Entwicklung hat die Polizei lange Zeit falsch reagiert«, sagt Michael Gabriel, Sprecher der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt, »denn die Strategien im Umgang mit Hooligans wurden eins zu eins auf Ultras übertragen«.

Anders als bei den alten Fußballschlägern steht bei der großen Mehrzahl der Ultras nicht die Gewalt im Mittelpunkt, sondern ein ausgeprägter Heimatpatriotismus für Stadt, Verein und eigene Gruppe. »Freundschaft ist dabei ein zentraler Wert«, sagt der Kriminologe Jannis Winkelmann, der mit dem Politologen Martin Thein gerade eine umfangreiche Feldstudie zu den Ultras Nürnberg veröffentlicht hat.



Mit der polizeilichen Vorbereitung auf die WM 2006 geriet ein sich selbst nährendes System der Eskalation in Gang. Mehr Polizisten mit überholten Einsatzkonzepten registrierten mehr Straftaten, was wiederum mehr Polizisten zum Fußball brachte, die auf immer widerständigere Fans trafen. Anders als die Generation der Hooligans, die Uniformierte weitgehend als Schiedsrichter und Polizeigewalt als Teil des Spiels akzeptierte, reagieren Ultras darauf viel kritischer. Daniel Lörcher, Kapo der Dortmunder Ultragruppe »The Unity«, meint: »Anfangs herrschte in der Fanszene noch die Meinung vor: Wer sich korrekt verhält, der wird auch korrekt behandelt. Doch durch Schikanen der Polizei nehmen selbst pazifistische Fans die Polizei nicht mehr ernst oder lehnen sie ab.«

Wäre die Lage besser, wenn weniger Polizisten eingesetzt würden?

Ein Effekt dieser Ablehnung ist, dass es häufig Solidarisierungen der Gruppe gibt, wenn die Polizei einzelne Mitglieder verhaften will. Innerhalb weniger Momente kann der Einsatz wegen einer Sachbeschädigung zu einem Landfriedensbruch von zwei Dutzend Fans werden. Das schlägt sich auch in den Statistiken der ZIS nieder, die in den letzten beiden Jahren noch mal einen Sprung bei den Strafverfahren dokumentiert. Und es erklärt überdies, warum in der Saison 2009/10 viermal so viele Beamte bei Spieleinsätzen verletzt wurden wie zehn Jahre zuvor. Zu einem besonderen Problem sind Böllerwürfe geworden, etliche Beamte mussten wegen Knalltraumata oder Tinnitus teilweise monatelang krankgeschrieben werden. Nach dem Wurf eines besonders explosiven Kanonenschlags in Osnabrück musste ein Beamter wegen einer offenen Bauchverletzung sogar operiert werden. »Wenn er nicht am Boden, sondern in Kopfhöhe explodiert wäre, hätte es vermutlich Tote gegeben«, sagte der Leiter der Osnabrücker Polizei.

Die Ultrakampagne »Pyrotechnik ist kein Verbrechen« hat zu einem fehlenden Unrechtsbewusstsein selbst da geführt, wo es, wie in Osnabrück oder Frankfurt, für Unbeteiligte lebensgefährlich wird. Auch führende Ultras wie Lörcher geben sich selbstkritisch: »Ich sage auch, dass bei den Ultra gruppierungen Fehler gemacht werden. Es gibt nach außen hin kein übergreifendes, klares Profil. Die Bereitschaft zur Kommunikation fehlt bei manchen, und es gibt wie auf der Gegenseite viel zu viele Pauschalisierungen. Wenn es so weiterläuft wie bisher und es keinen Dialog gibt, wird keine der beiden Seiten diesen Konflikt gewinnen.« Die Ultras, bei denen die Zahl der Verletzten ebenfalls deutlich gestiegen ist, beklagen den leichtfertigen Einsatz von Pfefferspray. Die undurchsichtige Praxis bei den Stadionverboten hat zudem eine Märtyrerkultur um die »Ausgesperrten« befördert.


Die deutsche Polizei hat beim Fußball ein größtenteils verlorenes Jahrzehnt hinter sich. Auch aus Sicht von ZIS-Leiter Ingo Rautenberg ist die Situation verfahren: »Ultragruppierungen haben bestimmte Feindbilder, eines davon ist die Polizei und deshalb findet keine oder wenig Kommunikation statt.« Genau deshalb aber ist das Einsatzkonzept der Polizei in Hannover zu einem Modell für eine dringend nötige Zeitenwende geworden. In Hannover hat es dazu geführt, dass die Selbstregulierung innerhalb der anreisenden Ultragruppen besser funktioniert als anderswo. Selbst die Fans von Eintracht Frankfurt und Hansa Rostock scherten da übrigens nicht aus.

Der Kriminologe Thomas Feltes beschreibt das Einsatzkonzept der Niedersachsen mit dem Fachbegriff smart policing, der aus dem Amerikanischen kommt, also als intelligente Polizeiarbeit. »Der repressive Ansatz, Stärke zu zeigen und damit abzuschrecken, funktioniert nicht mehr«, sagt er. Doch bei einer Sicherheitskonferenz verkündete der hochrangige Polizist eines Bundesligastandorts kürzlich genervt: »Ich kann Hannover nicht mehr hören.« Ein anderer protzte, dass für ihn der Einsatz von weniger als 500 Mann kein Einsatz sei. Doch Beamte mit Machogestus geraten langsam in die Minderheit, denn angesichts der Frustration über die Rolle des Buhmanns und der hohen Arbeitsbelastung deutet sich innerhalb der Polizei ein Umdenken an.

 

Die Polizei in Magdeburg hat das Einsatzkonzept aus Hannover übernommen und selbst jene in Halle an der Saale, nachdem es dort vor zwei Jahren schwere Zusammenstöße mit lokalen Fans gab, bei denen 18 Polizisten verletzt wurden. Der Zehn-Punkte-Plan des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen orientiert sich unausgesprochen am Hannoveraner Modell genauso wie ein ähnlicher Entwurf der DFL. Die Dinge sind in Bewegung geraten, in NRW suchen die Verantwortlichen der Polizei bewusst den Dialog auch mit erklärt polizeikritischen Fans.

Doch es bedarf noch entschlossenerer Vorgaben von oben, denn Einsatzleiter, die eine kommunikativere Linie versuchen, gehen auch ein berufliches Risiko ein, weil sie bei Einsätzen immer die persönliche Verantwortung tragen. Dabei würde eine Abrüstung der Polizei mit weniger »Robocops« und Pfefferspray, mehr Konfliktmanagern, Kommunikation und Offenheit manchem Jugendlichen den Wind aus den Segeln nehmen. »Die bekommen durch die Polizei eine wahnsinnige Aufmerksamkeit, und das ist für viele junge Männer hochattraktiv«, sagt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte.

Viele Polizisten wollen nicht mehr Feindbild der Ultras sein

Es verfliegt einiges vom Gefühl von Wildheit und Abenteuer, wenn einem das passiert, was Fans aus Leipzig erlebten, als sie zu einem Spiel ihrer Mannschaft bei Hannovers zweiter Mannschaft am Bahnhof ankamen. »Wo sind denn die Bullen?«, fragten sie den dort wartenden Konfliktmanager. »Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, hier seid ihr sicher«, sagte der.

Detlev Kofbinger gibt auf dem Rückweg der Dortmunder Fans zu bedenken, dass in Hannover mehrere Faktoren zum Gelingen der Deeskalation beigetragen hätten. Denn nicht überall kann man die Fans auf dem Weg ins Stadion so gut trennen wie hier. Man denke nur an den unwirtlichen, fast zehn Kilometer weiten Weg von Gelsenkirchens Hauptbahnhof zu Schalkes Arena.

»Man muss schon etwas bekloppt sein und so ticken wie die Fans«

Außerdem sind in der niedersächsischen Landeshauptstadt fast immer die gleichen Kollegen im Einsatz, die inzwischen genug Erfahrung haben, um sich nicht schon durch kleine Provokationen aus der Ruhe bringen zu lassen. In anderen Bundesländern hingegen werden Hundertschaften oft an Orte verschoben, wo sie die Gegebenheiten und teilweise sogar die Eigenheiten von Fußballeinsätzen nicht kennen. Und es bedarf wohl auch solcher Leute wie Kofbinger selbst. »Man muss schon etwas bekloppt sein und so ticken wie die Fans«, sagt er. Wie wichtig das ist, betont auch Sebastian Walleit, der Fanbeauftragte des BVB: »In anderen Städten gibt es zwar ähnliche Maßnahmen, doch hier wirkt es, als handelten die Polizisten aus Überzeugung und nicht nach Befehl.«

Es wäre jedoch naiv zu glauben, dass intelligente Polizeiarbeit allein Fußballspiele zu rundum konfliktlosen Veranstaltungen macht, denn zur Fankultur wird es weiterhin gehören, über die Stränge zu schlagen und Grenzen des Erlaubten auszutesten. Das weiß auch Einsatzleiter Bernd Kirschning in Hannover und fragt sich trotzdem: »Wie wäre das, wenn es überall so ist wie bei uns?« Eine Antwort liefern die frustrierten Dortmunder Fans. Nach einer 1:0-Führung hat der BVB in den Schlussminuten noch mit 1:2 verloren, doch bis auf einzelne Handgreiflichkeiten bleibt es auf dem Heimweg ruhig. »Tja, so ist Tennis«, sagt Detlev Kofbinger am Bahnhof über das Spiel. »Jörg ist der Geilste«, ruft ein Dortmunder. Als der Zug anfährt, winken sie sogar. Für knapp 200 Beamte geht ein ruhiger Tag zu Ende. Sie haben acht Strafverfahren eingeleitet, darunter eines wegen Diebstahl und eines wegen Betrug auf dem Schwarzmarkt. Angesichts von 49.000 Zuschauern ein unterdurchschnittlicher Wert. Die drei Fälle leichter Körperverletzung hatten nichts mit den angeblichen Problemfans zu tun. Was spricht eigentlich dagegen, dass es auch anderswo mehr solcher Tage gibt?

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