Wie die Ost-Stars die Wende erlebten
09.11.2012

Wie die Ost-Stars die Wende erlebten

Die große Freiheit

Seite 5/6: Spieler ohne Telefon
Text:
Johannes Ehrmann, Tim Jürgens und Alex Raack
Bild:
Imago

25. April 1990, Berlin/Dresden
Ulf Kirsten ist vor dem Absprung aus Dresden. Er steht nun bei Borussia Dortmund im Wort. Manager Michael Meier aber lässt sich Zeit bei den Verhandlungen. Er hat keine Eile, denn er hat die Zusage von Calmund auf ein Vorkaufsrecht. Am Tag nach dem Freundschaftsspiel der DDR in Schottland erhält »Calli« jedoch einen Anruf von Bayer-04-Präsident Gert-Achim Fischer: »Wir können Kirsten doch holen. Die Konzernspitze gibt grünes Licht.« In Berlin-Schönefeld fängt der Bayer-Impressario den Nationalstürmer nach der Landung der Maschine aus Schottland ab und bugsiert ihn in ein Auto. Calmund weiß: »Jetzt spring ich in die Scheiße! Egal!« Auf der Autofahrt nach Dresden bearbeiten Calmund und Berater Karnath den Stürmer so lange, bis er von seiner Zusage beim BVB Abstand nimmt und in Leverkusen unterschreibt. Kurz darauf stehen Dynamo-Manager Dieter Kießling und Busfahrer Rainer Nikol im Rheinland auf der Matte. Sie holen 3,75 Millionen Mark Ablöse in bar auf der Bayer-Geschäftsstelle ab. Noch eingeschweißt liefert ein Security-Service die Scheine in Calmunds Arbeitszimmer an. Kießling erinnert sich später: »Wir transportierten das viele Geld im Audi 80 durch Deutschland. Mir stehen noch heute die Schweißperlen auf der Stirn.«

28. April 1990, Köln
Reiner Calmund besucht eine Sport-Gala in Köln. Im Moment gelingt ihm einfach alles. Bei der Tombola gewinnt die rheinische Frohnatur ein Auto. Als er dort BVB-Manager Michael Meier trifft, feuert der ehemalige Klosterschüler eine Kanonade aus Schimpfwörtern auf ihn ab, dass selbst dem sonst so redseligen Geschäftsmann für einen Moment die Spucke wegbleibt. Calmund aber gibt zu: »Im umgekehrten Fall wäre es nicht beim Tobsuchtsanfall geblieben. Ich hätte die Türen der Geschäftsstelle eingetreten und wäre handgreiflich geworden.«

26. Mai 1990, überall in der DDR
Die vorletzte Oberliga-Saison der Geschichte endet. Das Double holt Dynamo Dresden. Die Westvereine haben sich im Osten reichlich bedient. Nach der Saison verlassen Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Hans-Uwe Pilz, Andreas Trautmann und Matthias Döschner Dynamo gen Westen. Uwe Weidemann aus Erfurt kickt fortan beim 1. FC Nürnberg, Dirk Schuster verlässt Magdeburg zugunsten von Eintracht Braunschweig. Der FC Berlin wird in Zukunft ohne Frank Rohde und Thomas Doll auskommen müssen, die zum HSV wechseln. Rainer Ernst spielt ab der kommenden Saison beim 1. FC Kaiserslautern. Rico Steinmann vom Vizemeister FC Karl-Marx-Stadt kann nur durch eine deutliche Gehaltsaufbesserung im Osten gehalten werden.

28. Mai 1990, Rostock
Ehe die Treibjagd der West-Manager auf weitere Spieler beginnt, will Hansa Rostock seine jungen Talente mit Verträgen ausstatten. Einer nach dem anderen wird vom Trainingsplatz in das Büro des Vorsitzenden Pischke gerufen. Florian Weichert hat seinen Termin um 10 Uhr morgens. Pischke bietet ihm 2500 D-Mark monatliches Grundgehalt an. Eine Menge Geld für den gelernten Kfz-Mechaniker. Als der Klubchef merkt, dass der Jungstar zaudert, zückt er ein Bündel Geldscheine und legt nach und nach Tausender auf den Tisch: »Und wenn du diesen Ein-Jahres-Vertrag jetzt direkt unterschreibst, kriegst du noch ... acht-, neun-, zehntausend Mark obendrauf.« Weichert unterzeichnet. Am nächsten Tag fährt er mit dem Bargeld und seinem DDR-Sparbuch im Trabant des Schwiegervaters nach Lübeck zu einem Autohändler. Da steht ein weißer Peugeot 309 auf dem Parkplatz. 12 000 Mark. Weichert handelt nicht, er zahlt gleich in bar.

2. Juli 1990, Rostock
Auf dem Gelände von Hansa Rostock an der Kopernikusstraße stellt sich die Mannschaft wie gewohnt bei Trainingsbeginn in einer Reihe an der Außenlinie auf. Tags zuvor hat Uwe Reinders seinen Dienst an der Ostsee angetreten. Er fragt Co-Trainer Jürgen Decker, was das zu bedeuten habe. Der sagt: »Trainer, die warten auf Sie.« In der DDR ist es üblich, eine Übungseinheit mit dem Sportgruß zu beginnen. Reinders soll an das Team gewandt rufen: »Wir beginnen unsere Übung mit einem einfachen Sport …« Die Spieler vollenden daraufhin mit: »… frei!« Reinders betritt den Rasen und mustert seine brav aufgereihte Mannschaft. »Ist hier irgendwo ein General in der Nähe, oder was?«, raunzt der 35-Jährige. In Zukunft laufen Trainer und Mannschaft gemeinsam auf den Trainingsplatz, in eine Reihe stellt sich niemand mehr.

17 Uhr. Trainingsende. Reinders ergreift das Wort: »Gut trainiert. Jetzt lasst euch behandeln, geht duschen und in die Sauna. Um 19 Uhr könnt ihr nach Hause.« Kapitän Juri Schlünz sieht sich zu einer Antwort gezwungen: »Trainer, ich muss bis 18 Uhr mein Kind abholen, meine Frau hat Spätschicht.« Der Westdeutsche versteht die Welt nicht mehr, zumal Schlünz beileibe kein Einzelfall ist: »Das ändert sich ab morgen. Sagt zuhause Bescheid, ab heute verdient ihr das Geld. Eure Frauen brauchen nicht mehr arbeiten zu gehen.« 
Noch steht die Mannschaft durchgeschwitzt auf dem Platz. Reinders sagt: »Männer, von nun an bin ich Tag und Nacht für euch da. Ihr könnt mich jederzeit anrufen, hier ist meine Nummer.« Wieder tritt Juri Schlünz vor: »Ich muss noch was beichten.« Die meisten aus der Rostocker Mannschaft besitzen kein Telefon.

Juli 1990, Tegernsee
Dariusz Wosz, gerade 21 Jahre alt geworden, weilt für ein paar Tage mit seiner Frau am See. Das Management des VfL Bochum hat eingeladen. Der Verein aus dem Ruhrgebiet bekundet großes Interesse an einer Verpflichtung des Spielers vom Halleschen FC. Der Manager hält Wosz einen weißen Zettel vor die Nase. Er soll blanko unterschreiben, die Modalitäten später eingefügt werden, damit der Wechsel möglichst schnell über die Bühne gehen kann. Wosz heute: »Ein Riesenfehler. Damals habe ich allen blind vertraut und mir gesagt: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich in der Bundesliga spielen muss.«

Doch dann meldet sich der VfL ein halbes Jahr nicht mehr. Wosz ist mittlerweile nicht mehr an einem Transfer interessiert. Das Talent bekommt andere Angebote, aus der Bundesliga und aus dem Ausland. Eines Tages steht plötzlich ein Wagen mit Bochumer Kennzeichen auf dem HFC-Parkplatz. Wosz will sich verstecken, doch der Mann aus dem Westen kommt schon auf ihn zu. »Ich will dir was zeigen.« Er öffnet den Kofferraum des Autos. Darin befindet sich ein Koffer mit 50 000 D-Mark. »Schönen Gruß, richten Sie Ihren Auftraggebern aus, ich bin nicht käuflich«, sagt Wosz knapp und lässt den Geldboten stehen. Schließlich wird die Angelegenheit vor dem DFB-Gericht in Frankfurt geklärt. Der 22-Jährige muss am Ende nach Bochum gehen – der Hallesche FC erhält 1,2 Millionen D-Mark als Transfererlös.

1. Juli 1990, Braunschweig
Die Eintracht verpflichtet als Trainer eine Legende: Joachim Streich, 102 Länderspiele für die DDR, Europapokalsieger mit dem 1. FC Magdeburg. Bis zum letzten Spieltag der Vorsaison hat er als Coach seines Stammvereins um die Oberligameisterschaft mitgespielt. Ein guter Fang für den Zweitligisten. Doch die Verpflichtung des ersten Ost-Trainers im Westen zieht Probleme nach sich: Die Belastung während der Einheiten ist wesentlich höher, als Westprofis gewohnt sind. Während Streichs Vorgänger Uwe Reinders derzeit in Rostock das Pensum runterkocht und wesentlich mehr Wert auf Regeneration legt, verlangt Streich seinen Akteuren alles ab. Hinzu kommt, dass den Westdeutschen ein gehöriges Stück Respekt vor ihrem Coach fehlt. Streich erkennt schnell, dass nach einer Nicht-Berücksichtigung ein Spieler postwendend anfängt, Opposition gegen den Trainer zu machen. In der DDR verlief es nach dem Gehorsamsprinzip – jede Aufstellung wurde ohne Murren hingenommen. Sogar über den Trainingsbeginn um 9 Uhr beschweren sich einige. Streich verlegt die morgendliche Einheit daraufhin auf 9.30 Uhr. Er sagt: »Dann hörte ich auch bald von dem Klischee, dass wir Ossis uns tot trainieren.« Nach einer 0:3-Niederlage in Hannover wird er im März 1991 entlassen. Das Experiment ist gescheitert.

Juli 1990, Karl-Marx-Stadt
Rico Steinmann ist standhaft geblieben. Werder Bremen, der BVB und auch Kölns Sportdirektor Udo Lattek haben sich um den Star aus Karl-Marx-Stadt gerissen, der sich in seiner Heimat der Verantwortung stellt. Nur durch massiven finanziellen Aufwand ist die Mannschaft des Vize-Meisters zusammengeblieben. Nun muss es mit der Qualifikation zur Bundesliga klappen. In der lokalen Zeitung aber tauchen Mutmaßungen auf, wie hoch das Salär des umgarnten Kickers sei. »Plötzlich wurde in einem Team, das bisher nach dem Gleichheitsprinzip zusammengespielt hatte, bekannt, dass es Unterschiede gibt.« Ein unbekanntes Gefühl beginnt, die Atmosphäre in der Mannschaft von Hans Meyer zu vergiften: Neid. Als der Klub mit einem Fehlstart in die Saison geht, kommt viel Unruhe auf. Denn eins ist klar: Schafft der FC die Qualifikation zur Bundesliga nicht, ist Steinmann weg. Bei einer Krisensitzung steht ein Mitspieler auf und sagt: »Es kotzt mich an, warum geht es hier eigentlich nur noch um Steinmann?«

11. August 1990, überall in der DDR
Die Oberliga startet in ihre letzte Saison. Für die 14 Klubs geht es um die Existenz. 29 Rote und 544 Gelbe Karten an 26 Spiel
tagen signalisieren, wie umkämpft die Spielzeit ist. In den Medien brandet schon bald die Diskussion auf, ob Top-Spieler besser geschützt werden müssten. Das Zuschauerinteresse an dieser K.O.-Liga ist verheerend. Der Zuschauerschnitt sinkt von bislang 8033 auf nur noch 4807 Besucher pro Spiel.

Dynamo Dresden ist ein gutes Beispiel, wie verzweifelt die Vereine ums Überleben kämpfen. Die Transferpolitik des Klubs zeugt nur bedingt von Fußballkompetenz. Die Abgänge werden nur teilweise kompensiert. Abgehalfterte Bundesligastars wie Sergio Allevi und Peter Lux ergänzen den Kader – und kassieren für überschaubare Leistungen fürstliche Gehälter. Mit Heiko Scholz von Lok Leipzig tätigt der Klub den ersten Millionentransfer eines DDR-Teams, im Winter kommt auch noch Uwe Rösler für 1,2 Millionen Mark Ablöse aus Magdeburg. Der Dauerverletzte Ralf Minge muss für den Klub in die Bresche springen und wird für jedes Spiel fitgespritzt. Am Ende der Saison muss er mit gerade mal 31 Jahren als Sportinvalide seine Karriere beenden.

 
 
 
 
 
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