Wie die Ost-Stars die Wende erlebten
09.11.2012

Wie die Ost-Stars die Wende erlebten

Die große Freiheit

Seite 2/6: »Ich war Polizist – aber war ich im Dienst?«
Text:
Johannes Ehrmann, Tim Jürgens und Alex Raack
Bild:
Imago

4. September 1989, Leipzig/Berlin
In Leipzig schließt sich an die Friedensgebete in der Nikolaikirche die erste Montagsdemonstration an. Gegenüber dem Gotteshaus liegt der Schuhladen, in dem die Frau von Lok-Leipzig-Spieler Heiko Scholz arbeitet. Zunächst noch ungläubig, nimmt das Ehepaar das Treiben auf der Straße wahr. Als die Veranstaltungen dort immer mehr Zulauf erhalten, muss der Schuhladen montags bald via behördlicher Anweisung bereits um 15 Uhr schließen. Die Spieler von Lok werden in den Sitzungssaal am Trainingszentrum beordert. Die Mitteilung an die Kicker lautet: »Eine Beteiligung an einer Demonstration ist nicht förderlich.« Auch in Berlin schreitet die Revolution mit Siebenmeilenstiefeln voran. Bei den Partien des BFC Dynamo, dessen Vorsitzender Stasi-Boss Erich Mielke ist, fällt Bodo Rudwaleit auf, wie die Tribünen ihr Gesicht verändern: »Plötzlich waren die Leute von der Staatssicherheit, mit denen wir beim BFC täglich zu tun hatten, nicht mehr so präsent. Hatten wohl Wichtigeres zu tun.«

4. Oktober 1989, Dresden
Im Zusammenhang mit der Ausreise von DDR-Flüchtlingen über die Prager Botschaft werden vier Züge durch den Dresdner Hauptbahnhof geleitet. Am Bahnhof versammeln sich 5000 Menschen, die teilweise versuchen, gewaltsam in die Wagons zu gelangen. Als die Polizei einschreitet und den Bahnhof räumt, kommt es zu Krawallen, bei denen Bürger die Polizei mit Pflastersteinen bewerfen und Teile des Bahnhofs demoliert werden. Ein Polizeifahrzeug wird angezündet. Viele hundert Personen werden festgenommen und erst tags darauf wieder auf freien Fuß gesetzt. Als es am Hauptbahnhof brennt, ist auch Dynamo-Spieler Ralf Hauptmann dabei. Als Mitglied des Polizeisportvereins versteht es sich von selbst, dass er sich nicht am Aufruhr beteiligt. Aber ein bisschen gucken muss doch gestattet sein. Als Hauptmann aus einiger Entfernung den Ereignissen zusieht, fragt ein Passant den populären Kicker, der im Zweitberuf Polizeileutnant ist, ob er sich im verdeckten Einsatz befinde. Hauptmann: »Ich kannte die Antwort nicht. Ich war Polizist – aber war ich im Dienst?«

5. Oktober 1989, Dresden/Berlin
Die Parteileitung bleibt eine Antwort nicht lange schuldig. Freitags treten die Spieler von Dynamo wie gewohnt zur Agitation im Versammlungsraum an. Der Platzwart fragt den Parteisekretär, was von der Situation zu halten sei. Der Funktionär druckst herum. Doch die Spieler bekommen einen Alarmplan ausgehändigt, falls es in den nächsten Tagen weiterhin zu Ausschreitungen kommen sollte. Minutiös ist dort aufgelistet, welcher Spieler welchen Kollegen anzurufen hat, sollte der Fall eintreten, dass Dynamo-Spieler die Staatsmacht beim Kampf gegen die Aufrührer unterstützen müssten. Es ist das erste und einzige Mal, dass Männern wie Torsten Gütschow, Ralf Minge, Hans-Uwe Pilz, Ulf Kirsten und Matthias Sammer bewusst wird, dass sie im Zivilberuf Polizisten sind.

18. Oktober 1989, Karl-Marx-Stadt
Vor drei Tagen hat Egon Krenz Erich Honecker als Staatsratsvorsitzenden ersetzt. Nach dem Vorbild anderer Städte treffen sich nun auch in der St. Jakobikirche in Karl-Marx-Stadt die Menschen zu Friedensgebeten und Diskussionen. Rico Steinmann ist an diesem Abend auch unter den Besuchern. Freiheitliche Empfindungen wollen bei dem Star des FC Karl-Marx-Stadt nicht aufkommen. Noch immer besteht die Angst, dass Demonstrationen von der Volkspolizei gewaltsam aufgelöst werden. Wie viele Stasi-Leute haben sich wohl unter die Besucher gemischt? Der Nationalspieler ist da, aber auch nicht. Zu groß ist die Angst vor Sanktionen. »Ich habe darauf geachtet, an einer Position zu stehen, von wo aus mich nicht jeder sehen konnte.«

21. Oktober 1989, Rostock
Mit 3:1 schickt Hansa den BFC Dynamo nach Hause, doch auch an der Ostsee ist Fußball längst zur Nebensache geworden. Seit sich vor zwei Tagen erstmals Demonstranten aus der Petrikirche auf die Straße wagten, ist auch Rostock freiheitsbewegt. Hansas Rainer Jarohs hat sich nach Spielende in seinen Wartburg gesetzt und ist in die Innenstadt gefahren, für heute ist eine Demo geplant. Zu Fuß erreicht Jarohs die Lange Straße, dort trifft gerade der Zug aus der Petrikirche ein. Die Demonstranten erkennen ihn, sie rufen: »Rainer! Komm her, schließ dich uns an!« Jarohs bleibt stehen, bis auch der Letzte vorbeigezogen ist. Bis heute macht er sich Vorwürfe: »Als normal denkender Mensch hätte ich mitgehen müssen.«

Ende Oktober 1989, Berlin
Auf einem Tisch liegen dutzende Papierstapel. Ein Büro in der Zentrale des DFV. Die Funktionäre um Verbandschef Wolfgang Spitzner stellen die Weichen für eine bessere Zukunft. Alle Oberliga- und DDR-Liga-Spieler müssen per Beschluss einen Lizenzvertrag unterschreiben, der den Statuten der FIFA entspricht. Nachdem im Juni und Juli in kürzester Zeit der Rostocker Axel Kruse und die Spieler Jens König, Thomas Weiß und André Köhler von Wismut Aue Partien in Schweden zur Flucht in den Westen genutzt haben, will sich der Verband gegen einen weiteren Exodus guter Kicker absichern und gleichzeitig auch Vorkehrungen für zukünftige Transfers von DDR-Spielern in den Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftsraum treffen. Denn auch den Funktionären ist klar: Stars wie Andreas Thom oder Matthias Sammer werden mittelfristig nicht zu halten sein. Es könnte also ein wichtiges Signal für die Öffnung zum Westen und für allgemeine Reisefreiheit sein, wenn DDR-Stars zukünftig auch in anderen Ländern spielen. Die Vorsitzenden der Klubs holen die Verträge beim Verband ab, um sie in einigen Tage unterschrieben zurückzubringen. Durch diese konzertierte Aktion kann plötzlich kein DDR-Spieler mehr ohne Freigabe vom DFV für einen neuen Verein spielen – auch nicht nach der bis dahin üblichen zwölfmonatigen Sperre.

 
 
 
 
 
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