Wie die Ost-Stars die Wende erlebten
09.11.2012

Wie die Ost-Stars die Wende erlebten

Die große Freiheit

In Ausgabe #96 erinnerten wir einst mit dem Titelthema »Die große Freiheit« daran, wie die Stars des DDR-Fußballs die Wende erlebten. Lest hier den kompletten Text.

Text:
Johannes Ehrmann, Tim Jürgens und Alex Raack
Bild:
Imago

Kaffeeduft in der Luft. Kuchen mit Sahne. Eine gedeckte Tafel. Die Kinder haben ein Geschenk vorbereitet. Muttern wurschtelt in der Küche. Ein paar Flaschen Bier hat Hans-Uwe Pilz auch kalt gestellt. Die Gäste können kommen. Es gibt etwas zu feiern. Der Mittelfeldregisseur der SG Dynamo Dresden hat zu seinem einunddreißigsten Geburtstag geladen. Doch die Klingel bleibt an diesem Abend stumm. Ist das olle Ding kaputt? Nee, es kommt nur keiner. Denn alle Freunde sind weggefahren. Haben sich in ihre Trabis, ihre Wartburgs und Ladas gesetzt, um sich an der Grenze nach Westen in die endlosen Blechlawinen einzureihen, die vor den Übergängen im Stau stehen. Es ist Freitag und seit gestern Abend steht fest: Die Grenze ist auf, die Menschen tanzen in Berlin auf der Mauer. Pilz muss seinen Geburtstag im Dresdener Plattenbau an diesem Tag allein mit der Familie feiern. In diesem historischen Augenblick zählen Jahrestage und ein privates Anliegen wenig. Es ist der 10. November 1989, der Moment des kollektiven Glücks.

West-Außenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin gerade, dass weitere Grenzübergänge in der Mauerstadt geöffnet werden. Deutschland feiert den Beginn der Einheit wie im Rausch. Das Glänzen in den Augen der Menschen – im Osten wie im Westen eines Landes, das 40 Jahre lang geteilt war. Der Beginn auch der Vereinigung zweier Fußballsysteme. Bis vorgestern bestand für Hans-Uwe Pilz kein Zweifel daran, dass er in drei, vier Jahren bei Dynamo die Fußballschuhe an den Nagel hängen würde, um irgendwo als Trainer zu arbeiten. So ist es im Arbeiter- und Bauernstaat vorgesehen für verdiente Top-Kicker wie ihn. Viele Fragen bleiben da nicht offen. Pilz greift zum Flaschenöffner. Vorsichtig drückt er den Kronkorken der Bierflasche nach oben. Der Jubilar schenkt seiner Frau und sich das goldgelb sprudelnde Getränk in zwei Gläser und sagt: »…vielleicht spiele ich nun doch noch einmal Bundesliga.«

5. April 1989, Dresden
Es ist der vorläufige Höhepunkt in einer Entwicklung, die sich seit einem halben Jahr in der DDR vollzieht. Schon im Frühjahr scheint ein Umdenken in den Führungsetagen des Deutschen Fußball Verbands (DFV) stattzufinden: Im Vorfeld des UEFA-Pokal-Halbfinals gegen den VfB Stuttgart wird den Akteuren von Dynamo Dresden in Aussicht gestellt, mit ihren Ehefrauen zum Auswärtsspiel ins Schwabenland reisen zu können. Ein Goodie für den großen Erfolg im Europacup. Visa für die Eheleute werden beantragt, doch kurz vor der Abreise erklärt der für den Klub zuständige Parteisekretär beim freitäglichen Politikunterricht, dass die Spielerfrauen doch daheim bleiben müssten. Doch kein Spieler kommt deshalb auf die Idee aufzumucken. Zu warm der Kokon, in dem sich die privilegierten Kicker in dem Staat befinden, der sportliche Erfolge stets auch als Propagandainstrument einsetzt. Fußballer haben schon in der Jugend die Möglichkeit, zu Spielen und Trainingslagern ins westliche Ausland zu reisen. Nur die wenigsten nutzen dies zur Flucht. Die Bedingungen für Oberligaspieler – die offiziell als Amateure gelten – sind optimal. Selbst wenn ein Akteur insgeheim von einer dauerhaften Ausreise träumt, die Furcht vor Repressalien gegenüber den Angehörigen überwiegt bei den meisten.

23. Juni 1989, Revfülöp, Ungarn
Der Keeper des BFC Dynamo Berlin, Bodo Rudwaleit, verbringt seinen Sommerurlaub mit Frau und Sohn auf einem Zeltplatz am Balaton. Während des zweiwöchigen Aufenthalts fallen ihm immer wieder seltsame Dinge auf. »Leute, die gestern noch da waren, waren plötzlich weg. Auf dem Zeltplatz gab es immer wieder Ansammlungen von Menschen.« Die DDR ist in Bewegung. Seit Mai baut Ungarn die Grenzanlagen zu Österreich ab. Kurz darauf unterstreichen der österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn ihre Politik der Verständigung und Reisefreiheit medienwirksam mit der symbolischen Durchtrennung des Stacheldrahtzauns.

 
 
 
 
 
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