Wie die NPD in Hamburg um Aufmerksamkeit buhlt

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Wie die NPD in Hamburg um Aufmerksamkeit buhltHSV Supporters Club In den Achtzigern war Knibbeln angesagt. Überall hinterließ der braune Mob seine Sekrete. Zumeist in Form von Stickern, die an den Stadionzäunen, den Kurvenaufgängen oder den U-Bahnhaltestellen klebten und die vor Überfremdung, Rassenvermischung, Ausländern im Fußball oder einfach vor den »Bonzen da oben« warnten. Zur musikalischen Untermalung marschierte bei jedem Heimspiel des HSV eine Hundertschaft von kahlgeschorenen Bombenjackenträgern durch den Betonkessel des Volksparks und hinter dem eh schon martialischen »Sieg«-Schlachtrufen hallte am Fuße vom Block E stets ein kräftiges »Heil« nach.

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Wie in vielen anderen Stadien der Republik okkupierten die Nazis in jenen Jahren Teile der Blöcke. Das erstaunt heute nicht unbedingt, die Tristesse der grauen Spielstätten lud geradezu zum Nazi-Stammtisch ein; betrachtet man aber die Vergangenheit der Kurven, so ist es doch überraschend mit welcher Leichtigkeit die Übernahme vonstatten ging. In Hamburg war etwa der Block E in den Jahrzehnten zuvor ganz anders gefärbt: Harte Kumpels standen dort schon immer, gelegentlich gab's ordentlich Kloppe, doch der Block war in den Siebzigern irgendwie auch anarchisch und punk. So punk, dass ihm die Hamburger Band Slime 1981 sogar eine Hymne widmete. »Die ganze Hamburger Punkszene ging damals zum HSV«, erzählte Slime-Sänger Dirk Jora einmal. Doch dann kippte »die ganze Geschichte heftig nach rechts. Rassismus, Hitlergrüsse und Reichskriegsflaggen gehörten schnell zum Alltag«.

Auch Ralf Bednarek, Chef vom HSV Supporters Club, erinnert sich an eine ungemütliche Zeit. »Ich wehre mich zwar dagegen, von einer ganzen Kurve zu sprechen, die sich rechts gerierte, doch es stimmt, dass vor allem die DVU in den Achtzigern Stände vor dem Stadion aufbaute. In Plattdütsch skandierten die Idioten: ›Uttländer russ! Uttländer russ!‹.« Das ging bis Mitte der Neunziger so. Etliche Fans, auch Dirk Jora, wanderten zum FC St. Pauli ab. Der große, aber doch ängstliche Rest knibbelte eben die Aufkleber ab. Und manchmal setzte es dafür Handpeitschen im Nacken und Stahlkappen am Schienbein.

»Solidarität mit deutschen HSV-Fans«


Heute ist alles anders. Besser in dieser Hinsicht natürlich. Die Modernität der Arena und vor allem die Anhänger des HSV vertrieben die Nazis aus dem Stadion. So positionierten sich Fans und Verein im letzten Jahrzehnt klarer (nicht zuletzt durch eine explizite Stadionordnung) und versuchten sich vom Stigma zu lösen, die politsche Antipode zur Fanszene des FC St. Pauli zu sein. Ein einziges Mal soll eine rechte Partei in der vergangenen Dekade noch probiert haben, einen Infostand in der Nähe des Stadions aufzubauen – der Annäherungsversuch wurde »unjuristisch geklärt«, heißt es aus der Fanszene. Und auch die Klub-Verantwortlichen, die sich vormals oft umständlich zur Gesinnung der Block-E-Kahlschlag-Kommandos äußerten (Bednarek: »Von Vereinsseite hielt man es damals lange mit den Worten: ›Das ist kein Problem, denn das sind ja keine Fans!‹«), nickten dem politischen Akt zur Entpolitisierung der HSV-Kurve zu. Jahrelang hatten der Verein und seine Fans Ruhe vor der DVU, NPD und anderen politischen Unsymphaten.

Letzte Woche schwappte dann eine Pressemitteilung der NPD durchs Netz. In dem Schreiben »Solidarität mit deutschen HSV-Fans« kündigte die Partei an, dass man »in Zukunft gezielt vor dem Volksparkstadion politische Aufklärungsarbeit« betreiben wolle. Ganz nach dem Motto: Reclaim your former battlefield. Den Glauben, dass das Volksparkstadion mitsamt seinen Fans ein idealer Nährboden für ihre Ideologien sei, zog man aus der Auseinandersetzung, die sich wenige Wochen zuvor am Bahnhof Hamburg-Altona ereignete, als mehrere HSV-Hooligans den Torwart des FC St. Pauli, Benedikt Pliquett, und Fans des Klubs verprügelten. So wurden die Gewalttäter scheinbar als Ausdruck eines neuen und kollektiven Interesses am rechten respektive anti-linken Gedankengut der HSV-Kurve missverstanden. Rückenwind spürte die NPD dabei durch die nach dem Vorfall in der Presse ungebrochen wiedergekäuerten Stereotypen: Die Fankurven des FC St. Pauli zeigten sich demnach wie eh als ein Abbild der globalen linken Szene, die Fanlandschaft des Hamburger SV hingegen sei immer noch gewaltbereit und politisch rechts orientiert.



Während die HSV-Fans sich wegen diesem Vorfall in der Defensive sahen, nutzte die NPD die Gunst der Stunde und kolportierte nach außen eine andere Version der Geschichte. Die St.Pauli-Fans und der Torwart hätten »den Streit begonnen und bereits Gewalt angewendet, als die Verteidigungsbereitschaft der HSV-Fans einsetzte«. Dass drei verhaftete Schläger schon lange in der Datei »Gewalttäter Sport« gelistet sind und HSV-Vorstand Oliver Scheel die Tat dem HSV zurechnete, war nebensächlich, schließlich wisse die NPD Hamburg »durch einige Gespräche mit diversen Mitarbeitern des Hamburger SV, dass die Verausländerung und Kommerzialisierung des Vereins in weiten Teilen der Anhängerschaft auf große Skepsis stößt«. Wer diese »diversen Mitarbeiter« sind, wird nicht erklärt.

»Eine Diffamierung der HSV-Mitarbeiter«, sagt Ralf Bednarek, der hinter den Avancen der Partei vor allem ein PR-Interesse sieht. »Die wollten das Derby zum Anlass nehmen, um sich krampfhaft wieder ins Gespräch zu bringen.« Und auch der Journalist Andreas Speit, der für die ZEIT, Jungle World oder die taz über die rechte Szene in Norddeutschland berichtet, sagt: »Die NPD versteht es mittlerweile, sensible Themen aufzugreifen, um einen medialen Effekt auszulösen. Um so nötiger ist es, zu recherchieren, welchen Wahrheitsgehalt eine Internetaussage hat.« An eine neue NPD-Offensive in Sachen Fußballstadien glaubt er nicht. »Natürlich gibt es Rechte, die in Hamburg zum Fußball gehen, freie Kameraden etwa, NPD-Mitglieder sicher auch. Doch dass diese in den letzten Jahren dort offensiv ihre Parteiprogramme oder Ideologie bewarben, ist mir nicht bekannt.«

»Wir scheißen auf euch und eure Solidarität!«

Robert Scholz vom Blog »Endstation Rechts« vermutet indes mehr als eine dumpfe PR-Kampagne der NPD. Er sieht die Aktion eher als Rückrudern des Landesverbandes, der vor einigen Wochen noch den Schulterschluss mit der antiimperialistischen Linken der Hansestadt gesucht hatte: »Das scheint in der Anhängerschaft wohl nicht unumstritten gewesen zu sein, so dass nun der FC St. Pauli als Feindbild herhalten muss, um zu zeigen, dass man mit ›den Linken‹ eigentlich doch nichts zu tun haben will.«

Wie man es auch sieht: Der Kuschelkurs der Rechten ging nach hinten los. Die HSV-Fans erteilten der NPD-Solidarität eine Absage. Am Millerntor entrollten die HSV-Anhänger einen Banner mit der Aufschrift »NPD Fuck Off – Wir scheißen auf euch und eure Solidarität!« und skandierten minutenlang »Nazis raus!«. Und auch im Forum der HSV-Supporters lassen sich keine Aussagen finden, die die NPD Glauben lassen könnten, in der Fanszene des HSV einen möglichen Verbündeten zu finden. Im Gegenteil, ein User schrieb kurz nach Veröffentlichung der Pressemitteilung: »Love Hamburg – Hate Fascism!«. Ein anderer: »Sollen die mal in den Volkspark kommen, mal sehen ob die mit dem Gegenwind klarkommen.«

Halswenden für Anfänger


Sie kamen nicht. Beim Heimspiel gegen Wolfsburg war nicht nur der Wind zu stark, auch stellten die Landesvertreter im Derby wohl nicht ohne Erschüttern fest, dass beim HSV kaum noch die von ihnen so genannten »Urdeutschen« spielen. Blonde oder Blauäugige sind im aktuellen HSV-Kader in der Minderheit. So musste also schnell ein neuer PR-Text her. In diesem beklagt sich die Partei nun über die »einseitige Vorverurteilung von Fußballanhängern des HSV« und eine nicht mehr vorhandene »Ausländerbeschränkung«. Doch weil die NPD beim Stadtderby ganz genau aufpasste, zog sie sogar eine zweite Lehre aus dem Spiel: der FC St. Pauli ist zwar irgendwie links, aber gar nicht so übel wie angenommen. Vielmehr sei der Stadtteilklub »ein positives Beispiel« im Kampf gegen die »Verausländerung« der Ligen: »Etwa die Hälfte des Kaders stammt sogar aus Norddeutschland.«

Solidarität wird es aber auch am Millerntor nicht geben. Einerseits ist das erfreulich, andererseits auch eine Warnung an alle Klubs der Hamburger Verbands- und Bezirksligen: HEBC, SC Victoria, Eimsbüttler TV, Barmbek-Uhlenhorst, SC Sperber oder der SC Concordia – die ewig gestrige Drückerkolonne wird weiterziehen und könnte auch schon bald vor ihrem Stadion stehen.

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