11.08.2013

Wie die kolumbianische Mafia den Fußball unterwanderte

»Wer falsch pfeift, den bringen wir um!«

Seite 2/3: Mord und Totschlag
Text:
Robin Hartmann
Bild:
Imago

Diese Vermutung hat auch Justizminister Rodrigo Lara Bonilla, als er am 21. Oktober 1983 vor die kolumbianische Presse tritt und die Verflechtungen des Profifußball mit der Drogenmafia geißelt. Zu der Zeit sind Gangster wie Gacha auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Macht, Pablo Escobar macht im kolumbianischen Kongress als Abgeordneter sogar ganz legal Politik. Was Bonilla dem kolumbianischen Volk da erzählt, gefällt »El Mexicano« und seinen Komplizen ganz und gar nicht: »Die Proficlubs, die sich in der Hand von Personen befinden, die mit Drogengeschäften zu tun haben, sind Atlético Nacional, Millonarios, Santa Fe, Deportivo Independiente Medellín, América und Deportivo Pereira.« Die Millonarios kommen auf eine schwarze Liste, Gacha zieht sich offiziell als Gönner zurück und überlässt das Geschäft Strohmännern und Familienangehörigen. Seine Antwort lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Am 30. April 1984 wird Rodrigo Lara Bonilla von bezahlten Killern in seinem Auto erschossen.

Dem Schiedsrichter winkt er zu – mit Geldscheinen

Der Staat wiederum versucht, auf seine Weise zurückzuschlagen, Präsident Belisario Betancur beginnt mit Schauprozessen gegen einige der Fußball-Gangster wegen Drogenhandels und Geldwäsche. Die USA haben der kolumbianischen Regierung Hilfe im Kampf gegen die Drogenmafia zugesagt, und als Erster wird 1984 Hernán Botero, Präsident von Atlético Nacional, in die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Die Liga sagt aus Protest am 15. November 1984 einen ganzen Spieltag ab - Botero war ein beliebter Exzentriker, der auch schon mal dadurch Schlagzeilen machte, dass er Schiedsrichtern während eines Spiels von der Ehrentribüne aus mit einem Bündel Geldscheine zuwinkte. Dem Volk ist die Aufregung um die Verflechtungen der Gangster mit dem Profifußball weitgehend egal, die Stadien sind wieder voll und auch der Erfolg kehrt zurück in den kolumbianischen Fußball. América de Cali, bis heute gemeinsam mit den Millonarios erfolgreichster Club des Landes, erreicht zwischen 1985 bis 1987 dreimal hintereinander das Finale der Copa Libertadores, die Medien berichten in der Hauptsendezeit über Themen rund um den Fußball. 1989 gewinnt mit Atlético Nacional zum ersten Mal überhaupt ein kolumbianisches Team die südamerikanische Champions League.

Die Narcos währenddessen entdecken, dass im Fußball auch neben der Geldwäsche ein Haufen Kohle steckt und steigen ins Wettgeschäft ein. Gachas Millonarios gewinnen 1987 und 1988 zwei Mal hintereinander die Meisterschaft und bleiben in der ersten Saison 22 Spiele ungeschlagen. In der darauffolgenden gleich 26. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, man habe dafür das ein oder andere Mal Spieler oder Schiedsrichter bestochen: In einem Qualifikationsspiel für die Copa Libertadores gegen Santa Fe beispielsweise steht es 1:0 für die Millonarios, als Schiedsrichter Lorenzo López einen Elfer gegen »Millo« pfeift. Jorge Taverna tritt für Santa Fe an und verschießt so jämmerlich, dass er nach dem Spiel Prügel von seinen Teamkollegen bezieht – und wahrscheinlich auch einen dicken Scheck von »El Mexicano«. In einer anderen Partie gibt Referee Ramiro Rivera einen Elfmeter für ein Foul, das mindestens drei Meter außerhalb des Strafraums stattfand – Gacha hatte Riveras Familie entführen lassen, um dem Glück der Millonarios etwas auf die Sprünge zu helfen. 1989 wird der Schiedsrichter Armando Pérez entführt und später mit einer Botschaft an seine Kollegen wieder frei gelassen: »Wer falsch pfeift, den bringen wir um!« Der Unparteiische Álvaro Ortega wird Opfer dieser Drohungen, am 15. November 1989 wird er nach dem Spiel Millonarios gegen América de Cali ermordet. Der kolumbianische Fußballverband DIMAYOR sagt daraufhin zum ersten und bis heute einzigen Mal in seiner Geschichte die weitere Meisterschaft ab.

 
 
 
 
 
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