11.08.2013

Wie die kolumbianische Mafia den Fußball unterwanderte

»Wer falsch pfeift, den bringen wir um!«

Anfang der Achtziger lag der kolumbianische Fußball am Boden, als die ehrenwerte Gesellschaft die Erstliga-Clubs des Landes als Spielzeug für sich entdeckte. Gangster wie Gonzalo Rodríguez Gacha überzogen den Sport mit Geldwäsche, Entführung und Mord.

Text:
Robin Hartmann
Bild:
Imago

Im April 1982 wird sich beim kolumbianischen Erstligaclub Millonarios FC sicher mehr als einer verwundert die Augen gerieben haben, als auf einer der Hauptversammlungen plötzlich ein Mann auftaucht. Was er verspricht, klingt geradezu unglaublich: Er sei bereit, die 250 Millionen Pesos Schulden, die den Verein drücken, aus eigener Tasche zu bezahlen. Zudem wolle er den bisherigen Eignern des Clubs ihre Anteile abkaufen, und zwar für drei mal so viel, wie sie eigentlich wert sind. Fingerdicke Goldketten, das Hemd lässig bis zum Bauch aufgeknöpft, tief ins Gesicht gezogener  Strohhut, jeder bei Millonarios weiß damals, dass es sich bei dem Mann um niemand geringeren als Gonzalo Rodríguez Gacha handelt - seines Zeichens Drogenhändler und die rechte Hand von Pablo Escobar. »Der Mexikaner«, wie sie Gacha in Kolumbien wegen seiner dunklen Hautfarbe nennen, ist in den Jahren zuvor als Mitglied des Medellín-Kartells zu geradezu märchenhaftem Reichtum gelangt, wird auf der Forbes-Liste als einer der wohlhabendsten Männer der ganzen Welt aufgeführt.

Er verteilt Prämien – für besonders schöne Tore

Das Angebot eines solchen Mannes will, ja, kann man nicht ablehnen, denn der kolumbianische Fußball liegt Anfang der achtziger Jahre am Boden. Marode Infrastruktur, keine kontinental wettbewerbsfähigen Teams, keine potenten Sponsoren und fehlendes Interesse seitens des Volkes und der Medien. Männer wie Gacha verheißen für die finanziell im ganzen Land schwer angeschlagenen Vereine die Rettung - gerne lassen sich die Millonarios, Kolumbiens sportlich erfolgreichstes Team, von ihm retten. Andere Gangster wie Phanor Arizabaleta oder Miguel Rodríguez Orejuela kaufen sich Mannschaften wie Santa Fe oder América de Cali, die ehrenwerte Gesellschaft hat den Fußball als Mittel entdeckt, sich beim einfachen Mann beliebt zu machen. Ein Plan, der mehr als aufgeht: Spektakuläre Spielertransfers ziehen plötzlich wieder ein Massenpublikum an, während der Mexikaner und seine Komplizen die Vereine dazu nutzen, ihren Gewinn rein zu waschen. Der Ruf des Geldes lockt Veteranen wie Pedro Alberto Vivalda, José Daniel Van Tuyne, Juan Gilberto Funes, Marcelo Trobbiani und Mario Vanemerak zu den Millonarios - insgesamt 14 neue Spieler entlohnt Gacha mit einem fürstlichen Gehalt von bis zu 50.000 Dollar monatlich, inklusive Prämien für besonders schöne Tore.

Zu hunderten lädt »El Mexicano« Freunde und Bekannte, aber auch Journalisten und Persönlichkeiten aus der Politik auf seine Finca Chihuahua in seinem Heimatdorf Pacho ein. Dort feiert er rauschende Feste und lässt seine Millonarios zum Spaß auf seinem eigenen Fußballplatz gegen Teams von anderen Capos antreten. Der ehemalige Spieler Carlos González Puche, heute leitender Verantwortlicher bei der Asociación Colombiana de Futbolistas Profesionales, erzählt Jahre später von einer solchen Begegnung: »Das ganze Dorf feierte uns damals, inklusive der Polizei, etwa 4000 Leute. Nach dem Spiel gab es eine riesige Party, obwohl wir 2:1 gegen Santa Fe verloren hatten. Wirklich jeder bekam etwas zu essen und zu trinken.« Auch an sein Zusammentreffen mit Gacha erinnnert er sich genau: »Er war pummelig und von mittlerer Statur, mit einer riesigen Nase, und zwei schwer bewaffnete Männer begleiteten ihn zu jeder Zeit. Das war also der mysteriöse Mann, der Millonarios gekauft hatte, um sie wieder dorthin zu führen, wohin sie gehörten. Der Mann, der unsere Schulden bezahlt, Verstärkung eingekauft und die Gehälter erhöht hatte. Ich werde nie diesen Moment vergessen, in dem wir alle sehen konnten, dass der Drogenhandel sich den kolumbianischen Fußball einverleibt hatte.«

 
 
 
 
 
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