Wie der Transfer Deadline Day England in Atem hält

Wie Weihnachten

Millionendeals in letzter Minute und endlose Warterei: Der Transfer Deadline Day ist der verrückteste Tag im englischen Fußball. Wir waren zu Besuch.

Ed Thompson

Nein, einen Dildo im Gesicht eines Reporters gibt es in diesem Jahr nicht. Auch keine aufblasbaren Gummipuppen. Kein Profi wird sich vor laufender Kamera zum Deppen machen. Harry Redknapp wird kein Interview aus seinem Auto geben. Dafür werden in 24 Stunden knapp 70 Millionen Euro bewegt. Babys via Twit­ter der Öffentlichkeit präsentiert. Thierry Henry sich zu Tode langweilen. Und Joey Barton diesen Tag mit den Worten zusammenfassen: »Transfer Deadline Day ist wie Weihnachten!« Man weiß nie, was man kriegt.

20 Millionen Zuschauer. Im Schnitt.

Der Deadline Day am­­ jeweils letzten Tag der Trans­ferperiode ist eines der meist­kommentierten und -verfolg­­ten Ereignisse im englischen Sport. Und eines der seltsamsten. Der über­tragende Sender Sky Sports News hat daraus ein riesiges Event gemacht. 20 Millionen Zuschauer schauen im Schnitt zu. Keine Zeitung, keine Homepage, kein Blog kann es sich erlauben, diesen Tag nicht medial zu begleiten. Tausende klinken sich via Twitter in den Mix aus Gerüchten, Spekulationen und abgeschlossenen Deals ein. Und bis vor einem halben Jahr pilgerten die Fans zu den Trainings- und Parkplätzen ihrer Klubs, um sich selbst möglichst spektakulär in der Live-Berichterstattung zu verewigen.

Diese Kamera-Bomber wird es nun nicht mehr geben, auch wegen der Sache mit dem Dildo. Den hatte Sky-Reporter Alan Irwin am 1. September 2014 ertragen müssen, ein Everton-Fan hatte ihm das Teil während einer Liveschalte ins Gesicht gedrückt. Einer seiner Kollegen war am selben Tag während einer Übertragung mit einer Gummipuppe traktiert worden. Um ihren Mitarbeitern solche Vorfälle zu ersparen, hat Sky in diesem Winter entschieden, die Fans auszusperren.



Dass diese Entscheidung der Faszination für den Deadline Day keinen Abbruch tut, zeigt, wie tief dieser Termin inzwischen in der britischen Fußballkultur verankert ist. Schuld daran ist wiederum der Sender Sky Sports News, der vor knapp zehn Jahren erkannte, welche Strahlkraft das doch eigentlich schnöde Verschieben von Geld und Fußballern haben kann. Verantwortlich an diesem 2. Februar 2015 ist Andy Cairns, Executive Producer bei Sky. Im riesigen Senderkomplex tief im Londoner Westen bewohnt die Sportredaktion gleich mehrere Etagen. In diesem Ameisenhaufen voller Mitarbeiter, Bildschirme und Kameras hat Cairns sein Büro. »Willkommen im Nervenzentrum des Deadline Days«, ruft der End-Fünfziger mit der gelben Krawatte. Die ist Teil der Folklore. Gelb ist die Sky-Farbe für Breaking News, sämtliche Reporter, Moderatoren und Experten sind mit gelben Krawatten und Accessoires ausgestattet. Wie erklärt er sich die Faszination seiner Landsleute für diesen Tag? »Ob deine Mannschaft um die Meisterschaft kämpft oder gegen den Abstieg spielt – neue Spieler sind das Salz in der Suppe. An diesem letzten Tag hat man das Gefühl, dass alles passieren könnte. Das macht die Dra­matik aus.«

20 Prozent der Deals werden am letzten Tag eingefädelt

Die Klubs machen mit bei diesem Theater. Im Schnitt 20 Prozent aller in der Transferperiode getätigten Wechsel und Leihgeschäfte werden am letzten Tag eingefädelt. Das ist angesichts der Professionalität der Vereine erstaunlich. Warum bis auf den letzten Drücker warten, bis die Personalplanung abgeschlossen ist? »Es hat was von Poker«, sagt Cairns. »Du spielst deine Karten erst ganz am Schluss aus.« Viele Deals entstehen dann doch in der Hektik des Tages, sportlich angeschlagene Klubs hoffen mit späten Transfers den Anhang zu besänftigen.

All das hat für die mehr oder weniger unterhaltsamen Episoden des Deadline Days gesorgt: die unglaublichen 34 Millionen Euro, die Manchester City im September 2008 in letzter Minute für Robinho auf den Tisch legte, wodurch Sky erstmals erstaunlich hohe Einschaltquoten bei der Übertragung des Transferschlusses verzeichnete. Den ewigen Harry Redknapp, der jahrelang als Trainer der Queens Park Rangers die Massen mit Live-Interviews aus seinem Auto unterhielt. Oder den traurigen Auftritt von West-Brom-Spieler Peter Odemwingie, der 2013 stundenlang in seinem Wagen vor dem Trainingsgelände von QPR wartete und dann doch nicht verpflichtet wurde.

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