Wie der Rest der Welt auf die EM blickt
18.06.2008

Wie der Rest der Welt auf die EM blickt

Schau ich EM in der Nacht ...

... bin ich um den Schlaf gebracht. Die EM findet nicht nur in Europa statt. Die einen stellen sich den Wecker auf kurz vor zwei, die anderen vermissen England – wie der Rest der Welt auf die Europameisterschaft blickt.

Text:
Lucas Vogelsang
Bild:
Imago
Mit dem Fußball hält es der Europäer gemeinhin wie mit der Landkarte: Er hält sich für den Nabel der Welt. Den Afrika-Cup neulich haben hierzulande einige gesehen, weil Eurosport brav in der Prime Time gesendet hat. Doch schon beim Asien-Cup oder bei der Copa América erreicht die interkontinentale Fußballbegeisterung ihre Grenzen. Nun müsste eigentlich, nur spiegelverkehrt, dasselbe auch für Fußballfans in Asien, Afrika oder Lateinamerika gelten: EM – ohne mich.



Gleichwohl werden selbst in den USA alle 31 Spiele live auf ESPN oder ABC zu sehen sein. Ein Novum im Land der Basketbälle und eiförmigen Fußbälle, in dem der Emporkömmling Soccer jahrelang eher wie das hässliche Stiefkind behandelt wurde, dem man meist nur eine lieblose Konfettiberichterstattung widmete, mit Ergebnisschnipseln in Tageszeitungen und kurzen Bildfetzen im Fernsehen. Nun läuft die Europameisterschaft in den USA am Nachmittag und wird ihre Zielgruppe wohl zeitlich verfehlen. »Alle Spiele werden sich nur die echten Hardcorefans ansehen«, meint Rick Skirvin von der Soccer Association in Georgia. Erst wenn es richtige spannend würde, könnte das Turnier seine Tarnkappe abstreifen. »ESPN rechnet mit vier bis fünf Millionen Zuschauern beim Finale«, meint Skirvin, fügt aber hinzu: »Jedoch nur, wenn die Namen stimmen. Alle hoffen auf Italien gegen Spanien.« Dass in den USA überhaupt über die EM geredet wird, ist ein Zeichen dafür, wie eng der Weltfußball in den letzten Jahren zusammengerückt ist. Insbesondere die perfekt vermarkteten Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie der Aufstieg der englischen Premier League zur Weltliga haben dafür gesorgt, dass sich die Kontinente auf dem Platz so nah sind wie nie zuvor. Weshalb selbst satte Zeitunterschiede von sieben Stunden und mehr die globalen Anhänger nicht daran hindern können, die Spiele live zu verfolgen.

In China etwa überträgt das staatliche Fernsehen CCTV. Alle Spiele, alle Tore, mitten in der Nacht. Denn die Chinesen sind unserer Sommerzeit ermüdende sechs Stunden voraus. Deutschland gegen Polen beginnt in Shanghai also um viertel vor drei, trotzdem werden sich 30 Millionen Chinesen für dieses Turnier den Wecker stellen. »Für einige Chinesen ist die Euro noch wichtiger und größer als Olympia«, sagt Lou Jian vom Magazin »Titan Sports« in Shanghai und hat auch eine simple Erklärung dafür: »Wer interessiert sich schon für so langweilige Sportarten wie Schwimmen oder Bogenschießen oder Gewichtheben? Die Chinesen lieben Fußball.« In erster Linie lieben sie jedoch das Entertainment. »Es wird nur ganz wenige geben, die für Spiele der Russen aufstehen«, meint Lou Jian. »Die haben hier nämlich den Ruf der Langweiler.« Hätten sich dagegen die Engländer qualifiziert, würden noch ein paar Millionen mehr ihre schlaftrunkenen Blicke in Richtung Alpen werfen. Denn die Premier League ist in Ermangelung von einheimischem Qualitätsfußball zur Lieblingsliga der Asiaten geworden.

Auch in Ghana vermisst man die Engländer. Listowel Bukarson, der Sportchef von »Kapital Radio« aus Kumasi, greift zu einer Metapher aus der Großwildjagd: »Die Leute hier wollen die big four sehen.« Das sind Deutschland, Frankreich, Italien und – weil die Engländer im Sommer frei haben – diesmal auch Portugal. Dass die Portugiesen in Afrika neuerdings hoch im Kurs stehen, hat gleich wieder mit der globalen Hausliga zu tun. »Hier gucken alle die Premier League«, sagt Bukarson, »und alle verehren Cristiano Ronaldo«. Ansonsten verteilen die Afrikaner ihre Sympathien auch während der EM patriotisch und unterstützen insbesondere jene Länder, deren Stars mit ihren Landsleuten Seite an Seite spielen. »Hier in Ghana werden viele für Deutschland sein, weil Ballack mit Essien spielt«, glaubt Bukarson. »Bei Griechenland gegen Russland werden die Fernseher dagegen ausbleiben. Das interessiert hier niemanden.« Rehhagels Europameister gelten in Afrika als das fußballerische Äquivalent zum Testbild. Überhaupt ist es, wie in Asien, ein gewisser Starfetischismus, der die Europameisterschaft interessant macht.

Länder wie Argentinen und Brasilien, die ihre eigenen Stars haben, nehmen die Veranstaltung deshalb auch relativ emotionslos zur Kenntnis. Ballack und Fàbregas verblassen hinter Messi oder Kaká. In den kleineren Ländern Südamerikas und vor allem in Mittelamerika sieht das anders aus. Hier gilt die Euro nach der WM und dem Gold Cup als das wichtigste Turnier überhaupt. Die Fans in kleinen Ländern wie Honduras oder El Salvador finden ihre Idole in den großen europäischen Ligen, vor allem in der Primera División. Barça und Real Madrid haben hier ebenso fanatische Anhänger wie in Spanien. Deshalb ist den Leuten die EM auch näher als die Copa América, für die sie sich ohnehin nie qualifizieren. In El Salvador zum Beispiel laufen die Spiele schon morgens um zehn und sind trotzdem echte Straßenfeger. »Ich habe 1996 an der Universität von San Salvador gearbeitet. Als Deutschland gegen England gespielt hat, sind plötzlich Vorlesungen ausgefallen«, erzählt Toni Keppeler, jahrelang Mittelamerika-Korrespondent der »Taz«. »Gute Arbeitgeber stellen dann Großbildfernseher in ihre Betriebe. Die Arbeit wird unterbrochen, staatliche Büros schließen ganz. Dafür wird nachts nachgearbeitet.« Und sollte Spanien Europameister werden, wird es in San Salvador vielleicht sogar ein Feuerwerk geben. Weit weg von Madrid oder Wien.

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