Wie der HSV 1983 den Europacup holte

Jetzt bist du dran, Cowboy!

Der HSV greift nach dem UEFA-Cup. Es wäre der erste internationale Titel seit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983. Happel, Magath, Hrubesch und Stein in Athen – hier ist das Protokoll einer Dienstfahrt. Wie der HSV 1983 den Europacup holteImago Sonne schien ins Zimmer. Ein lauer Wind wehte durchs offene Fenster und ließ die Gardinen tanzen. Im Hof hörte er aus weiter Entfernung die Stimmen spielender Kinder. Dutzende leerer Bierflaschen und Sektgläser standen auf dem Tisch. Der schale Duft von Zigarettenrauch in der Luft ließ ihn beim Aufwachen kurz erschauern. Jahrelang war er selbst Raucher gewesen, wie war das nur möglich? Seine getönte Brille lag neben ihm auf dem Fußboden. Wie lang hatte er geschlafen? Mühsam fahndete er im Kopf nach Erinnerungen an die vergangene Nacht. Das Display des Radioweckers zeigte 16.13 Uhr an. Es konnte unmöglich so spät sein. Zur Kontrolle warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und Schweiß schoss ihm auf die Stirn. Binnen Sekunden reifte die wage Ahnung zur Gewissheit: Er hatte verpennt.

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Einige Kilometer entfernt am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel unternahm die Dame von der Ansage einen weiteren Versuch: »Herr Magath, bitte begeben Sie sich unverzüglich zu ihrem Flugsteig.« Eine leicht verkaterte Reisegruppe wartete am Gate. Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs und die anderen Spieler des frischgebackenen Europacupsiegers, des alten und neuen Deutschen Meisters lauschten amüsiert den Aufforderungen, die ihrem Spielmacher galten. Ausgerechnet der introvertierte Klassenprimus Magath war also nicht zur Abreise nach Siegen erschienen, wo der HSV heute, am 5. Juni 1983, eine Deutschland-Tour mit sieben Freundschaftsspielen starten sollte, um seine leere Klubkasse aufzufüllen. Als der Aufruf erneut ertönte, bröckelte auch das Pokerface von Trainer Ernst Happel und der qualmende »Wödmasta« brach in ein herzhaftes Lachen aus.

13 Tage vorher sah die Welt noch anders aus. Vorwärts, rückwärts, vorwärts und zurück. Die VHS-Kassette rotierte im Recorder. Der Wiener Grantler sah sich im Besprechungsraum des Trainingszentrums Ochsenzoll mit seinem Team ein Spiel auf Video an: Juventus Turin gegen Widzew Łódź, Halbfinalrückspiel im Landesmeistercup. Endergebnis 2:2. Schweigend verfolgten die Spieler das Geschehen auf dem Bildschirm. Die Italiener liefen mit einer Traumelf auf. Sechs amtierende Weltmeister, dazu das wohl beste Mittelfeld dieser Zeit mit Frankreichs Genius Michel Platini und und dem Polen Zbigniew Boniek. Happel referierte kurz und knapp in schlichten Aussagesätzen. Seine Jungs wussten selbst, welcher Gegner am Mittwochabend im Athener Olympiastadion auf sie wartete. Als die Kassette zuende war, schoben die Profis ihre Stühle zurück und machten sich auf den Heimweg. Der Coach gab Wolfgang Rolff ein Zeichen, er möge sitzen bleiben. Happel brummte: »Traust du dir den Platini zu?« Rolff, ehrgeizig bis in die Haarspitzen, musste nicht überlegen. Happel drückte also die Rückspultaste am Videogerät und lieferte dem 23-Jährigen noch eine komprimierte 40-Minuten-Fassung von Platinis Repertoire.

Dienstag, der 24. Mai 1983

»Jungs, das haben wir hinter uns«, motzte Horst Hrubesch, »lasst bloß die Anzüge zuhause.« Im Präsidium wurde diskutiert, wie sich der Verein beim Fußballfest in Athen präsentieren solle. Aber der bodenständige Kapitän (Lieblingsessen: Eintopf, Lieblingsmusik: Abba) bevorzugte die rustikale Variante. Der 32-Jährige war einer von acht Spielern im Kader, die bereits im Landesmeisterfinale 1980 gegen Nottingham Forest dabei waren. In nagelneuen Maßanzügen war der HSV damals ins San Bernabéu nach Madrid gereist. Genutzt hatte der feine Zwirn den Hanseaten nichts – sie waren den Briten mit 0:1 unterlegen. Diesmal also kein Brimborium, keine großen Empfänge – in Athen sollte der Fußball im Mittelpunkt stehen. Die Gruppe, die sich am späten Vormittag am Abfluggate in Fuhlsbüttel sammelte, wirkte für Außenstehende eher wie ein Kegelklub, als ein Mitglied der Belle Etage des internationalen Fußballs.

Im Charterflieger der Hapag-Lloyd zum Flughafen Athen-Ellinikon saß die gewohnte Clique. Neben der Mannschaft war eine Abordnung des HSV-Vorstandes um Präsident Dr. Wolfgang Klein mit an Bord und eine Handvoll Edelfans, die das Team fast überall hin begleiteten. In der griechischen Hauptstadt waren Zimmer im Interconti in der Syngrou Avenue reserviert. In der Lobby trafen die Spieler auf Bayern-Manager Uli Hoeneß und Paul Breitner, der hoffte, aus den beiden Finalisten einige Stars für sein bevorstehendes Abschiedsspiel zu rekrutieren.

Die Bälle beim abendlichen Abschlusstraining im Olympiastadion flogen Uli Stein mal von halblinks, dann wieder von halbrechts um die Ohren. Ein paar einstudierte Spielzüge, am Ende Auslaufen bei Acht gegen Acht. In der Zeit vom 16. Januar 1982 bis zum 29. Januar 1983 war die Mannschaft in 36 Ligaspielen hintereinander ungeschlagen geblieben. Ein Rekord für die Ewigkeit. Diese Siegermentalität strahlte der Kader auch heute aus. »Selbstbewusst bis an die Grenzen der Arroganz«, sei man gewesen, sagt Holger Hieronymus. Happel hielt die Spieler an der langen Leine. Die große Freiheit im Privaten, aber wer auf dem Platz nicht mitkam, hatte ein Problem. An diesem Tag waren alle Spieler um 23 Uhr auf den Zimmern. Uli Stein war der letzte, der sich um kurz nach elf von der Massagebank bei Hermann Rieger rollte.

Mittwoch, der 25. Mai 1983

Um 8 Uhr startete der Physiotherapeut seinen Weckruf. Nach dem Frühstück brach das Team zum Golfplatz im Athener Stadtteil Glyfada auf. An Spieltagen war es üblich, dass die Mannschaft einen Spaziergang machte. Heute sollten die HSV-Kicker beim Putten in die Konzentrationsphase auf das Spiel eintauchen. Trainer Happel saß mit Rieger auf der Terrasse des Golfklubs und rauchte. Der Masseur blätterte in einer griechischen Tageszeitung und betrachtete die Bilder im Sportteil. Hier kokelt doch irgendwas, dachte er. Dann sah er die Flamme am unteren Ende der Zeitung. Es knüllte das Papier zusammen und dahinter kam ein lächelnder Trainer zum Vorschein, der mit seinem Feuerzeug hantierte und sagte: »Hermann, kannst dös wirklich lesen?« Kurz darauf winkte Happel Ditmar Jakobs, Horst Hrubesch, Felix Magath, Manfred Kaltz und Jürgen Groh heran und besprach die entscheidende Frage: Mann- oder Raumdeckung für Juves Spielgestalter Boniek und Platini? Die Leistungsträger gaben ihr Votum ab, Happel hörte zu. Ditmar Jakobs lacht: »Und am Ende machte er es doch so, wie er für richtig hielt.«

Die Kaffeetassen der Spieler erbebten auf den Tischen. Der Golfplatz lag in der Einflugschneise des Athener Flughafens. Bruuum, bruuum. Happels Ansprache wurde immer wieder von landenden Maschinen unterbrochen. Die Essenz seiner Rede: aggressive Raumdeckung! Groh sollte Boniek im Blick behalten, Rolff den Aktionsradius von Platini stören. Der Däne Lars Bastrup würde gegen Juves Verteidiger Claudio Gentile spielen und sollte diesen durch Ausflüge von der rechten Abwehrseite weglocken, damit die Räume frei für Vorstöße des linken Verteidigers Bernd Wehmeyer wurden. Während der Sitzung blickten die Spieler immer wieder gen Himmel. »Ein Alitalia-Jet nach dem anderen kam runter«, erinnert sich Wolfgang Rolff, »da wurde uns bewusst, dass heute wohl etwas Besonderes in Athen los sein würde.«

Beim Mittagessen (Züricher Geschnetzeltes mit Vollkornnudeln) im Hotel saß Ernst Happel an der Seite seines Kapitäns. Sie sprachen über Hrubeschs Erinnerung an das Cupfinale gegen Nottingham. Der Mittelstürmer erzählte von dem Moment, als er vorm Rückflug durch die Glasscheibe am Flughafen die Briten mit dem Pokal gesehen hatte. Da habe nichts mehr gewünscht, als die Schüssel zu nehmen. Happel hörte schweigend zu, dann beugte er sich zu dem blonden Kapitän hinüber und sagte: »Cowboy, jetzt bist du dran!«

Bei der Mittagsruhe schlief Hrubesch wie ein Neugeborenes. Felix Magath rollte sich derweil von einer Seite auf die andere. Die Mittagshitze im Athener Moloch. »Ich schwitzte wie nie zuvor in meinem Leben.« Zimmernachbar Manfred Kaltz machte sich offensichtlich weniger Gedanken. Völlig unbeweglich lag er da und atmete ruhig. Gegen halb fünf wurde Magath von Hermann Riegers Klopfen erlöst. »Jungs, es geht los.« Der Bus des HSV bog in die überfüllten Straßen der Athener Innenstadt. Das Blaulicht der Polizeieskorte läutete den feierlichen Abend ein.
Die Juve-Spieler betraten in dunkelblauen Zweireihern den Rasen.

Happels Jungs waren gerade im Begriff ihre Platzbegehung abzuschließen. In ihren gewöhnlichen Trainingsanzügen wirkten die Hamburger im Gegensatz dazu wie ein Kreisligist, der ein Spiel gegen ein Profiteam gewonnen hat. Happel knurrte: »Die ham dös Büffet und die Kapelle schon bestellt.« Im Angesicht der adretten Italiener stellte Hrubesch lächelnd fest, dass seine Trainingshose ein kleines Loch am Bein besaß. Doch Äußerlichkeiten spielten längst keine Rolle mehr. Als die Mannschaft in der engen Kabine ihre rotgestreiften Trikots überzog, sprach Happel letzte Worte: »Ihr habt das ganze Jahr so gut gespielt. Ihr habt euch dieses Match verdient. In der 70. Minute bring ich den Jungen (Thomas von Heesen, Anm. d. Red.), dann will ich, dass ihr ihm helft. Und jetzt geht raus und holt euch den Schapsen.« Auf dem Weg durch die Katakomben kam das Team am Aufgang zur Ehrentribüne vorbei. Kapitän Hrubesch trat auf die erste Stufe der Treppe und grölte hoch: »Bin ich hier richtig, um nachher den Pokal abzuholen?« Ein kaltes Lächeln huschte über die Gesichter der Spieler. Draußen warteten 77 000 Zuschauer, darunter 50 000 Juve-Fans.

Für Uli Stein war das Spiel in der 6. Minute gelaufen. In diesem Moment gelang Roberto Bettega nach Flanke von Gentile aus kurzer Entfernung ein Flugkopfball. Der Keeper lenkte den Ball um den Pfosten. »Es war einer dieser Momente, in denen ein Torwart weiß, dass nichts mehr schiefgehen kann.« Von Steins Gewissheit ahnte Felix Magath nichts, als er in der 8. Minute in Ballbesitz kam, mit einem angetäuschten Schuss Bettega aussteigen ließ und vom linken Strafraumeck unhaltbar für Dino Zoff zum 1:0 einschoss. Magath: »Ich dachte nur: Verdammt, das ist doch viel zu früh.« Ein Irrtum. Denn der HSV dominierte das Spiel. WM-Torschützkönig Paolo Rossi war bei Ditmar Jakobs in besten Händen, Stein hielt drei Unhaltbare. In der Halbzeit sprach Happel wieder nur das Nötigste. Sechs, sieben Minuten ließ er seine Spieler zu Atem kommen, dann erinnerte er daran, die Ordnung zu halten und verabschiedete seine Männer mit einem aufmunternden »Gemma!«. In der 56. Minute machte Ausputzer Gentile seinem Frust Luft. Als der Ball in der Hälfte der Hamburger war, versetzte er Lars Bastrup unweit von Juves 16-Meter-Raum einen Ellbogen-Schlag ins Gesicht. Der Däne wurde vom Stadion direkt ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Doppelter Kieferbruch.

Happel qualmte auf der Bank wie eine Dampflok. Die letzten Minuten erlebten die Ersatzspieler und der Coach stehend auf der Tartanbahn. Als der rumänische Schiedsrichter Nicolae Rainea abpfiff, sackte Hermann Rieger unter Freudentränen auf der Bank zusammen. Horst Hrubesch sagte grinsend zu seinem Buddy Ditmar Jakobs: »Ich hab es dir gesagt, Jako, ich hab es dir doch gesagt.« Happel ging wortlos über den Platz und gratulierte jedem seiner Spieler mit einem Klaps. Felix Magath: »Das hat er nur dieses eine Mal gemacht.« Paolo Rossi hatte keine Lust mehr, mit Ditmar Jakobs das Trikot zu tauschen. Im Spielertunnel übergab Holger Hieronymus seinem Widerpart Gaetano Scirea das verschwitzte Jersey. Bernd Wehmeyer begab sich mit seinem Shirt und dem Torwarttrikot von Uli Stein kurz in die Kabine von Juve. Der sonst so selbstbewusste Stein hatte nicht mehr den Schneid, seinem großen Idol Dino Zoff in diesem Moment gegenüberzutreten. Es war das letzte Pflichtspiel der 41-jährigen Torwartlegende. Bernd Wehmeyer lugte also schüchtern durch die Kabinentür der Italiener, reichte Marco Tardelli seinen Fetzen und Zoff das Shirt von Stein. Dabei entdeckte er einen älteren Herrn mit grauen Schläfen, der in der Ecke versteinert zu Boden blickte und erkannte Fiat-Boss Gianni Agnelli.

Jürgen Groh bekam von all dem nichts mit. Er saß in einem Sanitäterraum in den Stadionkatakomben, trank ein Glas Wasser nach dem anderen. Im Kabinengang war er mit Thomas von Heesen, Claudio Gentile und Zbigniew Boniek von einem UEFA-Offiziellen zur Dopingprobe gebeten worden. Die Juve-Spieler hatten die Urin-Probe zügig abgeliefert. Groh: »Die waren auch darin Profis.« Allmählich konnten Hermann Rieger und Mannschaftsarzt Ralf Matthies, die dem skurrilen Schauspiel beiwohnten, sich das Grinsen nicht mehr verkneifen. Auch von Heesen hatte die lästige Pflicht erledigt und stimmte ein in den schadenfreudigen Chor. Grohs situatives Problem machte das nicht leichter. In der Kabine packte die Mannschaft bereits die Koffer und stieg in den Bus. Groh harrte aus.
Auch Felix Magath fehlte das letzte Stück zum Glück. Bei der »Blauen Stunde«, dem Bankett im Interconti, musste er am runden Tisch der Funktionäre Platz nehmen. Während seine Teamkollegen beim Flaschenbier schon in Partystimmung verfielen, sollte er den Altvorderen des Klubs alles nochmal ganz genau erzählen. Magath: »Und an diesem Tag waren auch ein paar mit nach Athen gekommen, die sich im ganzen Jahr vorher nicht bei uns blicken gelassen hatten.« Günter Netzer und Präsident Dr. Wolfgang Klein bedankten sich in kurzen Ansprachen bei der Mannschaft. Ernst Happel steckte sich munter eine Zigarette nach der anderen an. Nach einer halben Stunde traf auch die medizinische Abteilung mit Thomas von Heesen und Joschi Groh mit einem Taxi aus dem Stadion ein. Die Notaufnahme im Krankenhaus hatte am Kinn von Lars Bastrup ein Metallgestell zur Fixierung des Kiefers angebracht. Traurig schlürfte der Däne sein Bier mit dem Strohhalm. Die Party erreichte gerade ihren ersten Höhepunkt, als der Concierge wissen ließ, dass die Bar um zwei Uhr schließen würde.

Donnerstag, 26. Mai 1983

Für Wolfgang Rolff war der Zapfenstreich der Anlass, schlafen zu gehen. Er saß auf seinem Bett. Seine Freundin, die er erst jetzt per Telefon erreichte, johlte freudig in den Hörer. Nach einem kurzen Gespräch legte er auf. »Wir sehen uns dann morgen.« Gedankenverloren verfolgte er noch einige Minuten das griechische TV, wo nun Bilder des Spiels gezeigt wurden, und schlief ein. Einige Türen entfernt hingen dichte Rauchschwaden in der Luft. Eine Partytruppe angeführt von Rolffs Zimmergenosse Jürgen Milewski (Traumberuf: Rockstar), Horst Hrubesch und Uli Stein zog von Zimmer zu Zimmer und machte sich an den Mini-Bars zu schaffen. Den Pokal hatte Hermann Rieger konfisziert. Der Masseur hatte sich zurückgezogen, um für den Rückflug am Morgen zu packen. Gegen halb vier klopfte es an seiner Tür. Es war ein sichtlich angeheiterter Jürgen Groh. Mit einer Flasche Sekt und dem Cup nahm er den Masseur mit zu einem Besuch auf das Zimmer von Thordes Krakow, dem Edelfriseur vom H19 aus Eimsbüttel, der den HSV zu allen Spielen begleitete. Rieger stellte die Schüssel bei ihm auf die Fensterbank. Das Trio quatschte bis zum Morgengrauen. Als endlich Licht ins Zimmer fiel, blickten sie andächtig auf die Trophäe, die in der Morgensonne glitzerte, im Hintergrund die Akropolis. Rieger: »Ein Moment für die Ewigkeit.«
Ringgg, ringg. Horst Hrubesch fiel fast aus dem Bett, als das Telefon klingelte. 15 Minuten bis zur Abfahrt Richtung Flughafen. Und Happel war kein Trainer, der Rücksicht auf trödelnde Spieler nahm. Wer nicht pünktlich zur Abreise erschien, konnte sehen wie er nach Hause kam. Wehmeyer und Hrubesch wuchteten sich aus den Betten. Das am Boden liegende Bündel Klamotten schmiss der Lange im Ganzen in seine Sporttasche. Zehn Minuten später traf sich eine leicht verkaterte Reisegruppe in der Lobby. Ernst Happel rauchte schon wieder. Magath, Milewski, Groh und Jakobs hatten gerade eine Partie »Klabberjazz« eröffnet.

In Fuhlsbüttel erwarteten 7000 Fans die Mannschaft. Auf dem Rollfeld sprintete William »Jimmy« Hartwig dem parkenden Hapag-Lloyd-Jet entgegen. Hermann Rieger übergab dem Daheimgebliebenen den Cup, den dieser nun für eine Woche mit nach Hause nehmen durfte. Nach der Ankunft holte ein Bus das Team ab, um es nach Ochsenzoll zu bringen, wo ein 60-minütiges Trainingsspiel angesetzt war.

Günter Netzer fluchte: »Was soll das denn?« Keinen Ball hatte der Manager bislang bekommen. Im Gegenteil, die Mitspieler vertändelten das Leder eher, als es ihm zuzuspielen. Happel hatte für das Spielchen auf dem Hockeyplatz in Ochsenzoll die Einteilung »A1« gegen »A2« vorgenommen, Stammelf gegen Reserve. Und Netzer hatte sich wegen einiger kränkelnder Profis bereit erklärt, mitzuspielen. Auch, so sagte er, um Wolfgang Rolff zu demonstrieren, dass nicht jeder Mittelfeldregisseur so durchschnittlich war, wie Michel Platini. Was Netzer nicht wusste: Happel hatte das Team so präpariert, dass es den Manager auf keinen Fall anspielen solle. So verlief das Spiel in lockerer Atmosphäre. »Alkohol ausschwitzen«, so Hrubesch, war angesagt. 48 Stunden später wartete beim Heimspiel im Volkspark mit Borussia Dortmund schließlich der nächste Gegner auf die Hamburger. Und den Tabellenführer trennten vom punktgleichen Verfolger Werder Bremen in der Meisterschaft nur vier geschossene Tore.

»Alles kein Problem«, sagt Horst Hrubesch heute. Vor dem Match am Samstag ließ es sich die Truppe noch nicht einmal nehmen, eine Ehrenrunde mit dem Europacup über die Aschenbahn zu machen. Jürgen Groh sagt: »Ich habe gebibbert, dass das gut geht.« Doch der BVB war für das selbstbewusste Team an diesem Tag kein Gegner. Mit 5:0 schickte der HSV Rolf Rüssmann, Manfred Burgmüller & Co. nach Hause. Ein Wehmutstropfen: Hrubesch, der vergeblich auf einen erneuten Zweijahresvertrag gehofft hatte, verließ Hamburg zum Saisonende. Mit einem Blumenstrauß in der Hand, sprach er bei seiner Verabschiedung übers Stadionmikrophon zu den Fans: »Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!«

Auf Schalke machte der HSV eine Woche später die Meisterschaft mit einem 2:1-Sieg perfekt. In Hamburg erwarteten Zehntausende das Team mit einem Autokorso bis zur Moorweide. Coach Happel erlebte die Abschlussfeier privat bei einer Pokerrunde mit Assistent Aleks Ristić. Und während seine Spieler am Rothenbaum feierten, saß der Grantler beim Italiener und bestellte noch eine Flasche Rotwein. Nun konnte auch Felix Magath die Handbremse lösen. Der eigenbrötlerische Mittelfeldmotor fröhnte an diesem Tag einem Brauch, den er sich in seiner aktiven Zeit zur Regel gemacht hatte: nach dem letzten Saisonspiel, am Ende der entbehrungsreichen Zeit also, trank er eine Nacht lang so viel wie möglich. Als die offizielle Party im Amerikahaus allmählich ausklang, brachen die Spieler in ihre Stammkneipen auf: ins »Buttstädt« an der Rothenbaumchaussee. Von dort zog eine Abordnung weiter an den Mittelweg ins »Zwick«, wo Magath in der Ecke am Tresen Platz nahm. »Und wenn der Felix dort erstmal saß, stand er auch lange nicht mehr auf.« Wo genau Magaths Reise durch diese Nacht endete (Hieronymus: »Soviel ich weiß, war er noch lange mit Châteauneuf-du-Pape unterwegs«) wird sein Geheimnis bleiben. Vom »Zwick« zog er mit Freunden irgendwann weiter zu einer Privatparty – und erfüllte so gewissenhaft wie in den Tagen zuvor auf dem Feld nun sein Vorhaben, so viel wie möglich zu trinken. Gegen 9 Uhr morgens schlief er dort ein, wo er sich befand. Als gäbe es kein Morgen ...

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