16.03.2014

Wie der 1. FC Köln sich von seinem Chaosimage befreit

Die neue S-Klasse

Seite 2/3: »Grundschüler in Sachen Fußball«
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Thomas Rabsch

Schumacher und Spinner waren sich einig, dass der Klub schleunigst eine neue sportliche Philosophie benötigte. Beim Bankett mit den FC-Bayern-Verantwortlichen nach dem skandalösen Saisonabschluss 2011/12 ging der Präsident auf Uli Hoeneß zu und sagte: »Ich bin ein Grundschüler in Sachen Fußball. Geben Sie mir einen Rat, wen soll ich als Geschäftsführer Sport einstellen?« Hoeneß antwortete: »Es gibt nur drei oder vier gute Manager. Einer davon heißt Jörg Schmadtke.«

Schmadtke aber stand noch bei Hannover 96 in Lohn und Brot. Martin Kind dachte nicht im Traum daran, den Manager vor 2014 aus dem Vertrag zu lassen. Allerdings befand sich dessen langjähriger Wegbegleiter, Jörg Jakobs, auf dem Absprung. Der promovierte Sportwissenschaftler hatte schon bei Alemannia Aachen mit Schmadtke gearbeitet und als Chefscout in Hannover mit ihm Transfertreffer am Fließband gelandet. Spinner und Schumacher waren also glücklich, zumindest einen Teil des hannoverschen Erfolgsmodells verpflichten zu können. Vor Jakobs lag eine Herkulesaufgabe: Viele FC-Abteilungen werkelten seit Jahren ohne Korrektiv vor sich hin, etliche Positionen bedurften zudem einer Neubesetzung. »Das Wichtigste war, Leute zu finden«, erklärt Jakobs, »die wissen, was zu tun ist, denen man ihre Aufgabe nicht erklären muss.« Besonders strapaziös war die Korrektur der Kaderstruktur, die nun den wirtschaftlichen Möglichkeiten der zweiten Liga angepasst werden musste: Epochale 41 Transferbewegungen vollzog der 1. FC Köln in der Saison 2012/13. Teure Spieler wurden verliehen, verkauft oder über Abfindungen von der Gehaltsliste eliminiert, junge, kostengünstige Spieler sukzessive integriert.

Trainercasting auf die kölsche Art

Die Spielzeit wurde ein atemloses Jahr des Umbruchs, an dessen Ende Coach Holger Stanislawski, aufgerieben von Grabenkämpfen mit der Kölner Presse, dem täglichen Kleinklein auf der Reformbaustelle und enttäuscht vom verpassten Aufstieg, mit den Nerven sichtlich runter um Auflösung seines Vertrages bat. Nur Tage bevor »Stani« seine Entscheidung dem Präsidium mitteilte, hatte Jörg Jakobs für den Fall der Fälle schon eine Shortlist mit Traineralternativen aufgestellt. Ganz oben zwei Namen aus der österreichischen Liga: Roger Schmidt, der Coach von RB Salzburg, und dessen ärgster Widersacher im Rennen um die Meisterschaft, Austria-Trainer Peter Stöger.

Nachdem Schmidt den Kölnern eine Absage erteilt hatte, flogen Schumacher und Jakobs nach Wien. Im Sommer 1992 hatte Stöger als Aktiver ein Angebot von Eintracht Frankfurt ausgeschlagen. Er sollte Andreas Möller im Mittelfeld der »Fußball 2000«-Eintracht beerben. Doch das Angebot der Hessen schien ihm – verglichen mit dem Geld, das sein Kumpel Andreas Herzog in Bremen verdiente – nicht genug. Die deutsche Bundesliga aber blieb sein heimlicher Traum. Der Zeitpunkt der Kölner Anfrage war jedoch alles andere als ideal. Soeben hatte Stöger mit der Austria den großen Rivalen RB Salzburg im Titelrennen düpiert. Obwohl der Limonadenklub einen vereinsinternen Punkterekord einfuhr, gewann Stögers Team aus Namenlosen den Titel. Die Art, wie er Spieler entwickelt und den Kader über die gesamte Spielzeit so eingestellt hatte, dass die Konzentration nie nachließ, imponierte den Kölner Bossen. Das Duo traf in Wien einen Mann, der sich die Chance erarbeitet hatte, Champions League zu spielen, diesen taktischen Verhandlungsvorteil seine Gäste aber nicht mal ansatzweise spüren ließ. Im Gegenteil: Stöger machte deutlich, wie sehr ihm das Angebot schmeichelte. Darüber hinaus präsentierte der Coach nicht – wie sonst in Gesprächen dieser Art üblich – einen Bauplan seiner Trainerphilosophie, sondern zeigte sich offen, was das Spielsystem anbelangt, weil er der Meinung war und ist, dass die Taktik stets von den Spielern abhängt, die ein Trainer zur Verfügung hat. Diese Flexibilität, gepaart mit einem gesunden Understatement, ob er der Aufgabe beim FC mit den traditionell überbordenden Erwartungen überhaupt gewachsen wäre, faszinierte die Kölner Abordnung.

Dank an den Hamburger SV

Stöger schien perfekt in das Profil der neuen Bescheidenheit am Rhein zu passen. Die Austria-Verantwortlichen versuchten ihrem Coach noch ins Gewissen zu reden, am Ende aber zahlte der FC 700.000 Euro Ablöse und bekam den Mann aus Favoriten. Der gibt zu: »In der zweiten deutschen Liga hätte es wohl keinen anderen Klub gegeben, für den ich die Austria aufgegeben hätte.«

Werner Spinner hatte Jörg Jakobs inständig gebeten, zur Saison 2013/14 das Amt des Sportdirektors offiziell zu übernehmen. »Achtzig Prozent dessen, was jetzt für den 1. FC Köln auf dem Platz steht«, so die Überzeugung des Präses, »ist das Werk von ihm.« Doch Jakobs sieht seinen Platz seit jeher eher im Hintergrund. Die besondere Form von Öffentlichkeitsarbeit, die ein Manager in Köln zu leisten hat, widerspricht seiner Jobauffassung. Ende April teilte er dem Vorstand mit, dass er nicht zur Verfügung stehe.

In dieser Situation erwies ein anderer kriselnder Traditionsklub den Geißböcken einen Dienst. Jörg Schmadtke hatte sich beim Hamburger SV als Sportdirektor beworben. Ein Zusammentreffen mit dem vielköpfigen Aufsichtsrat, das wohl eher einem Tribunal als einem lockeren Informationsabgleich ähnelte, ließ in ihm jedoch die Überzeugung reifen, dass längerfristiges Arbeiten an der Elbe für ihn unmöglich sei. Durch Jakobs war er über die Neuausrichtung beim FC auf dem Laufenden. Und der machte jetzt Druck. Für den Kölner Kaderplaner stand völlig außer Frage, dass Schmadtke mit seinem Know-how und seinen Qualitäten als verdrängungsstarker Prellbock für die stetig hyperventilierende Medienlandschaft die perfekte Ergänzung für den neuen Weg des FC sein würde.

 
 
 
 
 
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