Wie der 1. FC Köln sich von seinem Chaosimage befreit

Die neue S-Klasse

Mit Peter Stöger, Jörg Schmadtke, Toni Schumacher und Werner Spinner ist die Zuversicht zum 1. FC Köln zurückgekehrt. Das Quartett an der Spitze hat einen ambitionierten Plan: Nach Jahren des Niedergangs will sich der Klub von seinem Chaosimage befreien.

Thomas Rabsch
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Sehnsuchtsort des deutschen Fußballs, das war einmal. Das Geißbockheim hat Patina angesetzt. In der Gaststube mit dem funktionalen Biermobiliar werkeln die Maurer. Das Tribünendach des Franz-Cremer-Stadions bedecken grüne Ablaufstreifen. Der 1. FC Köln ist eine Baustelle. Doch die Renovierung ist in vollem Gange. Nicht nur in der Kneipe wird umgebaut, auch am Trainingsplatz und in den Büros der Geschäftsstelle hat sich seit zwei Jahren viel verändert.

Ein Protagonist des Umbruchs klopft an die verglaste Tür der Geschäftsstelle: Werner Spinner steht mit einem Handkoffer am Hintereingang. Der Präsident ist spät dran, der Papierkram hat länger gedauert, Spinner hat gerade seinen Porsche verkauft. Die neue Bescheidenheit, die der langjährige Manager der Bayer AG dem Klub verordnet, scheint er sich auch selbst auferlegt zu haben.

»Das ist der Super-GAU«

Als Spinner die Amtsgeschäfte im April 2012 nach der siebenjährigen Regentschaft des glücklosen Wolfgang Overath übernahm, konnte er nicht ahnen, dass der FC vor den schwärzesten Wochen seiner Vereinsgeschichte stand. Im Mai stieg der Klub trotz eines veritablen 35-Millionen-Etats zum fünften Mal in seiner Geschichte ab. Einige Spieler hatten im Laufe der turbulenten Saison – nach dem Rücktritt des Präsidiums, der Demission von Trainer Ståle Solbakken und der Beurlaubung von Sportdirektor Volker Finke – wohl die Orientierung verloren. Die 1:4-Niederlage am letzten Spieltag gegen den FC Bayern wurde begleitet von schweren Fanausschreitungen.

Werner Spinner stand fassungslos auf der Tribüne und hörte die Leute neben ihm sagen: »Das ist der Super-GAU.« Er wusste nur zu gut, dass sie recht hatten. Beim Studium der Bücher hatte er erschrocken festgestellt, dass der FC kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Nur durch eine Anleihe konnte das Präsidium nach Saisonende kurzfristig die Liquidität sichern und auf die Schnelle 12,5 Millionen Euro flüssigmachen. Der Präsident kennt sich aus mit Zahlen, aber er versteht sich auch als Macher. »Ich habe keine Ahnung von Fußball«, gibt er zu, »aber ich habe ein gutes Gespür für die richtige Auswahl von Menschen.« Schon bei seiner Kandidatur war ihm klar, dass er allein einen überemotionalisierten Klub wie den 1. FC Köln, bei dem das Drama ebenso systemimmanent ist wie der latente Größenwahn und die Affenliebe seiner Fans und Mitglieder, nicht allein auf seine Seite ziehen kann. Spinners Anruf bei Toni Schumacher war so gesehen der Beginn eines Boy-Group-Castings der etwas anderen Art. Er plante nicht weniger als den FC der Zukunft – und dafür brauchte er Gesichter, die das Projekt repräsentieren.

Einen Nestbeschmutzer duldete der Klüngel nicht

Schumacher war 1987 nach Veröffentlichung seines Buches »Anpfiff« gekündigt worden. Dabei schrieb er nicht nur von Doping und Saufexzessen im Lager der Nationalelf, sondern auch über seine innige Liebe zum 1. FC Köln. Seine Mutter hatte, als er noch daheim in Düren lebte, immer gesagt: »Harald, geh zum FC, das ist ein feiner Verein.« Sein größter Traum sei es, so formulierte das Torwartdenkmal schon 1987, einst FC-Präsident zu werden.

Als Schumacher nach der damaligen Entlassung mit dem ausgefüllten Mitgliedsantrag in die Geschäftsstelle kam, um zumindest auf dem Papier dem Verein nahe zu bleiben, wies man ihn brüsk ab. Einen Nestbeschmutzer duldete der Klüngel nicht. Und so blieb er ein Vierteljahrhundert lang ein Satellit im FC-Kosmos. Für die Öffentlichkeit das Monument »Tünn«, intern aber ein Gebrandmarkter, ein machtloses Faktotum, das als Zaungast miterleben musste, wie seine einstigen Teamkollegen Overath und Jürgen Glowacz die Geschicke des Klubs lenkten.

»Der Werner ist ein Menschenfänger«

Ausgerechnet an ihn, den Querulanten, erinnerte sich Werner Spinner im Frühjahr 2012. Als der Geschäftsmann anrief und um ein Gespräch bat, fragte der Ex-Keeper nur: »Wann?« Spinner antwortete: »Jetzt?!« – und saß eine halbe Stunde später beim Rotwein auf der Couch des zweimaligen Vizeweltmeisters. »Der Werner«, so Toni Schumacher heute, »ist im positiven Sinne ein Menschenfänger.«

Als Schumacher an der Seite von Spinner kurz darauf zum Vizepräsident gewählt wurde, schloss sich der Kreis. Als er bei der Hauptversammlung auf der Bühne stand, um ihn herum der tosende Applaus der FC-Mitglieder, war dies für ihn ein Augenblick tiefempfundenen Glücks. Wer den 59-jährigen Veteran in seinem Klubanzug mit dem glänzenden Geißbockemblem heute auf dem Vereinsgelände erlebt, spürt den Stolz, mit dem er sein Ehrenamt ausübt. Auch wenn er weiß, dass von dem edlen Sportverein, zu dem ihn seine Mutter schickte, diesem »Real Madrid des Westens«, nicht mehr viel übrig ist.

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