07.03.2014

Wie Crystal Palace um 120 Millionen spielte

Das andere Finale

Seite 2/3: 50 Jahre Fan von Crystal Palace
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Oben in Block 548 ist die Angst ein 58 Jahre alter Buchhalter mit grauer Bundfaltenhose und schwarzem Pulli. Steve Fryer, ein schmächtiger Mann mit hängenden Schultern, kauert auf seinem Plastiksitz, verfolgt die ersten tastenden Angriffe seines Teams, der Blick fällt starr durch Brillengläser, die Hände quetschen die Knie. »Normalerweise träume ich nicht vor Spielen «, presst er bei einem Einwurf schnell heraus, ohne den Blick abzuwenden, »aber heute habe ich geträumt, dass wir 2:0 gewinnen. Beim ersten Tor saß ich hier oben, beim zweiten war ich unten auf dem Rasen. Ist das nicht seltsam?« Fryer geht in sein 50. Jahr als Supporter von Crystal Palace, Dauerkarte Arthur Wait Stand. Fryer war 1979 dabei, beim ersten Aufstieg in die höchste Liga, und auch bei allen folgenden.

Crystal Palace: ein Tritt in den Bauch

1991, als der Klub seinen einzigen Titel gewann, den Zenith Data Systems Cup, einen lächerlichen Ersatzpokal, den es nur sieben Jahre lang gab. Er hat die insgesamt vier Jahre in der Premier League erlebt, oder besser: mitgemacht, und die vier Abstiege jeweils gleich nach dem ersten Jahr. Und den Sommer 2010, als der Klub fast tot war, beinahe pleite, die Fans lärmten vor der Lloyds Bank, bis vier besonders Wohlhabende unter ihnen schließlich Stadion und Verein kauften. Immerhin besser als Rapper P. Diddy oder Diktator Muammar Al-Gaddafi, auch die waren mal interessiert. Nur ein paar Reihen entfernt schließlich saß Steve Fryer, als der wutschnaubende Franzose Cantona einst mit dem Bein voraus über die Werbebande sprang.

Solcherart ist das Leben, wenn du Crystal Palace liebst: ein Tritt in den Bauch. »Du solltest dich besser ans Verlieren gewöhnen, denn das können wir wirklich gut.« Der Vorabend des Endspiels, Robert Sutherland sitzt im »Spread Eagle«, einem Pub in Croydon, der Heimat des Vereins. Sutherland schreibt für das Fanzine »Five Year Plan«, aber allzu weit voraus schauen will er dann doch nicht. »Wir sind in Wembley, das alleine ist schon was, oder?«

Er merkt, dass das nicht so recht überzeugt, also schiebt er nach: »In den letzten 20 Jahren haben wir nicht allzu viel gerissen.« Das wiederum hat der Klub mit seinem Stadtteil gemein, wie auch Sutherland leichthin zugibt. Die Straßen in Croydon, 20 Minuten südlich der City, sind an einem Sonntagabend gespenstisch leer, alles erinnert an das Set eines Remakes von »Vanilla Sky«, bis dann doch zwei Menschen um die Ecke biegen, ein Mann in Camouflage- Hose, der neben einem Rollstuhlfahrer herläuft und laut auf ihn einblökt. Die Mittelklasse zieht noch weiter raus, wenn sie kann. Während der »London Riots« im August 2011 brannte auch Croydon.

Klingt das nicht schon mächtig nach Beschiss?

Und Palace, der »Stolz von Südlondon«, wurde letztes Jahr 17. der Championship, ein richtig mieser Zweitligaklub. »Sie haben so schlecht gespielt, dass sie mich aus England vertrieben haben«, sagt Sutherland, der drei Jahre in Amerika gelebt hat. »Als ich wiederkam, im November, waren sie Erster.« Und nun: Wembley. Es ist ein weiter, beschwerlicher Weg aus dem schmuddeligen Süden bis hier herauf unter den großen, weißen Bogen. Der FC Watford, Ex- Klub von Glitzerstar Elton John (auch er hockt im Stadion), musste nur ein paar Stationen mit der Overground fahren.

Es ist ein aus dem Ausland gepampertes Team, so sehen sie das bei Palace, gespickt mit Leihspielern von Udinese und dem FC Granada, den beiden anderen Klubs des italienischen Besitzers Giampaolo Pozzo. Sechs seiner Wanderarbeiter stehen heute in der Startelf. Ein Schlupfloch im System, aber überhaupt, Pozzo, Ponzi, klingt das nicht, bitte schön, schon mächtig nach Beschiss?

Eine Kurve singt an gegen die Angst

Knallgelb und ruhig sitzen die Watford- Fans in der Nachmittagssonne und schauen sich das Gekicke erst mal an. Vielleicht ist es die lähmende Furcht vor dem Scheitern, vielleicht die Gelassenheit des Favoriten?

Derweil sind die Schmuddelkinder aus dem Süden ziemlich laut - wo sie schon mal hier sind. »Red 'n' Blue Army! Red 'n' Blue Army!«, krakeelen sie, aber es gibt nur drei Silben, die verschwimmen zu: »Redblarmy! Redblarmy!« Eine Kurve singt an gegen die Angst. »Wir sind normal 15 000 Zuschauer, wo kommen die alle her?«, fragt Steve Fryer, ein bisschen abschätzig, aber natürlich auch begeistert. Der Außenseiter macht das Spiel, und doch setzt es auch heute schnell den ersten, den obligatorischen Tiefschlag.

Frühe Verletzung, Holloway wechselt schon nach 17 Minuten. Die Fans raunen. »Das ist nicht gut«, sagt Steve Fryer, »ganz und gar nicht gut.« Es kann ein langer Nachmittag werden. Ein zähes Spiel ist das, ein echtes Finale. »Erwartungen?«, hat der Fanzine-Schreiber Rob Sutherland noch als Letztes am Bahnhof East Croydon, Platform 2 gefragt und dann verkündet: »Ich erwarte eigentlich gar nichts.« Fatalismus, die letzte Waffe der Gebeutelten.

Doch kein Mensch denkt jetzt mehr an das »Que sera«, das sie vorhin vor dem »Green Man«-Pub geschmettert haben, gegenüber auf dem Hügel, wo es Zuversicht in Plastikbechern zu kaufen gab, vier Pfund das Pint. Whatever will be, will be? Fuck that. »Uuuuuff«, macht Steve Fryer. Endlich mal eine gute Chance, der junge Wilfried Zaha ist rechts durchgekommen, der Schuss aber findet nicht den Weg durch die Abwehrbeine.

Wie gewinnt man ein Finale ohne Stürmer?

Zaha, das ist Croydons Hoffnung. Auch er ein Leihspieler, aber das ist was anderes, oder? Im Winter hat Manchester United den 20-jährigen Jungnationalspieler gekauft, für 15 Millionen Pfund, und ihn, den Palace ausgebildet hat, für ein halbes Jahr an seinen Stammverein zurückgeliehen, ein letztes halbes Jahr. Großartig, was dieser dünne Junge mit dem Ball anstellt, er scheint den zweiten Trick vor dem ersten zu machen, so schnell geht das. Die Verteidiger sind chronisch überfordert. Sein Bruder Herve ist derweil das beste Beispiel, was aus einem jungen Mann in Croydon werden kann, wenn er nicht gerade ein begabter Dribbler ist. Herves Gangsterkarriere verläuft ähnlich eindrucksvoll wie Wilfrieds Fußballerlaufbahn.

Vorläufiger Höhepunkt: eine einjährige Bewährungsstrafe wegen versuchter schwerer Körperverletzung. »Excellent, Wilfried«, lobt nun Steve Fryer auf der Tribüne. Zaha soll, muss es heute richten, aber er ist kein Stürmer. Der heißt Glenn Murray und sitzt in Anzug und Schlips auf der Tribüne, 30 Tore, Kreuzbandriss im Halbfinale, neben ihm lehnen seine Krücken.

Wie gewinnt man ein Finale ohne Stürmer? Die Antwort, das wird Minute für Minute klarer: Es geht nicht.

 
 
 
 
 
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