07.03.2014

Wie Crystal Palace um 120 Millionen spielte

Das andere Finale

Das lukrativste Spiel Europas: Crystal Palace gegen FC Watford, in Wembley, nur zwei Tage nach dem Champions-League-Finale 2013 zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. 120 Millionen Pfund für den Sieger. Nichts für den Verlierer. Eine Reportage aus Wembley.

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imago

»The size of the prize«, sagt Ian Holloway und schüttelt sachte den haarlosen Kopf, »schaut euch nur an, was auf dem Spiel steht.« Weiterreden muss er nicht, alle haben die Zahl seit Tagen im Kopf: 120 Millionen. Eine monströse Zahl ist das, die in Britischen Pfund, der härtesten Währung der Welt, an den Gewinner dieses einen Spiels überwiesen wird.

Wembley an einem lauwarmen Tag Ende Mai. Glänzend ist die große Arena und voller Menschen.

Mehr als 82 000 Zuschauer sind gekommen, stolz tragen sie ihre Farben, knallgelb leuchtet die Kurve im Osten, tiefrot die im Westen. Win or lose, das sind die Optionen heute, nichts sonst. Es ist also alles genau so wie zwei Tage vorher, als der FC Bayern hier gegen Dortmund angetreten ist. Nur dass es diesmal, bei Watford gegen Crystal Palace, dem Team von Trainer Holloway, um wirklich viel Geld geht.

Es geht: um den verbliebenen dritten Aufstiegsplatz in die Premier League. Und um 120 Millionen Pfund, die er mindestens mit sich bringt.
Vor allem Fernsehgeld, denn die reichste Liga der Welt hat vor kurzem den größten Übertragungsdeal der Geschichte abgeschlossen, selbst das schlechteste Team wird im nächsten Jahr gut 60 Millionen aus dem TV-Pool erhalten, hinzu kommen noch einmal knapp 60 Millionen an sogenannten Fallschirm-Zahlungen, die Absteiger automatisch erhalten. Das schönste Worst-Case-Szenario der Welt.

Ach ja, um das noch zu erwähnen: der Verlierer dieses Spiels, der kriegt gar nichts - oder um in heimischer Währung zu zahlen: fuck all. Und doch lächelt Holloway, da unten auf dem Rasen, sie spielen »God save the Queen«, die Glatze des Trainers glänzt in der Sonne, 80 000 singen beseelt, es ist dies ein sehr englischer Moment, ein großer Moment vor einem großen Spiel, und deshalb lächelt auch der Italiener Gianfranco Zola, der Coach des FC Watford. Beide wissen: Solche Tage sind ziemlich selten im Leben eines Trainers, egal ob er nun Zola, Holloway oder Ferguson heißt.

Wembley reloaded. Nicht mal 48 Stunden nach dem Erfolg der Bayern gegen die Westfalen, an einem strahlenden Montagnachmittag um 15 Uhr, die Deutschen sind weg, die Parks der Hauptstadt voller Menschen und das mächtige Stadion auch, ein Feiertag nicht nur für Londons Bankangestellte.

Ein wunderschöner, nobler Termin, das wichtigste Spiel um den dritten Platz, das es gibt, aber auch für alle Akteure, Fans wie Spieler wie Funktionäre, absolut brutal. 120 Millionen!

Montag totale Freude, Dienstag totale Panik

Ihre Play-off-Halbfinals haben die Teams schon überstanden, gegen die Konkurrenz der Plätze drei bis sechs, Watford schaffte es in letzter Minute gegen Leicester City, nervenzerfetzender Lauf der Dinge, Elfmeter gehalten, schneller Konter, Tor, die Videos vom übers ganze Feld flitzenden Zola gingen um die Welt. Und Crystal Palace gewann auswärts beim Erzrivalen Brighton, danach tanzte Holloway in der Kabine im Ausgehanzug einen wilden Dubstep, auch das ist per wackligem Video dokumentiert.

Doch jetzt, da unten auf dem heiligen Rasen, haben beide ein Problem. Was, wenn es schiefgeht? Und, schlimmer noch: Was, wenn es klappt? Holloway, eigentlich nie um eine Antwort verlegen, hat das mögliche Siegesszenario schon vorab pointiert beschrieben: »Montag: totale Freude. Dienstag: totale Panik.« 120 Millionen verändern alles, neue Spieler müssen her, das Stadion muss modernisiert, bessere Kabel verlegt werden, selbst das Spielfeld muss größer werden. Oder auch nicht. »Es ist wie im Casino«, so sagt es Steve Parish, einer der Besitzer von Crystal Palace, »du setzt die Zukunft des Klubs auf Rot oder Schwarz. Eine 50:50-Wette, mit der du deinen Fußballverein verändern kannst. Vielleicht. « Es ist ein guter Tag für ein Glücksspiel, mit viel Sonne und einem kühlenden Wind, der gut tut, weil er den Schweiß trocknet, ein bisschen jedenfalls.

Denn die Angst hat alle Formen angenommen. Sie ist: ein nägelkauender Teenager in der Bakerloo Line, der viel zu früh aufspringt und aufgeregt vor dem Ausgang hin und her tippelt, next stop: Baker Street. Sie ist: die nervöse Unterhaltung zwischen einem alten Mann und seiner Tochter in der Bahn kurz vor Wembley Park. »Wie lange noch?« - »Vier Stunden, Dad.« - »Vier Stunden?!« - »Dad, hör auf zu singen, bitte.« Die Angst, sie ist schließlich auch eine Pfütze Erbrochenes vor dem Stadion, am wuchtigen Betonpfeiler vor Eingang K.

 
 
 
 
 
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