Wie Bursaspor die türkische Meisterschaft gewann

Das grüne Wunder

Die Champions-League-Premiere ging daneben: 0:4 verlor Bursaspor gegen Valencia. Heute soll in Glasgow alles besser werden. Doch was steckt eigentlich hinter dem Klub? Kapitän Ömer Erdogan blickt zurück auf die Saison seines Lebens. Wie Bursaspor die türkische Meisterschaft gewannImago
Heft#104 07/2010
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Als ich ein Kind war, machte ich mit meinen Eltern oft Urlaub in der Türkei. Meistens fuhren wir zu Verwandten oder wir lagen am Strand vom Schwarzen Meer und ließen die Sonne auf unseren Bauch scheinen. Alles war anders als in meiner Heimatstadt Kassel, dort, wo ich aufgewachsen bin – nicht nur die Temperaturen.

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Es ging in Anatolien trotz des Lärms auf den Straßen langsam zu, die Ortschaften und Städte waren der Gegenentwurf zur Hektik, zum Fortschritt und zur Anonymität der westlichen Metropolen. Die Leute dort waren herzlich, gutmütig und gastfreundlich. Und doch blieben wir uns in jenen Jahren irgendwie fremd. »Magst du Fußball?«, fragten mich die alten weisen Männer, wenn ich an den Cafés vorbeiging und sie die Würfel auf das Tavla-Brett fallen ließen. »Natürlich«, sagte ich, »ich liebe Fußball.« Und dann wollten sie wissen, ob ich Fan von Galatasaray, Fenerbahce oder Besiktas sei. Ich antwortete auf türkisch: »Mein Lieblingsverein ist Bayern München.« Und sie schauten mich mit großen Augen an. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache.

Heute bin ich 33 Jahre alt und spiele seit zwölf Jahren in der Türkei. Ich habe mich daran gewöhnt, für einige immer noch »der Deutsche« zu sein. Es schmeichelt mir sogar, denn in diesem Attribut schwingt viel Lob mit. Viele Türken glauben an die alten Klischees, daran, dass der Deutsche immer pünktlich ist, Disziplin hat und hart für den Erfolg kämpft. Eigenschaften, die sie bei mir in Erzurum, Diyarbakir, bei Malatya, in Istanbul fanden und weswegen sie mich nach der Saison täglich aus Bursa angerufen haben, um sich zu vergewissern, ob ich meinen auslaufenden Vertrag wirklich verlängere. In all diesen Jahren habe ich so viel erlebt, Spielabbrüche, fanatische Fans, die uns an die Kehle wollten, Anhänger, die den Platz stürmten, oder die sensationsgierige Presse, die mir noch während des Beitrags das Wort im Mund umdrehte. Doch ein Saisonfinale wie das letzte, habe ich noch nie erlebt. Und davon will ich hier erzählen.

Seit 1981 nur drei verschiedene Meister

»Agabey – Bruder, alles Gute, sagt mein Nebenmann und schaut dann zu Trainer Ertugrul Saglam. Nun spricht niemand mehr. Es ist der 16. Mai 2010 und heute findet das letzte Süper-Lig-Spiel der Saison statt. Wir spielen zuhause gegen Besiktas Istanbul. Wir stehen auf dem zweiten Tabellenplatz, lange Zeit waren wir Erster, doch auf der Zielgeraden hat uns Fenerbahce eingeholt. Nun liegen sie einen Punkt vor uns und treffen zuhause auf Trabzon, für die es um nichts mehr als einen versöhnlichen Saisonabschluss geht. Das ist die Ausgangslage. Wir haben keine Chance.

Oft hört man Leute sagen, dass am Ende der Saison doch immer eine Mannschaft aus Istanbul Meister wird. Und für den Fall, dass sich ein anderer Klub anschickt, den Titel zu erringen, würden mächtige Strippenzieher im Hintergrund und Schiedsrichter im Vordergrund die Tabelle schon gerade rücken. Moderne Mythen! Allerdings ist es tatsächlich so, dass es seit 1981 nur drei Mannschaften gegeben hat, die Meister wurden: Galatasaray, Besiktas und Fenerbahce. Davor gelang es nur Trabzonspor, diese Hegemonie zu durchbrechen. Seit 1956 geht das so. Sie finden, das klingt langweilig? Nun, es klingt nicht nur so.

»Geht raus und seht: Es ist alles vorbereitet.«

Unser Trainer spricht ruhig, bedächtig, fast weise. Das mag ich an ihm. Er ist noch nicht lange im Trainergeschäft, doch er nimmt schon jetzt durch seine bloße Anwesenheit einen Raum für sich ein. Wir hängen an seinen Lippen. »Ich bin stolz auch euch«, sagt er, »ihr habt Vereinsgeschichte geschrieben. Ich beglückwünsche euch jetzt – und ich werde euch nach dem Spiel beglückwünschen. Geht raus und seht: Es ist alles vorbereitet.«
Als wir den Rasen des Bursa-Atatürk-Stadions betreten, bleibt mir die Spucke weg. Das Stadion ist geschmückt, riesige Banner hängen von den Dächern auf die Ränge hinab, Ballons an den Streben, das ganze Stadion grün-weiß. Wir umarmen uns, formen einen Kreis, alle sind da, die Ersatzspieler, Co-Trainer, Masseure, Busfahrer. Wir sind eine große Familie. Saglam nimmt mich, seinen Kapitän, zur Seite: »Ich habe den Leuten gesagt, sie sollen das Stadion schmücken, als wären wir Meister geworden. Nicht weil wir es werden, sondern weil ihr es verdient habt. Ihr sollt euch fühlen wie Meister. Ich danke dir!«

Eigentlich glaube ich in diesem Moment keine Sekunde daran, dass Fenerbahce gegen Trabzonspor Punkte lässt. Das Sükrü-Saracoglu-Stadion in Istanbul ist seit Wochen ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt werden Karten für 3000 Euro gehandelt. Und der Verein hat bereits einen Festsaal angemietet.

Kampfszenen in Diyarbakir

Mir schießen immer wieder Szenen aus der Saison durch den Kopf. Das phänomenale 6:0 zu Hause gegen Istanbul Büyüksehir Belediyespor und das Rückspiel, bei dem uns 30 000 Fans aus Bursa begleiteten und gerade mal 1000 BB-Anhänger im Istanbuler Olympiastadion waren. Wir verloren 1:2. Warum nur? Die Punkte fehlen uns jetzt. Oder dieses Auswärtsspiel bei Galatasaray, bei dem ich kurz vor Schluss die Abseitsfalle umlief und plötzlich ohne Gegenspieler vor Torwart Aykut Ercetin einköpfen konnte. Und was machte dieser Teufelskerl Ercetin? Er riss die Arme in Handballmanier hoch und parierte. Es blieb beim 0:0. Danach wühlte ich mich eine Woche durch die Nächte, immer wieder suchte ich mir im Traum eine andere Ecke aus.

Dann diese schrecklichen Bilder aus dem großteils von Kurden bevölkerten Diyarbakir. Im Hinspiel war es zu Auseinandersetzungen zwischen den Fans gekommen, und die Presse in Diyarbakir heizte vor dem Rückspiel die Stimmung richtig an. Unsere Anhänger, so viel schien klar, waren die Bösen. Und als der Verband Stadionverbote für alle Bursaspor-Fans verhängte, konzentrierte sich der Hass auf uns Spieler. Ich hatte Angst wie nie zuvor. Jedes Mal, wenn wir in die Nähe der Ränge kamen, hagelten Feuerzeuge oder Münzen, sogar kleine Steine auf uns nieder, während unter den Dächern Knallkörper explodierten. In der 16. Minute bekamen wir eine Ecke zugesprochen, die Polizisten standen mit Schutzschildern um unsere Spieler herum wie römische Soldaten in der Schildkrötenformation. Sie konnten nicht verhindern, dass der Linienrichter im Gesicht getroffen wurde. Eine Minute später brach der Schiedsrichter die Partie ab. Schlimme Szenen. Auch wenn wir durch den Sieg, der uns vom Verband zugesprochen wurde, erstmals Tabellenführer waren, verdrängte ich dieses Spiel ganz schnell – ich wollte eigentlich nie mehr dran denken.


Was mir in diesen Sekunden vor dem Spiel gegen Besiktas Mut macht, sind die Erinnerungen an das Rückspiel bei Fenerbahce. Wir standen vor der Begegnung auf dem dritten Tabellenplatz und wussten, dass wir durch eine Niederlage den Anschluss an die Spitzengruppe verlieren würden. Wir waren also hochmotiviert – doch ehe wir uns versahen, stand es schon 0:2. Zu allem Überfluss verletzte ich mich bei einem Kopfballduell an der Schläfe, das Blut tropfte auf mein Trikot. Ich wurde sofort von unserem Mannschaftsarzt getackert. Immerhin machten wir in der ersten Hälfte noch das 1:2. Auf einmal spürte ich wieder einen Schmerz am Kopf, dieses Mal strömte ein roter Wasserfall über meine rechte Wange. Ich dachte nur: Verdammt, die Wunde ist aufgeplatzt. Doch als ich draußen war, erklärte mir unser Arzt, dass ich eine neue Wunde direkt auf der Kopfmitte hätte. Später sah ich im Fernsehen, dass mich mein Gegenspieler im Zweikampf mit seinen Stollen auf dem Kopf getroffen hatte. Ich bekam einen weiteren Verband, ich sah aus wie ein Turban tragender Sultan im Kampf um Leben und Tod.

Doch mein Durchhalten zahlte sich aus, in der 85. Minute machte Ozan Ipek mit einem indirekten Freistoß im Strafraum das 2:2. Und dann ging alles so rasend schnell: Unser Keeper faustete einen Ball aus dem Strafraum, über Köpfe im Mittelfeld sprang dieser auf den schnellen Volkan Sen, der die Linie entlang flitzte wie Speedy Gonzales. Keine Ahnung, wo der die Kraft hernahm, er hängte sie jedenfalls alle ab. Der kurze Blick, der flache Pass und in der Mitte schob wieder Ozan Ipek ein. 3:2! Bei Fener, in der gelben Hölle! Ich legte mich auf den Rasen und spürte, wie mein Kopf pochte.

Auf Bursa liegt die Hoffnung eines ganzen Landes

Zuvor hatte ich keinerlei Schmerzen verspürt, ich schüttete einfach zu viel Adrenalin aus. Doch nun hatte ich das Gefühl, mein Schädel würde im nächsten Moment explodieren. Ich bekam Schmerzmittel, Eis. Als ich am nächsten Tag die Zeitungen aufschlug, grinste ich. Überall hatten sie Fotos von meinem blutdurchtränkten Turban abgebildet. Drunter schrieben sie: »So sehen Meister aus.« Die Türken lieben solche Geschichten, und deshalb druckten einige Verrückte Plakate von den Fotos und hängten sie im Zentrum von Bursa aus.

In diesen Tagen veränderte sich vieles. Ich kannte die gierige Presse ja schon aus meiner Zeit bei Galatasaray, wo ich ein Jahr gespielt habe. An einem Tag warst du dort der König der Türkei, am nächsten der Idiot, den sie am liebsten aus der Stadt jagen würden. Dabei ist es oft ganz egal, wie du spielst, es kommt nur auf die Zahlen an, auf Ergebnisse und Tabellenplätze. Mitunter stehen bei Trainingseinheiten der Klubs mehr als 5000 Leute am Zaun, dazu 30 bis 40 Fernsehteams. Zu uns verirrten sich in den letzten Spielzeiten, als wir Dreizehnter und Sechster wurden, ein oder zwei lokale Sender und 20 bis 30 Zuschauer. Vor vier Jahren spielten wir ja noch in der zweiten Liga, da konnte man die Gäste an einer Hand abzählen. Nun aber hing mein Gesicht in der Stadt überall, die Fans der anatolischen Vereine wünschten uns Glück, täglich trudelten Faxe und Emails aus den verlassensten Ortschaften oder von anderen Vereinen ein. Nach dem Triumph bei Fenerbahce war es, als läge die Hoffnung eines ganzen Landes auf uns.

»Dann gerät ihr Motor ins Stocken«

Das ist also richtig heftiger Druck, dachte ich damals. Und natürlich versuchten die Istanbuler Klubs das auszunutzen. Der Brasilianer Alex, Kapitän von Fenerbahce, fand Gefallen an einer abgehangenen Autobahnmetapher. Er sagte stets: »Die Bursaspor-Elf sieht uns doch schon im Rückspiegel näherkommen, wir werden schneller, schneller, und dann gerät ihr Motor ins Stocken.« Wir reagierten nie auf solche Sticheleien. Ein Verdienst unseres Trainers und der älteren Spieler. Anders als vielleicht in Deutschland, hat das Wort der Älteren in der Türkei ein unsagbar großes Gewicht. Die Jüngeren nennen den Älteren nicht beim Namen, sie nennen ihn abi oder agabey, das heißt Bruder. Und der Trainer ist hoca, der Lehrer, der Mentor. Einige sagen vielleicht, dass eine solche Hierarchie nicht gut sei. Ich glaube, sie war der Schüssel für unseren Erfolg, dafür, dass wir am Boden blieben.


16. Mai 2010, 19.23 Uhr. Der letzte Spieltag läuft seit 23 Minuten. Plötzlich explodiert das Stadion. Wir ahnen, dass Trabzon ein Tor gemacht hat – es läuft traumhaft, denn mit dem nächsten Angriff gehen wir selbst mit 1:0 in Führung, und kurz vor der Halbzeit fällt das 2:0 durch ein Eigentor von Besiktas’ Ibrahim Toraman. In der Kabine sind wir außer uns vor Freude. »Komm runter, komm runter«, sage ich mir. Und die Ernüchterung folgt: Fener hatte bereits früh das 1:0 markiert, der Jubel auf den Tribünen galt Trabzons Ausgleichstor. Fener wird sicher noch ein Tor machen, denke ich.

Irgendwann, so um die 70. Minute herum, wird es ruhiger im Stadion. Plötzlich ist es so still wie bei einem Amateurspiel, man kann vereinzelt Rufe hören. Gespenstisch. Verdammt, Fener hat das 2:1 gemacht, schießt es mir durch den Kopf. Noch zehn Minuten, denk an was anderes, konzentriere dich auf dieses Spiel, Ömer! Ich blicke fragend meinen Trainer an, doch er schaut weg. Keine Ansage zum Ergebnis in Istanbul, das war vor dem Spiel seine Anordnung. Der Ball rollt ins Seitenaus, ich schaue auf die Tribüne und sehe die Menschen gebannt an Radiogeräten lauschen. Unser Spiel ist Nebensache. Noch mal ein Blick, ein kleiner Junge sieht mich, winkt und hebt die Zeigefinger seiner rechten und linken Hand. Zwischen Fenerbahce und Trabzonspor steht es immer noch 1:1. Mein ganzer Körper vibriert. Noch drei Minuten, da macht Ugur Incemann den Anschlusstreffer. Ruhig bleiben, Jungs!

Fener verwaltet das Unentschieden – Bursa ist Meister


Der Pfiff halt durchs Stadion. Unser Spiel ist ein paar Minuten vor der Partie in Istanbul beendet. Was dort in jenen Minuten passiert, erfahre ich erst später. Als unser Spiel abgepfiffen wird, verkündet der Stadionsprecher im Istanbuler Sükrü-Saracoglu-Stadion das vermeintliche Endergebnis aus Bursa: 2:2. Warum, weiß ich bis heute nicht. Bei diesem Spielstand wäre also Fenerbahce Meister. Die Fener-Fans drehen durch und die Elf verwaltet die letzten Minuten ihr Unentschieden. Der Ball wird mitunter aus der gegnerischen Hälfte zum eigenen Torwart gepasst.

Bei uns im Stadion blocken wir die Journalisten ab. Wir stehen im Mittelkreis ohne Radio, nur unser Präsident Ibrahim Yazici hat eine Telefonverbindung nach Istanbul. Dann reißt er die Arme hoch. Dann Jubel. Dann Chaos. In Bursa drängen die Menschen auf die Straßen, im Stadion stürmen sie den Rasen. Ich erklimme die Tribüne, suche meine Frau und meinen vierjährigen Sohn, der dort im grün-weißen Trikot sitzt und der wie jedes Spiel darauf wartet, dass ich ihn abhole und mit vor die Kurve nehme. Dieses Mal ist aber kein Durchkommen, überall Menschen, frenetisch feiernde Fans, mittendrin Reporter, die versuchen, Wortfetzen als Exklusivinterviews zu verkaufen. Ich bringe meinen Sohn und meine Frau in Sicherheit. Dann flüchte ich in die Kabine und schließe die Tür.

Brennende Sitzplätze, tobende Fans


Zur gleichen Zeit in Istanbul, im Stadion: Auch hier rennen die Menschen aufs Spielfeld, die Spieler geben Interviews im Glauben, Meister zu sein. Sie lächeln. Der Bosporus lächelt wie jedes Jahr. Und dann der Schock: Der Stadionsprecher hat das falsche Ergebnis durchgesagt. Es vergehen nur wenige Minuten, schon brennen die Sitzplätze. Die Feuerwehr rückt an. Ein Stadion in rasender Wut. Tobende Fans, enttäuschte Menschen, denen ihr Präsident vor der Saison mit heiligem Ernst versprochen hatte »Wir werden nun dreimal in Folge Meister«, und der nun – so war es jedenfalls in der Presse zu lesen – seinen Stadionsprecher verprügelt.

Ich sitze immer noch in der Kabine und habe Angst. Angst davor, dass alles ein Missverständnis war, dass Fener in der Nachspielzeit ein Tor gemacht hat, das die Kommentatoren unterschlugen. Dann kommen meine Mitspieler. Schließlich mein Trainer. Er sagt: »Ich bin stolz auf euch!«

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Ömer Erdogan, 33, spielte lange Zeit für den FSC Lohfelden,
1997 wechselte der gebürtige Kasselaner zum FC St. Pauli. Seit 1998
bestritt Erdogan über 350 Pflichtspiele für Erzurumspor, Galatasaray, Malatyaspor, Diyarbakirspor und Bursaspor.

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