Wie Blatter und Havelange die FIFA reich machten

Die feinen Herren

Die Fußball-WM ist das globale Sportereignis schlechthin – 
und hoch profitabel für die FIFA. Dazu gemacht wurde das Turnier von zwei Funktionären, denen kein Skandal etwas anhaben konnte: Joao Havelange und Sepp Blatter. Wie Blatter und Havelange die FIFA reich machtenImago
Heft#103 06/2010
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Hat er Konsequenzen jemals härter erfahren müssen als in diesem Augenblick? Natürlich, er hatte alles getan, um sich zu entlasten. Doch dieses Mal ließen die Verantwortlichen nicht Gnade vor Recht ergehen. Joseph Blatter, wohnhaft am Zürichsee und im Wallis, von Beruf hauptamtlicher Präsident des Weltverbandes FIFA und im Lande bestens vernetzt, wurde verurteilt. Für ein waghalsiges Überholmanöver mit folgender Frontalkollision nahm ihm die Walliser Dienststelle für Straßenverkehr und Schifffahrt für einen Monat den Führerschein ab, Blatters getunter Mercedes war mit seinen 525 PS einfach zu schnell gewesen.

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Es war eine Premiere. Denn zuvor hatte es stets so gewirkt, als schütze ein Bad im Drachenblut den großen FIFA-Vorsitzenden vor behördlicher Verfolgung. Der Schweizer ist die schillerndste Figur der an eigentümlichen Charakteren nicht eben armen internationalen Sportpolitik. Es kommt nicht oft vor, dass der eigene Verband gegen seinen Vorsitzenden den Antrag auf Strafverfolgung stellt. Und es kommt noch seltener vor, dass einer solche Manöver unbeschadet übersteht. Doch dazu später mehr.

Zwölf Jahre steht er mittlerweile an der Spitze des Weltverbandes, als dessen Präsident Sepp Blatter, der sich im Zuge seines Aufstiegs Joseph S. zu nennen begann, über ein einzigartiges Gut gebietet: den Weltfußball. Das Monopol beschert dem Dachverband jährlich Einnahmen in Milliardenhöhe und im Rekordjahr 2006 einen Gewinn von 249 Millionen US-Dollar. Unterschwellig versteht sich die FIFA als Konzern, obwohl der Verband laut schweizerischen Rechts als eine steuerfreie gemeinnützige Organisation nicht einmal einen Überschuss erwirtschaften dürfte.

Eine solche Firma weckt Begehrlichkeiten, und wer Bewerbern mit der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft winken kann, der geht auch bei Staatschefs ein und aus. Die Reisetätigkeit Blatters übertrifft die der meisten Außenminister, dem Globetrotter scheint die Betriebsamkeit zu gefallen. Wenn er nicht First Class fliegt, mietet er nicht selten gleich einen Jet, um sich standesgemäß zu bewegen. Eitelkeit ist zwar eine Schwäche, justitiabel ist sie jedoch nicht. Und so kam das Magazin der »Neuen Zürcher Zeitung« kaum mit dem Zählen nach: »In der Blatter-Geburtstagsnummer des hauseigenen FIFA-Magazins erreicht der Personenkult um den Geehrten mit 33 Abbildungen geradezu stalinistisches Niveau.«

Blatter steht für einen endgültigen Wandel der FIFA. »Früher«, sagte einmal ein Mann aus dem inneren Zirkel des Weltverbandes, »hatten die Präsidenten im Sport das Privileg des Opfers. Heute haben sie das Privileg des Profits.« Damals also mussten die Präsidenten es sich leisten können, auch einmal Spesen oder ein Defizit in der Verbandskasse aus eigener Tasche zu begleichen. Die Sportpolitik auf internationalem Niveau war ein ebenso elitärer wie vermögender Herrenklub, dessen Mitglieder vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum kamen. Nicht wenige von ihnen wurden in den Adelsstand erhoben worden, wie der frühere FIFA-Präsident Sir Stanley Rous, Engländer und passionierter Schiedsrichter. Nicht nur diejenigen, die ein folkloristisches Bild der FIFA zeichnen, nennen ihn einen Mann, der viel von Fairplay hielt. Die FIFA, wie Rous sie vertrat, war selbst nach offizieller Lesart der Verbandshistorie »eine recht konservative und in ihren Entscheidungen zurückhaltende Organisation«.

Der Siegeszug des Fernsehens spielte der FIFA in die Karten


Wer heute den Milliardenkonzern FIFA betrachtet, der kann sich nur darüber wundern, wie innerhalb weniger Jahrzehnte eine wundersame Geldvermehrung stattgefunden hat. Damals war nur alle vier Jahre Zahltag: »Die Finanzen stammten ausschließlich aus den Gewinnen, die die Durchführung der Weltmeisterschaft abwarf. Mit diesen Gewinnen musste die Arbeit der nächsten vier Jahre bestritten werden. Es schien kaum möglich, mehr zu erreichen, ohne größere Risiken einzugehen.« Vielleicht ist die konservative Haltung Rous zum Verhängnis geworden. Denn zu Beginn der siebziger Jahre machte sich eine kleine Gruppe ambitionierter Sportfunktionäre auf den Weg, die erkannt hatte, dass mit dem Sport und vor allem im Fußball viel mehr Geld zu verdienen war, als es die FIFA bisher tat. Das war nicht etwa das Verdienst der Funktionäre, sondern dem Fernsehen geschuldet, das nun auch noch in Farbe ausstrahlte und dessen neueste technische Entwicklung sich zufällig mit dem dritten WM-Triumph der Brasilianer deckte. 1970 flimmerten aus Mexiko erstmals bunte Bilder von einer Weltmeisterschaft in die Wohnzimmer. Und sie zeigten ein brasilianisches Team, das im Finale den Italienern mit 4:1 keine Chance ließ.


Im selben Jahr verlieh ein Mann seinen Ambitionen für das Amt des FIFA-Präsidenten Nachdruck: Joao Havelange, mit vollem Namen Jean-Marie Faustin Godefroid de Havelange. Ebenso eindrucksvoll wie sein Name war auch seine Erscheinung, die sich hinter der von Rous nicht zu verstecken brauchte: Havelange machte was her, einst war er Schwimmer und Wasserballer, er hatte zweimal an Olympischen Spielen teilgenommen, 1936 in Berlin als Schwimmer, 1952 in Helsinki als Wasserballer. Dass er nicht aus dem Fußball kam, dass ihm der Stallgeruch als Kicker, Trainer oder Referee fehlte, machte er schnell wett. Denn Havelange verstand es wie kein Zweiter, ein Beziehungsnetz zu spannen.

Kandidat Havelange bereiste mehr Länder als der Papst

Er bereiste den Globus, er flog nach Afrika und auch in manch obskuren Inselstaat, er reiste in mehr Länder als der Papst, um für sich zu werben. Spieler wie Pelé, der sich später von Havelange entschieden distanzierte, polierten sein Image als Freund des Sports auf. Er setzte auf Afrika und Asien – und schuf damit jene Strukturen für den Machterhalt, derer sich noch heute Sepp Blatter bedient, der nicht auf die Starken, sondern die Schwachen setzt, da im System der FIFA jede Stimme gleich viel zählt. Sir Stanley Rous hingegen setzte auf Kompetenz und Sachverstand – und verlor. Havelanges Stab leistete beim FIFA-Kongress 1974 in Frankfurt ganze Arbeit. Obwohl Rous sich die Unterstützung des bereits damals einflussreichen Adidas-Chefs Horst Dassler gesichert hatte, siegte knapp der Brasilianer, der im Augenblick des Sieges die Gefahr erkannte, die von einem mächtigen Sponsor wie Dassler ausging. Beide arrangierten sich später allerdings bestens, zum gegenseitigen Nutzen.

Der Gewinner verzichtete darauf, seinen Triumph in vollen Zügen auszukosten. Havelange überließ Rous das Feld während der Weltmeisterschaft 1974 und verschwand nach Brasilien. Er ließ seinen Vorgänger seine Aufgabe zu Ende bringen. Franz Beckenbauer empfing den Pokal aus den Händen von Rous. Dennoch war Havelange in Sachen Eitelkeit ein gleichwertiger Vorgänger Blatters. Chronisten verdichteten sein Faible für Orden und Titel zur Verballhornung »Ritter Sport« – er ist Ritter des schwedischen Wasaordens, der französischen Ehrenlegion und auch Träger des senegalesischen Löwenordens, und keine Aufzählung darf ohne den Titel Ekwueme (»Der Mann, der sein Versprechen hält«) auskommen, den ihm der nigerianische Diktator Sani Abacha verlieh. Havelange revanchierte sich und vergab eine Junioren-WM nach Nigeria, obschon zuvor neun Oppositionelle um den Schriftsteller Ken Saro Wiwa hingerichtet worden waren. So hielt der Ritter Einzug am Zürcher Sonnenberg. Und kaum ein Jahr später stieß auf Empfehlung eines Schweizer Sportfunktionärs Sepp Blatter zur FIFA, deren kompromissloser Weiterentwicklung sich das dynamische Duo fortan widmete.

Was aber war Blatters Antrieb? Noch heute kursieren hartnäckige Gerüchte, Blatter sei einst von Adidas in den Apparat eingeschleust worden; ein willfähriger Helfer des Konzerns aus Herzogenaurach, der seine Spitzenstellung im Sportartikelgeschäft auszubauen versuchte. Blatter bezog damals in der Tat ein Büro bei Adidas, bestreitet aber bis heute vehement, vom Ausrüster bezahlt worden zu sein. Doch Robert Louis-Dreyfus, der später zum Mehrheitsaktionär werden sollte, berichtete einst: »Ich habe erfahren, dass Sepp Blatter zu Beginn seiner Tätigkeit von Adidas bezahlt wurde, weil die FIFA nicht das Geld dafür hatte.« Eine Konstellation, die alles über den damaligen Zustand des Weltverbandes aussagt.
Havelange und Blatter machten sich jedenfalls auf, das kommerzielle Defizit der FIFA zu beseitigen.

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