Wie bei Werder spekuliert wird

Ralf Rangnick in Bremen gesehen!

»habe die Info bekommen, das der Vorstand von Werder mit Rangnick gerade zusammensitzt!!!!« Dieser Twitter-Eintrag scheucht seit Montag die Werder-Fanszene auf. Im Nachhall des Gerüchts erfährt man viel über den Zustand des Vereins.    Wie bei Werder spekuliert wird

Jahrelang war Werder Bremen gut ausgeleuchtet. Im gleißenden Schein des Erfolgs sah man nur einen: Thomas Schaaf. Den unumstrittenen »Coach«. Nun aber, im Zwielicht der Niederlagen, werden plötzlich Figuren gesehen. Sie huschen durch den Schein der Taschenlampen. Männer! An Tischen! Mit Präsidiumsmitgliedern! Trainer womöglich! Sie werden gesehen wie seltene Tiere im Unterholz des ewigen Dschungels. Man hielt sie für ausgestorben. Aber es gibt sie: Die potentiellen Nachfolger. 

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»… wurde gesehen«, ist die Formel, die man sich nun auch in Bremen zuraunt, da sich im Fanumfeld angesichts des andauernden Misserfolgs ein Gefühl der Machtlosigkeit einstellt. Man sucht Halt, wenigstens Anhaltspunkte  – und gerät an das unhaltbare Gerücht. 

Angst, dass man ihnen den »Coach« wegnehmen könnte

In Bremen haben die Anhänger eine geradezu paranoide Angst vor jedweder Form geheimer Treffen, seit der damalige Bayern-Manager Uli Hoeneß 2007 am Flughafen Hannover-Langenhagen mit Werder-Stürmer Miroslav Klose konspirierte. Angst, dass in einem Verein, in dem seit über einem Jahrzehnt alles so klar, einfach und transparent ist, plötzlich Ränkespiele vonstatten gehen könnten, von denen sie nichts wissen. Dass man ihnen den »Coach« wegnehmen könnte, die sakrosankte Vaterfigur. 

Sie wollen deshalb auf alles gefasst sein. Das Vakuum, das sich auftut, wenn man an eine mögliche Zeit nach Thomas Schaaf nachdenkt, es muss gefüllt werden. Unbedingt. Irgendwie.

Ausgesprochen ruhig war es in Bremen in den vergangenen Jahren, umso nervöser ist die Stimmung nun. Man ist all das nicht gewohnt: die Abstiegsangst, das gereizte Mannschaftsklima, die böse Vorahnnung, mit der man zu den Spielen schleicht. Und so sachlich, wie man war (worauf man sich auch eine Menge einbildete), so anfällig ist man nun für Kolportage. Alles scheint plötzlich denkbar. Pferde kotzen. Jemand hat es gesehen

Hast du schon gehört? Weitersagen! Stille Post an der Weser.

Tatsächlich gesehen wird dabei, genau genommen, von den wenigsten. Es wird gehört. Weitergesagt. Zusammen ergibt das das Hörensagen. Doch so diffus es ist, so unbeweisbar, so unwiderlegbar ist es auch. Gerüchte dringen durch viele Ritzen. Sie multiplizieren sich in den Foren, sozialen Netzwerken und an den guten, alten Stammtischen. Hast du schon gehört? Weitersagen! Stille Post an der Weser.

In diesem Fall war es Ralf Rangnick, der gesehen wurde. Der jüngst in Hoffenheim zurückgetretene Trainer, wurde – angeblich –  mit dem Werder-Vorstand im Bremer Restaurant »Schmidt's« gesehen

Wie gesagt: Angeblich. Ein Mensch mit dem Usernamen »Planlos_B« hat es am Montag via Twitter kommuniziert: »habe die Info bekommen, das der Vorstand von Werder im "Schmitz" in HB mit Rangnick gerade zusammensitzt!!!! Gerüchte sagen, das Schaaf Sportdirektor werden soll!«

So heißt es im Original, das der »Weser Kurier« aufgetan hat. Fassen wir kurz zusammen: Schon »Planlos_B« selbst hatte Ralf Rangnick nicht gesehen, eigentlich sogar überhaupt nichts gesehen, sondern bloß »die Info bekommen«, dass jemand etwas gesehen hat. Und dann sollen noch »Gerüchte sagen, das…« 

Die Verlässlichkeit, ja sogar die bloße Existenz der Quelle ist zweifelhaft, die Resonanz auf den Twitter-Eintrag dennoch enorm. Schon wenige Stunden später ist im Fan-Forum eine Petition gegen Ralf Rangnick als neuen Werder-Coach entstanden, der Radiosender »Bremen 4« kommentiert das Gerücht umgehend, ebenso der »Weserkurier« in seiner heutigen Ausgabe.

Das Gerücht wird zur Spekulation, die stille zur lauten Post. Es ist ein fataler Effekt des Internets, dass Gerüchte sich selbst erhärten: Wer »Ralf Rangnick« und »Werder Bremen« googelt, erhält nun etliche Treffer (selbst dieser Artikel trägt dazu bei). Aha!, denkt der Googelnde. Es besteht also ein Zusammenhang! Wenigstens irgendeiner.

Dass ein quasi öffentliches Treffen zwischen Ralf Rangnick und den Werder-Verantwortlichen in einem Restaurant mitten in der Stadt recht unwahrscheinlich ist –  geschenkt! Schon sehen viele (vor dem inneren Auge), wie Ralf Rangnick am Trainingsgelände vorfährt. Und an ihm vorbei Thomas Schaaf für immer davon.

»Absolut falsch« – »Grober Unfug!«

Werder selbst sieht sich nun gezwungen, auf die Spekulationen zu reagieren. Als »absolut falsch«, bezeichnet Manager Klaus Allofs sie gegenüber dem Fernsehsender »SPORT1«. »Das entbehrt jeglicher Grundlage und ist wirklich eine Frechheit, solche Gerüchte auch noch so zu kennzeichnen, als seien sie aus gesicherten Quellen.« Mediendirektor Tino Polster macht sich derweil einen Spaß aus seiner Pflicht, im Minutentakt dementieren zu müssen, was ein Mensch namens »Planlos_B« halberregt ins Netz gekrickelt hat. »Na, klar! Ralf Rangnick sitzt gerade neben mir!«, sagt er auf Anfrage von 11FREUNDE. »Der hat den tollen grünen Rasen hier bei uns gesehen und wollte sofort loslegen!« Doch innerhalb einer Sekunde kühlt Polster rapide ab. »Unfug«, sagt er. »Grober Unfug. Absurd.« 

Die zweifelhafte Logik: Wer dementiert, hat was zu verbergen

Tino Polster weiß: Es ist eine Sisyphos-Aufgabe. Ein Dementi wird die Gerüchte um Ralf Rangnick und Werder Bremen nicht ersticken können. Was er auch sagt, die Verschwörungstheoretiker in den Foren und an den Stammtischen werden es zu einem Beweis ihrer Spekulationen umdeuten. Die zweifelhafte Logik: Wer dementiert, hat was zu verbergen. 

Der bloße Verdacht, dass die Werder-Verantwortlichen etwas zu verbergen hätten, deutet darauf hin, dass hier eine Kultur des Vertrauens im Verfall begriffen ist. Misstrauen, der miese kleine Begleiter des Abstiegskampfs. Eine Entwicklung, vor der die Fans keine Online-Petition schützen kann.  Die Spekulationen werden weitergehen, bis sich irgendeine mal bewahrheitet und es dann alle immer schon gewusst haben wollen.

Ralf Rangnick geht übrigens gerade nicht an sein Telefon. Auch das ein Beweis? Er könnte ja so intensiv mit Werder verhandeln, dass er gar keine Zeit hat zu telefonieren. Oder ist er zu beleidigt, um abzuheben, weil schon ein Konkurrent in Bremen gesehen wurde? Sein Name: Lucien Favre, der so genannte »Konzepttrainer« aus der Schweiz.

Und noch etwas: Matthias Sammer wurde in München gesehen. Er wohnt nämlich dort.


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