Wie bei St. Pauli Fans gegen Fans kämpfen

Ultramoderne am Millerntor

Wie bei St. Pauli Fans gegen Fans kämpfenImago Die Tiere sind unruhig. Für gewöhnlich ist das nichts Besonderes am Millerntor, und gerade in diesen Tagen nachvollziehbar, denn die Bundesliga winkt am Horizont und lockt vielleicht bald mit dem einen oder anderen Extra-Euro, wenn sich der Klub noch mehr in die ökonomischen Prozesse des modernen Fußballs einbinden ließe. Eine öffentliche Kritik an den Verbänden, Institutionen, Medien, Klub-Hoheiten und dem ganzen Rattenschwanz ist also immer noch wichtig. Und am vergangenen Sonntag war er durchaus angebracht. Konkret richtete sich der Protest der Ultras Sankt Pauli (USP) gegen eine Entscheidung der Polizei, der DFL und des Klubs, nur 500 Karten an Fans von Hansa Rostock zu vergeben.

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Der untere Rang der Südkurve, dort wo die die USP stehen, blieb in den ersten fünf Minuten leer. Auf einem Plakat prangte der Slogan »Stell dir vor, es ist Fußball und keiner geht hin«, daneben eine abgewandelte SDS-Weisheit: »Einen Finger kann man brechen. Fünf Minuten sind eine Faust.« Alleine, anders als Ende der sechziger Jahre entschieden hier die wenigsten Besucher für sich, ob sie Teil dieser Faust werden wollten, nein, die Ultras diktierten es denen, die hinter der Südkurve standen: Kinder, Oppas, Hardcore-Fans, Modefans, Fußballtouristen, Althauer. Eng soll es gewesen sein. Unfreundlich. Auch weil sich die Blockierer Schmähgesänge anhören mussten: »Scheiß USP!« oder »Ihr seid USP – wir sind Sankt Pauli!« waren noch harmlose Sprüche. Die Ordner unternahmen nichts, und es schien auch das einzig Vernünftige, denn die Situation wäre vermutlich eskaliert. Die Ultras indes antworteten dem Pöbel herrisch: Es gehe um ein höheres Ziel, es gehe um mehr als um die fünf Minuten des Einzelnen. Was dieses »Mehr« war, das bestimmten sie. 

Innerhalb eines Tages explodierten die Fantreffs im Internet. Im St.Pauli-Forum etwa konnte sich der geneigte Leser in den letzten 24 Stunden durch über 1500 Beiträge klicken. Während ein Großteil der Fans das Projekt der selbstverwalteten Südkurve für gescheitert erklärt, verlieren sich einige Ultras im Sarkasmus: »Sind wir zu laut oder zu leise? Stören wir Dich / Euch evtl. beim Saufen, Reden oder Bierholen? (…) Wir können ja auch mal nur sabbeln wie 70% der ›Fans‹ und machen die nächsten Heimspiele ne geile Sabbelchoreo.«

Das Exklusivwissen der Ultras

Die Diskussionen ließen aber nicht nur den tiefen Graben zwischen Fans und Ultras, sondern vor allem das Paradoxon der Ultra-Kultur Gewahr werden. Stutzig macht schon seit Jahren, dass eine Gruppe von relativ jungen Menschen nach ihrem eigenen Selbstverständnis das Wissen darüber besitzt, wie eine wahre und ursprüngliche Fankultur auszusehen hat. Dass viele der Fans vor 1999, also bevor die Ultrakultur im Minderheiten-Mainstream der Stadien angekommen war, noch mit der Trompete um den Weihnachtsbaum gelaufen sind, scheint nebensächlich.

Ebenfalls fragwürdig erscheint die fehlende Bereitschaft zum Dialog. Auf dem Weg zur Umerziehung des vermeintlich unmündigen Fans heiligt der Zweck eben die Mittel. Dabei scheint die Idee des Protests im öffentlichen Raum völlig in Vergessenheit geraten. Will eine Demonstration generell eine breite Masse für sich gewinnen, mithin einen Gegenkanon schaffen, wirkte die Aktion der USP aufgrund nicht vorhandenem Verständnis der Masse wie das Streicheln des eigenen Egos und wieder einmal: wie ein elitäres Abgrenzen gegenüber den vermeintlich Unwissenden.  

Paradox auch, dass jene Gruppe gegen eine Diktatur der Oberen protestiert, zugleich aber ähnliche Züge an den Tag legt. Die USP ist Herr über die Plätze der Südtribüne. Selbstverwaltung nennt sich das und klingt eigentlich ganz wunderbar, frei und irgendwie nach Hafenstraße, also nach dem Mythos des St.Pauli-Ursprungs. Letztlich entscheidet aber die Gruppe, wer in der Kurve stehen darf und wer nicht. Es wurde von Beginn an erklärt, man wolle ausschließlich aktive Fans in der Kurve. Das ist grundsätzlich ein guter Gedanke, dumm nur, dass viele sehr aktive Fans nach zweimaliger Anmeldung und Reservierung keine Tickets mehr bekamen, dafür aber zahlreiche sogenannte Modefans. Nicht wenige unterstellten der USP außerdem, dass sie die Vergabe zu eigenen Gunsten manipuliert hätten.  

»Eine traurige Entwicklung«, sagt Christoph Nagel, Autor von »FC St. Pauli. Das Buch«, »denn es hatte in den letzten Jahren eine Annäherung zwischen den Fans und Ultras gegeben.« Gerade nach dem Umzug der Ultras von der Gegengerade auf die Südtribüne hätten viele traditionalistische St.Pauli-Fans mit den Ultras ihren Frieden gemacht. So habe es in der jüngeren Vergangenheit immer häufiger Wechselgesänge zwischen den Fans in der Gegengerade und den Ultras auf der Südtribüne gegeben, erklärt Nagel. Und die Ultras seien sogar des öfteren auf die Gesänge der Fans eingestiegen. Doch mit dieser Harmonie sei es »nun erst mal wieder vorbei«. Zumal es den Ultras bis dato stets abging, öffentlich Selbstkritik zu üben. Und auch dieses Mal scheint es so, als ob die aberwitzige Aktion – der Protest gegen die Beschneidung von Fanrechten durch die Beschneidung von Fanrechten – nicht öffentlich in Frage gestellt wird. 

Wie Lacoste-Träger bei einem GG-Allin-Konzert  

Schon in der Vergangenheit wurde häufig das absolutistische Auftreten der Ultras moniert, nicht nur beim FC St. Pauli, auch in anderen Stadien. Doch wird dieser Tage eines deutlich: Nirgends wirken Ultras so deplatziert wie am Millerntor. Das Roar, das Anarchische, verflüchtigt sich, es scheint, als versuchten Lacoste-Polo-Shirt-Träger bei einem GG-Allin-Konzert aufzuräumen und Ordnung in die Bude zu bringen. Dabei wollen das die Wenigsten: »Viele Leute stehen hier auf die alte situationsbezogene Anfeuerung«, sagt Fan Björn Pahrmann, der in der Gegengerade steht und seit 20 Jahren zum Millerntor geht. »Das Vorbild ist nicht die italienische Fankultur, sondern der oldschoolige britische Support.«   

Die fundamentale Kritik, die momentan auf St. Pauli viel deutlicher geäußert wird als in anderen Klubs, ist in der Geschichte der Fankultur begründet. Im Gegensatz zu anderen Klubs war St. Paulis Fanszene schon Ende der Achtziger und durch die Neunziger hindurch laut, das Stadion immer voll. Während sich beim großen Nachbarn HSV Anfang der Neunziger bei Spielen gegen den VfL Bochum 5000 Leute im Betonkessel verirrten und jeder Fan sich laute Anfeuerung und dichte Atmosphäre wünschte, dürstete am Millerntor eigentlich niemand nach einem, der den Fans diktierte, wie Support funktioniert. Die Fans verstanden sich als individualistisch. »Gerade das macht für mich einen St.Pauli-Fan aus«, sagt Pahrmann. »Und vielleicht ist das auch der große Gegensatz zu den Ultras: Also diese Sorge vor dem Zwang von außen.« Und auch Nagel sagt: »Einige Bekannte erzählten mir, dass sie die Aktion beim Spiel gegen Rostock unterstützt hätten, wenn man sie ihnen nicht in dieser Form oktroyiert hätte.«  

Die Skepsis gegenüber Gruppen, die Zepter schwingen und eine Ordnung vorschreiben, war bei St. Pauli immer vorhanden. Einen Vorsänger braucht es aber scheinbar trotzdem, die Ultras sehen sich nach dem Rostock-Spiel jedenfalls bestätigt, denn am Sonntag verzichteten sie auch nach der 5. Minute auf organisierten Support. User maddinio schreibt im St.Pauli-Forum »von einer Stimmung wie bei der A-Jugend vom VSK Osterholz-Scharmbeck gegen Atlas Delmenhorst, komplettes Versagen der restlichen Besucher«.   

Dieses Phänomen ist seit Jahren zu beobachten, sobald der Ultra-Support verstummt, ist es mitunter totenstill im Stadion. Woran wir uns gewöhnt haben, titelte 11FREUNDE vor einigen Jahren, und auf dem Titelbild grüßte Fritzle, das Maskottchen vom VfB Stuttgart. Doch wir haben uns eben nicht nur an Fritzle, Industrie-Bratwurst, Montagsspiele und schales Bier für fünf Euro gewöhnt, sondern auch an einen Geräuschteppich. »Der liegt ständig auf dem Stadion. Wie bei einem Computerspiel oder als ob im Hintergrund Radiomusik laufe«, sagt Pahrmann. Die Meinungen zur Stimmung während des Hansa-Spiels gehen insofern auch bei den Ultra-Kritikern auseinander. Einige räumen ein, dass ohne die Ultras tatsächlich wenig bis nichts los sei. Andere argumentieren, dass man sich gedanklich erstmal von der Ultra-Beschallung der letzten Jahren befreien müsste. 

Meckeroppas und schlechte Wurst  

Gute Plätze dafür gibt es in Hamburg übrigens zu genüge: Beim SC Victoria in Hamburg-Lokstedt supportet die Gruppe »Nordkaos«, die sich explizit nicht als Ultras versteht. Und bei Altona 93 oder dem USC Paloma trifft man Meckeroppas, es gibt manchmal gute Wurst und billiges frisch Gezapftes. Einzig die Kameras fehlen. Aber wen stört’s?

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