07.04.2013

Wie Bayern-Talent Timo Heinze an sich selbst scheiterte

Der Feind in seinem Kopf

Sie spielten gemeinsam bei Bayern, doch als Thomas Müller WM-Torschützenkönig wird, hörte Timo Heinze schon auf. Stellt sich die Frage: Warum schaffen es einige sich im Profifußball durchzusetzen und andere nicht?

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Es gibt diese eine Szene. Eine, von der kleine Kinder träumen und, ja, auch Erwachsene. Das große Stadion, Flutlicht, volles Haus. Auf dem Feld: Die besten Fußballspieler Deutschlands. Den Ball abfangen, in der eigenen Hälfte. Und nach vorne sprinten, in den freien Raum, den Ball vor sich hertreiben. Haken schlagen, ein, zwei Gegner stehen lassen, schon dicht am anderen Strafraum. »Hier ist Heinze«, sagt Kommentator Bela Rethy, »ein 22 Jahre alter Außenverteidiger.« Es ist der Satz, den wir alle mal hören wollten, über uns.

Die Menge in der Münchner Arena raunt, Timo Heinze könnte jetzt schießen, gleichzeitig sieht er, wie Miroslav Klose seinen Weg kreuzt. Eine blitzschnelle Entscheidung. Heinze spielt den Ball geradeaus in die Lücke. Doch Klose läuft nach rechts, ein einfaches Missverständnis. Der Ball trudelt ins Leere. Und dann dieses Foto, entstanden nur ein paar Monate später. Die Ersatzbank. Junge Menschen mit tiefen Brauen. Auswechselspieler sehen selten glücklich aus. Timo Heinze, ganz rechts – leerer Blick, Zähne auf der Unterlippe – sieht aus wie einer, der sich fragt: Was mache ich hier? Er sieht aus wie ein Verlorener.

Ein Buch als Selbsttherapie

Der Fußball ist ein rasendes Business, das ist ein Klischee, aber über Timo Heinze ist es wahrhaft hereingebrochen. Er hat den Traum gelebt. Er war Jugendnationalspieler, Kapitän der Bayern-Reserve mit Anfang 20, auf dem Sprung nach oben. Vielleicht nach ganz oben. Und dann spuckte ihn die große Maschine wieder aus. Sein Spurt bei Oliver Kahns Abschiedsspiel blieb der einzige Moment auf der ganz großen Bühne. Heinze hat es nicht geschafft. In einem Sport, der nur in Gewinner und Verlierer einteilt, hat er verloren.

Darüber hat er ein Buch geschrieben, »Nachspielzeit: Eine unvollendete Fußballkarriere«, erschienen Ende vergangenen Jahres. Eine Selbsttherapie. Eine Abschiedshilfe. »Das Buch war ein Glücksfall«, sagt Heinze. »Wenn ich das nicht alles aufgeschrieben hätte, wäre ich sicher noch nicht so weit.« Nicht so weit mit der Trauerarbeit. Mit dem Entzug. Denn der Fußball ist wie eine Droge für die, die sich ihm verschrieben haben. Nur wer sich ihm ganz und gar hingibt, wer alles andere vernachlässigt, der kann es überhaupt zu etwas bringen. Davon wieder loszukommen ist irrsinnig schwer, manche schaffen es nie, man muss sich nur all die traurigen Exprofis anschauen, die Tag für Tag in den Sportsendungen herumsitzen. Timo Heinze musste noch viel früher als die meisten loslassen, was es nicht einfacher macht. »Es tut inzwischen nicht mehr weh«, sagt Heinze, »ich habe abgeschlossen.«

»Ich war schon immer ein Kopfmensch«

Fußball ist ein einfaches Spiel, sagen die, die keine Ahnung haben. Es ist ja gerade die Einfachheit, die den Sport so schwer beherrschbar macht. Der Mensch ist nicht einfach. »Ich war schon immer ein Kopfmensch«, sagt Heinze, und was eine nützliche Eigenschaft sein kann, wenn es gut läuft, verkehrt sich in der Krise schnell ins Gegenteil: »Um ehrlich zu sein, ich war immer ein Spieler, der das Vertrauen brauchte, um dann gute Leistungen zu bringen«, schreibt Heinze. »Wenn ich mich in meiner Situation unwohl fühlte und die Anerkennung des Trainers vermisste, fiel meine Leistung rapide ab. Einem Thomas Müller zum Beispiel wäre das niemals passiert.«

Müller. Er hat das Vorwort zu Heinzes Buch geschrieben, natürlich kein Zufall. Er hat mit Heinze bei Bayerns zweiter Mannschaft gekickt, noch 2009 stehen sie zusammen auf dem Feld. Ein Jahr später beendet Heinze frustriert seine Karriere, und Müller wird der jüngste WM-Torschützenkönig überhaupt.

 
 
 
 
 
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