Wie Bayern-Präsident Hoeneß seinen Klub kaputtliebt

Oma Uli und die Schwiegersöhne

Der FC Bayern wird sich von Louis van Gaal trennen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Wer will schon Trainer bei einem Klub werden, der sich nicht gestalten lässt? Ein paar Gedanken zur erdrückenden Liebe des Uli Hoeneß. Wie Bayern-Präsident Hoeneß seinen Klub kaputtliebt

Es gibt viele Schwiegermutterwitze. So viele, dass man sie schon längst nicht mehr hören kann. Zum Beispiel:

»Schwiegermutter, wie lange bleibst du?«
»Bis ich euch auf die Nerven falle.«
»Was, nur so kurz?«

Langweilig. Und doch ist es wahr: Wenn die Oma sich einmischt, mit ihren ganz eigenen, überkommenen Vorstellungen, wie die Kinder zu erziehen seien, wie man was zu kochen habe – und überhaupt: wie eine Familie funktioniere, dann kann die nächste Generation sich so nicht entwickeln, wie sie das gern möchte.

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Hinter allen Schwiegermutterwitzen steckt die ernste Angst vor der Untergrabung der eigenen Vorstellungen – und zugleich die Unfähigkeit, sich zu emanzipieren. Die Mutter des Partners wegbeißen? Den Kindern die Großmutter vorenthalten? Ein hoher Preis. Dann lieber ein verschämter Witz am Stammtisch im Kreise anderer Schwiegermutterinhaber.

Was Louis van Gaal so mit seinem Co-Trainer Andries Jonker bespricht, wenn niemand zuhört, wissen wir nicht. Der eine oder andere Schwiegermutterwitz dürfte dabei sein. Denn was ist Uli Hoeneß anderes als das – seine Schwiegermutter?

Ein Wunder, dass Hoeneß nicht selbst die Betten macht

Hoeneß mischt sich ein, er weiß alles besser, er guckt jeden Tag nach dem Rechten, dass er nicht selbst die Betten der Nachwuchsspieler im Internat bezieht, ist ein kleines Wunder. Er müsste loslassen, aber er kann es nicht. Er war 30 Jahre lang der Manager des FC Bayern München, nun als Präsident, befreit vom Alltagsgeschäft, hat er sogar noch mehr Zeit, sich Sorgen zu machen.

Die Sorgen, die Hoeneß sich akut macht, haben dazu geführt, dass er vor lauter Schmallippigkeit beim 1:3 am Wochenende in Hannover ganz ohne Mund gesichtet wurde. Er wollte nichts sagen, und das ist bei ihm allermeistens ein Zeichen, dass er demnächst etwas sagen wird.



Ohne Mund in Hannover: Uli Hoeneß wollte nichts sagen (Bild: Imago)

Am Montag dann hat er Louis van Gaal bei lebendigem Leibe entlassen. Diesen ultradominanten Schwiegersohn, der zwar immer betonte, er werde eine »Ikone« (will heißen: »eine Schwiegermutter«) nicht kritisieren, und dann doch mit der Bayern-Familie machte, was er und nur er für richtig befand. Er rangierte Mark van Bommel aus, verscherzte es sich deshalb mit Arjen Robben, er soll Holger Badstuber fast zum Weinen gebracht und Franck Ribéry nicht ausreichend gestreichelt haben, hat Jörg Butt und Daniel van Buyten rasiert und seine Spieler nicht vorm Furor seines Videoanalysten Max Reckers geschützt – es war eine Frage der Zeit, bis Oma Uli sich schützend vor ihre Enkel stellen würde.

Schon Ende 2009 wäre Louis van Gaal fast rausgeflogen, doch dann fügte sich alles zum vermeintlich Guten, zum Double, zur Finalteilnahme in der Champions League. Schwiegermutter Hoeneß lächelte säuerlich – hier schmeckte etwas, das sie nicht gekocht hatte. Wie konnte das sein?



Hoeneß 2010: Wenn schon lächeln, dann säuerlich (Bild: Imago)

Ganz klar: Es muss Zufall gewesen sein. So sieht es Hoeneß offenbar – anders ist die kalte Abservierung des Mannes, der vor einem halben Jahr noch als Trainerfürst verehrt wurde, nicht zu erklären. Er will nun den Verein auf seinen ureigenen Kurs zurückbringen. Es ist ein Kurs ins Innere – zurück zur Familie, in der man einander nicht weh tut.

Doch wer wird der neue Schwiegersohn? Weit und breit ist keiner in Sicht. Jürgen Klopp hat in Dortmund großen Spaß und Erfolg damit, eine Mannschaft aufzubauen, und wird den Teufel tun, lediglich weisungsbefugt ein Team zu trainieren, das man ihm aus dem Superstarkatalog zusammengekauft hat. Und warum sollte er überdies vom amtierenden deutschen Meister zum einem Europa-League-Teilnehmer wechseln? Ralf Rangnick und Thomas Schaaf sind zu altgedient und stur, um sich reinreden zu lassen, ja: um sich überhaupt in eine Sphäre zu begeben, in der man ihnen reinreden könnte.

Kein Dazwischen, keine Wege, nur Ziele

Aber will Hoeneß denn überhaupt einen Trainer, der seine eigenen Vorstellungen mitbringt? Viele Trainer der jungen Generation haben Lust am Entstehen, einige ältere haben sie unlängst entdeckt. Beim FC Bayern aber ist etwas – oder es ist nicht. Schwarz oder weiß, Top oder Flop, Meister oder erster Verlierer: Die epische Alltagsrhetorik des Uli Hoeneß und seines Interviewzonen-Homers Kalle Rummenigge beweisen, dass sie kein Dazwischen kennen, keine Wege, nur Ziele.   

Schlechte Voraussetzungen für Thomas Tuchel vom FSV Mainz 05. Und auch für Joachim Löw, dessen Namen die »Bild« mit viel Phantasie kolportiert hat. Das Kapitel Klinsmann legt den Verdacht nahe, dass Hoeneß in einer Phase, die einer Midlife-Crisis gleichkam, mal ausprobiert hat, wie sich Veränderungen anfühlen. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das Sofa da stehen soll, wo es immer schon stand. Wie gesagt: Er will Erfolge – jetzt. Und keine Prozesse.



Midlife-Klinsi: Hoeneß will Erfolge, keine Prozesse (Bild: Imago)

Wer bleibt übrig, auf einem Trainermarkt, auf dem sich arg viele verbrauchte Gesichter herumtreiben? Kehrt etwa Felix Magath zurück, der 2007 nach zwei Doublen entlassen wurde, um Hoeneß doch noch sein Können zu beweisen? Wie sollte dieser Beweis aussehen, wenn zwei Double schon zu wenig waren? Kommt ein Frischling wie Thorsten Fink (derzeit FC Basel), dessen Name ebenfalls kursiert? Er könnte immerhin mit naturgemäßer Demut einen gefügigen Schwiegersohn abgeben, zumal er den Verein aus seiner aktiven Zeit kennt. Eine ansehnliche Marionette mit Champions-League-Garderobe, die letztlich das tut, was Hoeneß will. Oder doch Ottmar Hitzfeld oder Jupp Heynckes, die zu altersmilde sind, um noch ultimativ zu widersprechen? Die bei allzu vielen Weinabenden im Hoeneßschen Hobbykeller gelernt haben, was Solidarität und Familiensinn bedeuten?

Aufregend, zukunftsweisend, irgendwie neu wäre all das nicht. Aber der FC Bayern München steht ja auch nicht im Verdacht, zur Avantgarde gehören zu wollen. Dazu müsste er die Veränderung lieben und nicht die Wiederholung des immer Gleichen.

Paul Breitner: Ein kalter Kandidat

Der Trainerstuhl des deutschen Rekordmeisters und letztjährigen Champions-League-Finalisten ist also verwaist. Und man kann sich nicht so recht vorstellen, wer dort Platz nehmen soll. Das zeigt auch die heillose Spekulation des Boulevards, der vor lauter Verzweiflung Paul Breitner ins Rennen schickt  – Wahrscheinlichkeit laut stern.de, dass er Bayerntrainer wird: »1 Prozent!« Uli Hoeneß hat es versäumt, seinen Verein zum Karriereziel einer neuen Trainergeneration zu machen. Erbarmungslos vorwerfen kann man ihm das nicht. Dieser Mann liebt. Und merkt nicht, was er mit seiner Liebe erdrückt.

Am besten, er macht es gleich selbst. Wie Franz Beckenbauer, der sich zweimal aus der Chefetage herabschwang und den FC Bayern als Trainerdarsteller 1994 zum Meistertitel und 1996 zum Gewinn des UEFA-Cups führte.



Oder er behält Louis van Gaal doch. Diesen knorrigsten aller Schwiegersöhne. »Ein Kuss für die Muttis!«, brüllte das Feierbiest im letzten Mai am Marienplatz. Ein großer Muttertag, auch für Uli Hoeneß. Er müsste diese etwas andere Liebe bloß zulassen. Und in diesem speziellen Fall wäre es tatsächlich Avantgarde, beim Alten zu bleiben.

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