Wie Armin Veh seine Entlassung erahnte

Im Vehgefeuer

Armin Veh ist von seinen Ämtern beim VfL Wolfsburg entbunden worden. Das letzte große Interview mit ihm als Coach des Meisters erscheint in der neuen Ausgabe von 11FREUNDE. Ein Dokument zerbröselnder Macht. Wie Armin Veh seine Entlassung erahnteTim Jürgens Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Diese bittere Erfahrung dürfen wir bei 11FREUNDE mal wieder machen, wenn wir am Donnerstag mit der neuen Ausgabe unseres Magazins an die Kioske kommen. Darin zu lesen ist nämlich ein ausführliches Interview mit dem Trainer des VfL Wolfsburg, das wir am 11. Januar 2010 in den Katakomben der VW-Arena führten. Damals hieß dieser noch Armin Veh, ein freundlicher Oberschwabe, der über den Jahreswechsel verdauen musste, dass man ihm als Coach mit Manager-Befugnissen den Geschäftsführer Dieter Hoeneß vor die Nase gesetzt hatte. Um das Gesicht zu wahren, gab Veh folglich bei uns politisch korrekt zu Protokoll, er habe ohnehin schon bald nach seinem Amtsantritt nach einem Mann verlangt, der sich für ihn ums Geschäftliche kümmert. Er wolle wieder mehr Zeit fürs Sportliche haben, diese dauernden Gespräche mit den Beratern – das solle doch in Zukunft jemand anderes machen. Dass sich Dieter Hoeneß fortan mit der Tätigkeit als Vehs Vorzimmerdame zufrieden geben würde, schien allerdings schon da mehr als fraglich.  

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Da ereignete sich im Verlaufe des 11FREUNDE-Interviews etwas Ungewöhnliches: Als wir mit Veh so über den Trainerjob, die Ultras und seine Zeit in Stuttgart plaudern, geht plötzlich die Tür auf, und Dieter Hoeneß betritt den Raum. Offiziell ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgestellt, wir sind also unabsichtlich die ersten Medien, die den neuen Manager in Wolfsburg erleben dürfen. Shake-hands, ein betont kumpeliges »Hallo Dieter« – »Hallo Armin«. Ein kurzer Small-talk. Lächelnd nimmt Hoeneß auch von uns Notiz, man habe sich schließlich schon mal getroffen.

Hier tritt einer zurück ins Scheinwerferlicht 

In der Annahme, Hoeneß würde den Raum gleich wieder verlassen, setzen wir alsbald unser Interview fort. Doch der neue Manager macht keine Anstalten, er greift sich einen Stuhl, lässt Armin Veh noch den Satz vollenden – und schaltet sich dann, wie man es von ihm gewohnt ist, meinungsfreudig in das Gespräch ein, in dem es gerade um Imagefragen seines neuen Klubs geht. Und sofort ist klar: Hier tritt einer zurück ins Scheinwerferlicht – und zwar so vehement, wie man es von ihm als Fußballer immer gewohnt war.

Hoeneß ist immer noch eine stattliche Erscheinung. Eine Kante, deren Autorität den degradierten Veh in diesen Augenblicken fast zu erdrücken scheinen. Kurz darauf muss der Trainer das Gespräch beenden. Die Pflicht ruft: »Nehmt’s mir nicht übel, aber ich muss jetzt wieder zur Mannschaft.«

Hinterher ist man immer schlauer, aber aus heutiger Sicht, scheint sich schon in diesem Moment das Schicksal von Armin Veh entschieden zu haben. Als Hoeneß durch den Türabsatz trat, verschoben sich in Wolfsburg unwiderruflich die Machtverhältnisse. Die Sätze aus dem Interview klingen im Nachhinein wie eine düstere Vorahnung auf das, was wir nun erlebt haben – das Vehgefeuer: »Kein Bundesligatrainer arbeitet mit dem Gedanken: Hier bleibe ich jetzt die nächsten zehn Jahre. Dagegen spricht die Lebenserfahrung.«

Kein Wunder. Seine gesamte Zeit in Wolfsburg stand unter keinem guten Stern. Nach Amtsantritt musste er sich dauernd am Vorgänger messen lassen. Das »Felix-Ding« würde ihm anhängen, versuchte er in Interviews diesen Missstand wegzulachen, der ihn zutiefst nervte, wie er im kleinen Kreise zugab. Natürlich habe er gewusst, dass es in Wolfsburg nichts zu gewinnen gebe, nur viel zu verlieren, aber gerade das habe ihn gereizt, sagt Veh heute.

Später musste er ständig die mittelmäßigen Ergebnisse seines Teams rechtfertigen und dann passierte ihm vor Weihnachten auch noch dieser Faux-Pas, als er auf die Frage, ob der VW-Konzern die Verpflichtung eines übergeordneten Managers plane, antwortete: »Wenn das passieren würde, hätte ich doch die Hosen unten.« Es spricht für den Menschen Armin Veh, dass er sich nicht auf die Zunge beißt, wenn ihm schwierige Fragen gestellt werden. Aber so ein Zitat hängt einem Trainer nun mal nach. Nur Stunden später gab Wolfsburg die Personalie Hoeneß bekannt. Und Veh trat den Weihnachtsurlaub mit dem Beinkleid in den Kniekehlen an.

Zu diesem Umstand befragt, bekennt er nun in 11FREUNDE: »Ich wusste, dass er (Dieter Hoeneß d.Red.) ein Kandidat ist. Aber das habe ich letztlich auch gar nicht zu entscheiden gehabt. Und natürlich hätte ich dann die Konsequenz ziehen und sagen können: Jetzt hör ich auf. Aber was ist das für eine Konsequenz?« 

Die Konsequenz ist, dass er nun – nach zwei Spielen in der Rückserie – entlassen wurde. Wer ihn kurz nach Silvester beim Trainingslager im südafrikanischen Port Elisabeth während der Einheiten unter den Gummi- und Ölbäumen allein über den Platz wandern sah, meinte eine Melancholie zu erspüren, die ihn dort umtrieb. Während seine Spieler mit den Assistenten Kondition und Koordination bolzten, trottete er – in die Ferne oder auf den Rasen blickend – in sich gekehrt im hintersten Winkel des Platzes auf und ab. Ob er sich in diesen Momenten wohl klammheimlich seinen Kumpel Horst Heldt aus erfolgreichen Stuttgarter Tagen zurückwünschte, um mit ihm gemeinsam Wolfsburg zurück auf den Pfad des Erfolges zu führen? Wir werden es nie erfahren.

Doch zumindest den Unterschied zwischen Dieter Hoeneß und Heldt gab Veh noch kurz vor seiner Demission exklusiv bei 11FREUNDE bekannt: »Er ist größer. Also länger.« Offenkundig eine Nummer zu groß für ihn.        

Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab Donnerstag im Handel) findet Ihr das Interview mit Armin Veh. Ein Menetekel! 

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