Wie Andrew Webster den Fußball veränderte

Gestatten, Revolutionär!

Wie Andrew Webster den Fußball verändertemittenimwald
Heft #77 04 / 2008
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Es ist schon eine Weile her, dass der schottische Fußball die ganz großen Stars hervorgebracht hat. Kenny Dalglish, Gordon Strachan und Graeme Souness sind solche Namen, die die Zeit überdauern. Dagegen verblassen die Protagonisten von heute, und so kommt es, dass der präsenteste schottische Fußballer Andrew Webster heißt. 22 Länderspiele für Schottland, solider Innenverteidiger, mehr nicht. Aber auch jemand, der nur noch als »der neue Bosman« firmiert und Artikel 17 der FIFA-Statuten zu unerwarteter Bekanntheit verholfen hat.

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Revolutionäre des Fußbalss, ob sie wollen oder nicht

Andrew Neil Webster, den alle nur Andy nennen, wechselt im Jahr 2001 von seinem Stammverein Arbroath zu Heart of Midlothian. Dort wird er rasch zur Stammkraft und absolviert für die Hearts annähernd 150 Meisterschaftsspiele. Doch im Sommer 2005 kühlt sich das Verhältnis zwischen dem Spieler und seinem Klub allmählich ab. Die Glasgow Rangers zeigen Interesse an Webster, der dem Werben nur zu gerne nachgeben würde, doch die Hearts stellen sich quer. Ein Transfer kommt nicht zustande, aber fortan ist Webster im Verein unten durch, insbesondere beim Besitzer Vladimir Romanow, einem russischen B-Oligarchen. Als sich Webster im folgenden Frühjahr weigert, seinen noch bis 2007 laufenden Vertrag vorzeitig zu verlängern, wird er nicht mehr aufgestellt, außerdem äußert sich Romanow in den Medien abfällig über den Verteidiger. Der kündigt darauf sein Arbeitsverhältnis und beruft sich auf den ominösen Artikel 17, wonach ein längerfristiger Kontrakt nach einer Schutzfrist von zwei oder drei Jahren auch einseitig aufgelöst werden darf. In der Folge geht es ums liebe Geld. Die Hearts fordern als Entschädigung den vermeintlichen Marktwert des Spielers, das Internationale Sportschiedsgericht CAS verurteilt Webster schließlich nur zur Zahlung von umgerechnet 200 000 Euro, der Höhe seines Gehalts im letzten Vertragsjahr.

Soweit die juristische Seite des Falles, wegen dem viele Funktionäre den Untergang des Fußballs, wenn nicht des Abendlandes befürchten. Wo käme man denn hin, wenn ein van der Vaart, ein Luca Toni, ein Lampard sich für einen Spottpreis aus ihren bisherigen Verträgen herauslösen ließen? Mittlerweile sieht es so aus, dass in diesem Fall nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Wie es scheint, hat die FIFA ihren Artikel 17 schlampig formuliert, und mit juristischer und sprachlicher Finesse lässt sich das Problem vielleicht aus der Welt schaffen. Doch lenkt der Fall die Aufmerksamkeit auf all die anderen Websters der Fußballhistorie, Menschen, die für einen kurzen oder auch etwas längeren Moment aus der Anonymität heraustreten, um am Rad der Geschichte zu drehen. Revolutionäre des Fußballs, ob sie wollen oder nicht.

Andy Webster, 25, der nun immerhin weiß, dass er nicht finanziell ruiniert ist, hat wieder genug mit dem Alltag zu tun. Dass er 2006 zu Wigan Athletic ging, hat sich für ihn nicht rentiert, er kam dort nicht zurecht. Mittlerweile ist er doch noch bei den Rangers gelandet, ausgeliehen bis zum Sommer, dann wird man weitersehen. Wegen einer Knieverletzung hat Webster fast die gesamte Vorrunde verpasst, jetzt kämpft er sich wieder heran. Er würde seinen 22 Länderspielen für Schottland gerne noch ein paar hinzufügen.


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