10.04.2012

Wie Adriano seine Karriere wegwarf

Ein Schatten seiner selbst

Vor der WM 2006 galt Adriano als das nächste große Ding im Weltfußball. Es folgte ein Absturz sondergleichen. Nun trennte sich Corinthians von Adriano, weil er eine Gewichtskontrolle verweigerte. Die Geschichte einer verkorksten Karriere.

Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Imago

Ein Schuss kann ein ganzes Fußballerleben verändern. Der Elfmeter im WM-Finale 1990 machte aus Andreas Brehme eine Gottheit. Die vergebenen Riesenchance von Frank Mill machte aus einem der besten Stürmer der achtziger und neunziger Jahre die Lachnummer des Fußballs. Und fragen Sie mal John Terry, wie oft er Fragen zu seinem versemmelten Elfmeter im Champions-League-Finale 2008 beantworten muss. Ein Schuss kann ein ganzes Leben verändern. Ein Schuss.



Im März 1992 explodiert eine Silvesterrakete am Himmel von Vila Cruzeiro, eines jener Elendsviertel von Rio de Janeiro. Sekunden später folgen zwei weitere. Jeder hier weiß, was jetzt zu tun ist, wenn einem das Leben etwas bedeutet: Laufen. So schnell es geht. Es ist das Signal, dass die Polizei mal wieder das Favela stürmt, um die berüchtigten Drogenbarone des ansässigen »Comando Vermelho« aufzuscheuchen. Helikopter kreisen über ihren Köpfen, Maschinengewehre werden durchgeladen, Sandsäcke werden als Feuerschutz herangeschleppt. 

Innerhalb von wenige Minuten werden aus Holzverschlägen Gefechtsstationen, schießen die Kugeln durch die aufgeheizte Luft Rios. Sie schlagen in Häuserwände ein, in brennende Ölfässer, in flüchtende Körper. Eine trifft Almir Ribeiro Leite in den Kopf. Er bricht zusammen. Wenige Meter entfernt steht sein kleiner Sohn und sieht, wie sein Vater leblos liegen bleibt. Der Kleine ist vor wenige Tagen zehn Jahre alt geworden. Später wird er sagen: »Dieser Augenblick hat mich dermaßen geprägt. Ich bin schlagartig erwachsen geworden.« Der Name des Jungen ist Adriano Ribeiro Leite, kurz Adriano. In ein paar Jahren wird er als der »Imperator« der Fußballwelt den Atem rauben. Aber dieser Moment wird ihn nie verlassen. Ein Schuss kann dein ganzes Leben verändern. Ein Schuss.

Vom gefeierten König zum belächelten Fettsack

Wie durch ein Wunder überlebt Adrianos Vater jenen Abend von Vila Cruzeiro. Doch ihm fehlt das Geld, um die Kugel operativ entfernen zu lassen. Sie bleibt einfach in seinem Schädel stecken. Doch wenigstens kann Papa Almir so miterleben, wie sein Sohn in die First Class der Fußballwelt schießt. Dabei steht Adriano bei der »Peneira«, jenem legendären Auswahlverfahren in der brasilianischen Jugend, bereits auf der Abschussliste. Sein erster Trainer Luiz Antonio Torres sagte einmal: »Ich konnte kein besonderes Talent an ihm feststellen. Er hat gut gespielt, aber keinesfalls besser als die anderen 14 Jungs.«Er wirkt schwerfällig, zu groß, wenig trickreich, er schwebt nicht wie andere Jungs, wie die großen Spieler Brasiliens. 

Doch Luiz Antonio bittet den Auswahltrainer um eine letzte Chance für Adriano. Seine Idee: Der 14-Jährige muss raus aus der Abwehr, hinein ins Sturmzentrum. Ein Volltreffer. Denn im Zentrum entwickelt Adriano ein Durchschlagskraft, wie man sie in Brasilien lange nicht gesehen hat. Im Jahr 2000 debütiert er im Alter von 18 Jahren bei den Profis von Flamengo. Er erzielt den ersten Treffer schon nach fünf Minuten, im weiteren Verlauf der Partie bereitet er noch drei Treffer vor. Die Rakete ist gezündet und fortan nicht mehr zu stoppen. Nur ein Jahr später wechselt er für knapp fünf Millionen Euro zu Inter Mailand. Sein Debüt nur einen Tag nach seiner Verpflichtung gegen Real Madrid wird zum Triumphmarsch, denn bereits nach wenigen Minuten erzielt er sein erstes Tor für den neuen Arbeitgeber. Die Sportpresse überschlägt sich mit Superlativen. Adriano, so viel ist klar, ist Inters Versprechen auf eine goldene Zukunft.


Adriano ist ein Nuklearsprengkörper in kurzen Hosen

Es ist das Märchen, das die Menschen so sehr lieben: Adriano, der Junge aus dem brasilianischen Ghetto, schießt sich an die großen Fleischtöpfe des Fußballs. Tausendfach gehört, tausendfach verehrt. Es wird eine Karriere wie im Schnellkochtopf. Ständig unter Druck. Immer kurz vor der Explosion. Denn Adriano ist anders als die Ronaldos, die Romarios und all die anderen, die Europa durch ihre Fußballkunst eroberten. Er ist ein Koloss, ein Naturereignis. 1,90 Meter groß, 90 Kilogramm pures Dynamit. Als Inter ihn 2002 erst nach Florenz und später zum AC Parma ausleiht, entwickelt er sich zu einem Nuklearsprengkörper in kurzen Hosen. Einer, ohne den alles nichts ist. Einer, der keine Mannschaft zu brauchen scheint, aber ohne den die Mannschaft nichts ist. Was niemand ahnt: Der rote Knopf sitzt im Kopf des Brasilianers. 

Als er in der Saison 2003/04 in den ersten neun Spielen für Parma acht Treffer erzielt, beordert in Inter-Boss Massimo Moratti im Januar 2004 zurück zu den Schwarzblauen. Adriano, so scheint es, ist bereit für die Besteigung des Fußballthrons. Im gleichen Jahr reist er mit einer B-Elf der brasilianischen Nationalmannschaft zur Copa America nach Peru. Zuhause spotten sie über das Riesenbaby im Sturm. 

Adriano ist für sie ein »Tombadour«, ein Stürmer – ein Schimpfwort in Brasilien. Doch spätestens als Adriano die Selecao im Finale gegen Argentinien mit einem Treffer in der Nachspielzeit ins Elfmeterschießen rettet und so erst den Titelgewinn möglich macht, schweigen die Spötter. Ein Schuss. Adriano wird mit sieben Toren Torschützenkönig und zum besten Spieler des Turniers gewählt. Sie nennen ihn den »Imperator«. Er ist ganz oben. 

Auch im Folgejahr ist Adriano die Attraktion des Weltfußballs. Immer wieder hämmert er aus den unmöglichsten Distanzen den Ball ins Tor, Sekunden später schwebt er federleicht über den Platz. Diese Kombination aus Kraft und Eleganz, niemand verkörpert sie in diesen Tagen dermaßen perfekt wie der Imperator von Inter. Beim Confed-Cup 2005 in Deutschland wird er wieder Torschützenkönig und zum besten Spieler des Turniers gewählt. Brasiliens Hoffnungen auf das sechste WM-Gold heißen Ronaldinho, Kaka, Ronaldo und Adriano. Er gehört zu den fantastischen Vier. Sie stehen für das »joga bonito«, das schöne Spiel. »Adriano hat die Kraft von Gigi Riva, die Beweglichkeit von Marco van Basten  und den Egoisumus von Romario«, sagt Inter-Trainer Roberto Mancini einmal. Er hätte auch sagen können: Adriano ist der perfekte Stümer. 

Alkohol, Drogen und Mafiabosse

Doch mitten in dieser Hochphase seiner Karriere erreicht ihn die Schreckensnachricht: Sein Vater ist gestorben. Er erlag auch den Spätfolgen seiner Schussverletzung von 1992. Ein Schuss. Es ist der Moment, in dem der rote Knopf in Adrianos Schädel gedrückt wird. Sein Leben gerät langsam aber sicher aus den Fugen. »Nach dem Tod meines Vaters habe ich Zuflucht im Alkohol gesucht«, sagte Adriano einmal. Er feiert die Nächte durch, wacht morgens irgendwo am Comer See auf und verpasst so teilweise tagelang Trainingseinheiten. 

Anfangs wird es im verziehen, auch als er Anweisungen seines Trainers ignoriert, 20 Kilo zunimmt und lautstark über das Karriereende nachdenkt, glaubt jeder in Mailand noch an die Eigenarten eines Superstars. Doch sie irren sich. Immer tiefer gerät Adriano in die schwarzen Strudel, sein Kopf macht nicht mehr mit, sein Körper hat aufgegeben. Gerüchte über Depressionen machen die Runde. Er hat längst seine Selbstkontrolle verloren. Schließlich leiht Inter Adriano auf Anraten von seines Beratet zum FC Sao Paulo aus. Seine Heimat und eine intensive psychologische Behandlung sollen Adriano wieder zurück in die Spur bringen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, denken viele. Aber im Grunde wissen alle: Sie ist längst tot.

José Mourinho hätte ihn fast gerettet

Er kehrt 2008 zurück zu Inter, unter José Mourinho scheint er sich ein wenig zu rehabilitieren. Mou hat Erfahrung mit sensiblen Weltklassekickern, er peppelte als Co-Trainer des FC Barcelona einst den schüchternen Ronaldo zum Megafußballer auf. Doch als Adriano einmal nicht mehr von einem Länderspiel aus Brasilien zurückkehren will, reißt auch dem Portugiesen der Geduldsfaden. Er veranlasst den Verkauf von Adriano. Damit wird der labile Ex-Imperator mal wieder sich selbst überlassen. In Brasilien blüht er wieder auf, wird mit Flamengo Meister und steht kurz vor einer Teilnahme bei der WM 2010. Doch im letzten Moment kickt ihn Nationalcoach Dunga aus dem Kader. Es wirkt wie der finale Punch für den labilen Adriano. Immer wieder kursieren seltsame Gerüchte über den einstigen Superstar. Schlägereien, Drogen, angeblich soll er einer jungen Frau in die Hand geschossen haben. Und dann dieses Bild von hochrangingen Drogenbossen von Vila Cruzeiro. Mittendrin: Adriano. Mit einer Maschinenpistole in der Hand. 

Schließlich lotst ihn der Altstar Ronaldo zu seinem Ex-Klub Corinthians. Hier soll Adriano zur Ruhe kommen. Die Fans liegen ihm vom ersten Tag zu Füßen. Verzeihen ihm die paar Kilos zu viel auf den Rippen und die Ausflüge ins Nachtleben. Was anfangs wie eine gute Idee daher kommt, endet im Fiasko.

»Ich bin Adriano und habe es nicht nötig, mich wiegen zu lassen« 

Am Montag hat Corinthians-Präsident Mario Gobbi den Vertrag mit Adriano aufgelöst. Nach einer langwierigen Verletzung an der Achillessehne war der Superstar lange ausgefallen, immer dicker geworden und öfter mit Mafiabossen als auf dem Trainingsplatz gesehen worden. »Ich bin Adriano und habe es nicht nötig, mich wiegen zu lassen«, soll er gesagt haben, als ihn sein Trainer vor einem Training auf die Waage gebeten haben soll.

Dieser Satz steht wohl für das Ende seiner Karriere. Adriano ist heute 30 Jahre alt, seine Geschichte bietet Stoff für ganze Bücher. Es ist die Geschichte eines Jungen aus dem Elendsviertel von Rio, der sich mit Kraft und Talent an die Weltspitze geschossen hat. Der alles hatte und nicht damit umgehen konnte. Es ist eine Geschichte, die mit einem Schuss begann. Aber ein Schuss kann ein ganzes Leben verändern. Ein Schuss. 

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
1
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden