What are you doing, Paul Gascoigne?

Gegen die Angst angesoffen

Nach einer Karriere wie aus dem Horror-Bilderbuch ist Paul Gascoigne längst ein Fall für den Psychiater. Matthias Paskowsky zeichnet seinen Weg noch einmal nach: von Gateshead in den Wahnsinn und zurück. What are you doing, Paul Gascoigne?
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Meine Erinnerungen an den Ausflug nach Gateshead sind nicht die besten. Einige Ereignisse jenes Freitagabends vor zehn Jahren drängen immer wieder aus dem Dunkel der Vergangenheit hervor. Da wäre das Go-Go-Girl mit dem Veilchen am linken Auge, das in einer Diskothek lustlos um die Stange rotierte. Frei von Hingabe performte sie ungelenk auf einem Teppichfetzen, dessen Muster sich unter einer Lache Erbrochenem nur undeutlich abzeichnete.

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In dem Lokal trafen wir auf einen stiernackigen Boliden, den mein Freund Steven mir als »alten Kumpel Terror« vorstellte. Meine dunkle Vorahnung bezüglich des Spitznamens sollte sich außerhalb des Etablissements bewahrheiten. Plötzlich standen wir zu dritt vor einem kaputten Wohnzimmerfenster, in das der kompakte Hobbytürsteher gerade ohne Vorwarnung einen Stein geschleudert hatte. Eine Alarmanlage heulte. Über dem Fenster blinkte eine Überwachungskamera, in deren Richtung Terror Unverständliches brüllte. Steven sah mich hilflos an. Wir begannen zu rennen. »Der Hausbesitzer hat mir letzte Woche meine Alte ausgespannt«, erklärte Terror, als wir ein paar Straßen weiter atemlos vor einem Pub stehenblieben. In dessen Vorgarten, ein paar Meter von uns entfernt, hockte eine junge Frau und sah uns mit stumpfen Augen an, während sie seelenruhig ihre Notdurft verrichtete. Dann stand sie auf, sortierte ihre Unterwäsche und stöckelte volltrunken vorbei.

Gazza ist zur Quelle seines Übels zurückgekehrt

Paul Gascoigne ist in Gateshead aufgewachsen. Und es ist eben jenes Nest im Nordosten Englands, in dem die Ursache seiner Probleme liegt. Das hat zumindest seine Ex-Frau immer zu ihm gesagt. Gazza ist nun zur Quelle seines Übels zurückgekehrt, zunächst in ein Hotel und dann – unfreiwillig – in ein psychiatrisches Spital. Es ist nicht bekannt, ob er auch dort zum Schlafen das Licht anlassen darf, ob er das Handy behalten durfte, damit er weiter Solitär spielen kann, oder ob ihn sein alter Busenfreund »Jimmy Five Bellies« schon besuchen gekommen ist. Klar scheint jedoch, dass er am Ende einer selbstzerstörerischen Irrfahrt durch die Abgründe aus Sucht, Exzess und allerlei zwanghaften Macken vor sich selbst gerettet werden muss.

Selbst wenn in der Psychiatrie das Frankreich-Spiel gezeigt wurde, wird Gazza es nicht gesehen haben. Er guckt nur ungern Fußball, hat er mal gesagt. Er dürfte damit das 100. Länderspiel des Mannes verpasst haben, für den er mal Bewunderung geäußert hat ob seiner perfekten Selbstvermarktung und Pressearbeit. Gazzas Interaktion mit den Medien gipfelte eher in Schlägereien mit Paparazzi und herzhaften Rülpsern vor der Kamera. Er hat in Interviews aber auch von seiner Angst vor dem Sterben gesprochen. Manchmal konnte er erfolgreich gegen sie anspielen, im England-Trikot, bei den Spurs oder den Rangers. Gegen seine Angst vor dem Leben hat er allerdings stets sieglos angesoffen.

Gazza war ein sehr viel kompletterer Spieler, als Beckham es je sein wird. Wo Becks sich seine Qualitäten hart erarbeiten musste, hat er mit der Best’schen Leichtigkeit des natürlich talentierten Genies gewuchert. Stimmt also der ewige Vorwurf, er habe alles weggeworfen? Vielleicht hat er aus dem, was Gateshead ihm mitgegeben hat, aber auch das Beste gemacht. Es ist nicht ohne Aussage über den Zustand des englischen Fußballs, dass der letzte große Künstler in einer Klapsmühle sitzt, während sich eine enttäuschende Nationalelf mit Jubiläums-Beckham, aber dafür ohne Spielwitz und Esprit von Frankreich abfrühstücken lässt.
Kürzlich habe ich seit langem wieder mit Steven telefoniert. Er geht neuerdings meist zu Spielen der U18. Weil da »mehr unverfälschter Hunger« ist, meint er. Über den Patienten aus Gateshead haben wir auch gesprochen. »Gazza fehlt mir sehr«, hat Steven gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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