Westfalia Herne und der ominöse Meisterring

Ein Ring, sie zu erinnern

1959 gelang Westfale Herne der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. 50 Jahre später tauchte eine Erinnerung an diesen Triumph in einem Pfandhaus auf. In unserem Spezial »Rivalen an der Ruhr« berichten wir davon. Jetzt ist der Ring gestohlen worden.

Tobias Bärmann
Heft: #
Spezial Nr. 5

Es klingt wie ein schlechter Scherz: In unserem Ruhrgebiets-Spezial berichteten wir über einen Meisterschaftsring von 1959, der nach Jahren wieder als Vereinseigentum von Westfalia Herne auftauchte. Jetzt wurde dieser Ring bei einem Einbruch ins Vereinsheim gestohlen. Lest hier den kompletten Text aus unserem Spezial!

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6. April 1959. Die Sensation ist perfekt. Westfalia Herne wird Westdeutscher Meister. Vor Köln, vor Düsseldorf, vor Dortmund, vor Schalke. Es ist die immerschöne Geschichte vom Underdog, der den Favoriten ein Schnippchen schlägt. Westfalia ist das neue »Wunderkind im Fußballwesten«, wie eine Zeitung treffend gratuliert.

Torwart Hans Tilkowski, Gerhard Clement, Horst Wandolek und all die anderen Helden bekommen in den Tagen nach dem entscheidenden 1:0-Heimsieg über Preußen Münster hohen Besuch. Ein Tross Funktionäre, Vertreter der Stadt und Sponsoren verteilen Geschenke. Jeder Fußballer erhält 1000 DM in bar, eine Coca-Cola-Tasche mit zwei Flaschen Limonade, einen Expander, einen Erinnerungsteller aus Steingut – und einen Ring. 585er Gold, versehen mit der Gravur »SCW 04 Westmeister 58/59«. Hans Tilkowski versucht sich das Präsent überzustreifen und muss schließlich passen: Seine von hunderten Kämpfen zerschundenen Torhüter-Finger eignen sich nicht mehr als Ringträger. Nach einem gemeinsamen Foto mit den brandneuen Expandern zerstreut sich die Runde. Westfalia versucht sich anschließend an der Endrunde der Deutschen Meisterschaft, scheitert jedoch in der Gruppenphase. Die Westfalenmeisterschaft bleibt der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Bis heute.

Dann taucht der Ring wieder auf...

Jahrzehnte lang liegen die Ringe in Schubladen und Schmuckkästen von 15 Fußballern und Trainer Fritz Langner. Stecken an Fingern, hängen an Ketten, werden vergessen, wohl gehütet oder vererbt. Ihre Besitzer werden alt, manche sterben. Der Klub, dessen Namen sie tragen, kämpft viele Jahre um die Teilname am Profifußball, geht 1979 durch die legendäre Goldin-Pleite beinahe vor die Hunde und dümpelt fortan in den Niederungen des deutschen Fußballs. 2009, 50 Jahre nach der Sensationsmeisterschaft, steht Westfalia Herne vor dem Abgrund. Der Verein macht pro Monat 25.000 Euro Schulden und lockt nur noch wenige hundert Treue ins Stadion am Schloss Strünkede. Die Insolvenz scheint unausweichlich. Dann taucht der Ring wieder auf.

Jürgen Roth ist Auktionator in der Versteigerungshalle Essen. Mit Fußball hat der Mann nicht viel am Hut. Aber er hat ein Auge für Details. Im Spätsommer 2009 fällt ihm ein frisch von einem Pfandhaus erstandenes Schmuckstück ins Auge. Es ist einer der Meisterschaftsringe von 1959. Der monetäre Wert des Rings ist gering, maximal 200 Euro. Wenn man das Teil einschmelzen lässt. Einschmelzen oder der Geschichte nachgehen? Roth hebt den Hörer ab und ruft bei Westfalia Herne an.

Dort meldet sich Peter Müller, Betreiber des Westfalia-Fanshops. Der misst dem Fund nicht allzuviel Bedeutung bei. Doch Tage später erwähnt er in einem Nebensatz den Anruf aus Essen. Sein Gesprächspartner ist Bernd Faust, eine Art Mädchen für alles, wenn es um PR und mediale Aufmerksamkeit beim SCW geht. »Bei mir gingen sofort die Alarmleuchten an«, erinnert sich Faust. Bei Faust schrillt schnell der Alarm, wenn es um seine Westfalia geht. Er hat eine Nase für Geschichten, die den Zeitungsleser bewegen und ins Stadion locken. Er ruft bei Jürgen Roth an.

Die Fans sammeln Geld zur Rettung

Wenig später bekommt der Auktionator Besuch. Faust hat den 1. Vorsitzenden Horst Haneke, Edelfan Andreas Wehnes und die »Bild«-Zeitung nach Essen geschickt. Roth überlässt der Westfalia den Ring zum Einkaufspreis.  Die rumreiche Vergangenheit hat den schlingernden Traditionsklub wieder eingeholt. Gerade noch rechtzeitig. Der Bericht trägt seinen Teil dazu bei, dass sich SCW-Sympathisanten aus dem ganzen Land an der Spendenaktion zur Rettung des Vereins beteiligen: Für 20 Euro erwerben die Unterstützer Lose, der Sieger darf für ein Jahr den Namen des Stadions bestimmen. Letztlich kommen mehr als 30.000 Euro zusammen, die Pleite wird vorerst abgewendet. Der Gewinner, ein Student und Fan von Preußen Münster, überlässt dem Klub sein Los, damit der es gewinnbringend an einen regionalen Sponsor weiterverkauft.

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