Werders Superlativ

Das urigste Shuttle

Wo die Weser einen großen Bogen macht, bringt ein gemütliches Flusstaxi die Fans ins Stadion. Der Kapitän raunzt, die Fans hüpfen und werden seekrank.
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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69
Hilde hat einen schrecklichen Fehler gemacht. Völlig ahnungslos ist sie morgens in ihr Kleinod aufgebrochen, hat die Hecke begradigt, den Kiesweg geharkt und etwas am Gemüse gezupft. Alles wieder in Ordnung. Nun steht sie da mit den geputzten Radieschen, die Plastikregenhaube schon sauber geknotet und bemerkt, was sie getan hat. Sie hat gegen die oberste Parzellenbesitzerregel verstoßen. Es ist Samstagnachmittag.

Unten am Anleger ist die Stimmung derweil prächtig. Die meisten sieht man hier sonst nie. Sie haben’s im Internet gelesen oder sonst irgendeinen Wink bekommen. Ein paar Dutzend sind es schon, und es kommen immer mehr dazu. Grölen. Lachen. Trinken. Sie stehen im Kies und warten auf Abholung ins Weserstadion. Sie wollen das Boot nehmen.

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Den urigsten Stadiontransfer der Liga, man findet ihn in Bremen. Während in München, Berlin und Hamburg die S-Bahnen rollen, wählt der Hanseat den Seeweg. Zum Stadion tuckert er gemütlich mit dem Kahn. Diese wohl einmalige Herzlichkeit ist ein Relikt aus der brückenlosen Zeit. Die Weser, sie eint die Bremer nicht nur, sondern teilt sie auch mitten in ihrem Stadtzentrum. Unweit des heutigen Stadions verkehrt daher eine Personenfähre, die mit jeder neuen Brücke überflüssiger schien, von guten Menschen aber stetig am Leben gehalten wurde. Und das verdammt lang: Seit 1736 fährt der Kutter zwischen Alt- und Neustadt hin und her, eine der ältesten Fährverbindungen Deutschlands. Aus der Nussschale ist längst ein bunter Kleindampfer geworden, trotzdem blieb vom alten Flair noch einiges übrig – informative Schautafeln etwa (»In Notzeiten mit Kartoffeln bezahlt«), der spröde Charme des Kapitäns (»Fahrräder hierhin, Mann!«) und nicht zuletzt des Flusstaxis Name: Hal Över Fähre. Denn »Hol über« war das Kommando der alten Seeleute. Im Alltag fährt das Schiffchen tatsächlich wie auf Zuruf. Tröpfchenweise versorgt es das schlau platzierte Strandcafé mit Radtouristen und bringt die Senioren in ihre Kleingartenoasen. Viel mehr passiert auf der anderen Seite nicht, es sei denn, der SV Werder spielt. Dann bilden heile und laute Welt eine Schnittmenge.



»Heute ist Fußball, Mäuschen!«, grunzt ein Zweizentnermann Hilde von der Seite an, als sie widerborstig im Pulk über die Rampe geht. Sie wirkt ein wenig fehl am Platz, wie sie zwischen den ganzen Sportskanonen auf der Holzbank kauert. Die Werder-Fans haben das Kommando übernommen. Kaum ist das Boot unterwegs, beginnen die Halbstarken das beliebte Hüpfspiel, das viel besser kommt als in der Straßenbahn, aber nicht bei allen Mitinsassen auf Gegenliebe stößt und nach einer Weile auch barsch unterbunden wird. Viele sind schließlich noch nüchtern. Einen ganz eigenen Humor hat der Bootsmann. Er dreht, wenn es ihm zu bunt wird, gern auf halber Strecke sechs bis acht Pirouetten, woraufhin manche Schnapsnase nach der Ankunft schnell in die Büsche muss. Alle anderen lieben den Kapitän dafür, so wie sie überhaupt diesen Flusstransport lieben, diese lokal-kulturelle Vorspeise zum aufregenden Hauptgericht im Stadion. Verhält sich der Mob einmal ruhig, entsteht sogar Raum für etwas Romantik. Bei Tag wie bei Flutlicht sind die Weserimpressionen malerisch, der Blick auf die Altstadt einnehmend und der modrige Flussgeruch atmosphärisch. Fast bedrohlich wirkt dagegen der hektische Fanstrom am Deich, den man genau wie die Stadionmasten von unterwegs schon deutlich erkennt und von dem man gleich unweigerlich aufgenommen werden wird. Zwei Minuten Menschsein, bevor man wieder zum Fan mutiert. Ein viel zu kurzes Vergnügen, denn von A bis nach B sind es gerade einmal 50 Meter.

Der putzige Fährbetrieb, er ist ein Gewinn für alle Beteiligten. Die Innenstadt wird erheblich entstopft, die Reederei bleibt auf Dauer rentabel, und der Verein Werder Bremen macht auch überregional eine blendende Figur. Der Andrang ist sogar so groß, dass zusätzlich noch ein Schwesternschiff fahren muss, denn mehr als 42 Personen passen pro Tour nicht an Bord. Auch den Gäste-Fans wird der versteckte Mini-Hafen inzwischen offiziell empfohlen, gratis den Wagen abstellen und billig ans andere Ufer kommen. Im Bremen nennen sie das »Park & Ship« Bei Spielschluss schließlich warten die Dampfer schon wieder, analog zu den Shuttlebussen am anderen Deichende.

Passagiere der Stadion-Fähre kommen immer gut an. Sowohl am Zielort Weserstadion, das vom Anleger nur noch ein paar hundert Meter entfernt ist, als auch bei den Gäste-Fans. Die freilich staunen nicht schlecht, wenn sie begreifen, dass der Bremer tatsächlich mit dem Schiff zum Spiel kommt. Dort, wo die Weser einen großen Bogen macht.

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