Werder Bremen ohne Klaus Allofs: Ein Ortsbesuch

Alles bleibt anders

Was ist Bremen ohne Klaus Allofs? Am Tag 1 nach dem Wechsel wetzte Moritz Herrmann zum Werder-Training, auf der Suche nach Tränen, Trotz und Durchhalteparolen. Er sah: nichts.

Privat

Erster Gedanke: Jetzt haben sie den Spielbetrieb eingestellt. Zweiter Gedanke: Ist das nicht übertrieben? 13 Jahre, ja, aber Lebbe geht doch weiter. Ein Mittwochnachmittag, östlich des Weserstadions, die Zeiger stehen auf 15:07 Uhr und der Atem wie staccato in der Luft. Norddeutsche Arschkälte. Werder Bremen soll hier trainieren. Nur wo? Jeder Blick auf den Übungsplatz ertrinkt in der dicken, milchigen Suppe. Man möchte Thomas Schaaf zutrauen, dass er dieses Wetter bestellt hat, eigens für heute, den Tag danach. Man möchte ihn gerne danach fragen. Aber man sieht ihn nicht. Der Cheftrainer schweigt sich aus, irgendwo in diesem Nebel. Allein.

Tag 1 nach dem Weggang von Klaus Allofs. Die Kollegen hatten die gleiche Idee. Wenn der ewige Manager, Baumeister der goldenen Epoche und Vorsitzender der Geschäftsleitung, verschwindet, muss was passieren. Sky ist da, Radio Bremen ist da, Sport 1 ist da, dazu gesellen sich diverse Lokalreporter. Sie alle wollen einen Kommentar von Thomas Schaaf, mindestens, darüber hinaus wahlweise geschockte, erzürnte, traurige, frustrierte Zaungäste. Den Kommentar kriegen sie, später. Die emotionalen Zaungäste nicht.

Werder Bremen am Tag 1 nach Klaus Allofs, das sind: Zwei Japaner, die ihr Reiseführer ans Stadion gelockt hat, ein Vater mit Kinderwagen, ein Teenager mit sehr viel Akne, zwei hundeausführende Endsechziger, ein Teenager ohne Akne, ein Jogger, komischerweise mit Sonnenbrille, vier Kicker aus der Jugend, die ihren Undercut streicheln und das Schuhmodell von Marko Arnautovic mit dem ihrigen abgleichen, und ein paar nervöse Kinder auf Autogrammjagd. Große Gefühle hat dieses Publikum nicht mitgebracht. Die Delegation der Presse ist in der Überzahl, allein das Sky-Team zählt elf Personen.

Immerhin, der Nebel schenkt den Wartenden schöne Metaphern. »Was passiert jetzt bei den Jungs?«, bellt der Senior, angestrengt über den Rasen spähend, seinen Rauhaardackel hat er mittlerweile in den Pkw gesperrt. »Wie geht es weiter?« Gute Frage. Wie geht es weiter, hier und heute, morgen und überhaupt: mit Werder? 13 Jahre Klaus Allofs, 2004 das Double, 2009 nochmal der DFB-Pokal und das Finale der Europa League, sechsfache Champions-League-Qualifikation. Was passiert jetzt?

Das Flutlicht zerstreut die Schwaden, neongelbe Leibchen pflügen wie Warnleuchten durch die Szene. Und, aha, da ist er! Thomas Schaaf steht in Thomas-Schaaf-Pose am Mittelkreis, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, eine Wurst von Daunenjacke tragend, gebeugt, stoisch, stumm. Uwe Timm nannte ihn mal einen Käpitän Ahab, umweht von maritimer Aura und mit Blick auf den unendlichen Ozean. Jetzt fehlt dem Ahab sein Starbuck, sein Steuermann. Über die Nachfolge wird wild spekuliert. Der alte Mann und das wer? Ein Hund bellt, Schaaf guckt, die Kameras zoomen drauf.

Als Beiersdorfer beim HSV gegangen wurde, war der Andrang groß. Als Michael Meier in Dortmund die Konsequenzen seiner ruinösen Personalpolitik tragen musste, eilten die Fans zum Training, um dem Neuanfang beizuwohnen. Helmut Schulte flog auf St. Pauli raus, am nächsten Tag stand die doppelte Fanmenge an der Kollaustraße. In Bremen verabschiedet sich Klaus Allofs nach 13 Jahren vom Managerposten, er wechselt zur sportlichen und lokalen Konkurrenz, und einer Emotion am nächsten kommt ein Autogrammjägerkind, das durch sein Kartenset blättert und dann piepsend feststellt: »Hier ist Allofs schon gar nicht mehr dabei.«

Der cowboyhuttragende Pensionär, der erst mit Hund aufschlug und später ohne, hat eine schlimme Ahnung: »Wenn der Schaaf auch nach Wolfsburg wechselt, brennt in Bremen der Tannenbaum.« Dann guckt er auf die Uhr, nochmal in den Nebel und sagt schließlich: »Hier passiert nichts mehr und man erfriert. Ab nach Hause.« Gute Idee.

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