Wer ist schlimmer als Guerrero? »Bad Boy« Konietzka und andere Rekordsünder

»Stoß vor die Brust, Wegschlagen der Trillerpfeife«

Für seinen Tritt gegen Stuttgarts Torwart Sven Ulreich ist Paolo Guerrero vom DFB für acht Spiele gesperrt worden – Platz sieben in der ewigen »Bestenliste« der Bundesligasünder. Rekordhalter ist und bleibt: Timo Konietzka, der Schütze des ersten Bundesliga-Tores. Wer ist schlimmer als Guerrero? »Bad Boy« Konietzka und andere Rekordsünder

Timo Konietzka ist nicht zu erreichen. Leider. Vielleicht ist er krank, erst neulich hatte er der Schweizer Zeitung »Blick« nach einer Herzattacke verraten, sich bei drohenden (und möglicherweise unerträglichen) Altersgebrechen vorzeitig und selbstständig aus dem Leben zu verabschieden. Die freundlichen Damen an der Rezeption seines Schweizer Hotels sagen nur: »Herr Konietzka ist momentan nicht zu sprechen.«

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Timo Konietzka ist schon lange kein Fußballer mehr. Aber wer nur ein bisschen Ahnung von der Historie der Bundesliga hat, der wird mit seinem Namen etwas anfangen können: Er war es, der 1963, am ersten Spieltag der frisch gegründeten Bundesliga, das erste Tor in der Geschichte dieser Spielklasse erzielte. Gerne hätte man heute allerdings über seinen anderen Rekord gesprochen. Denn Timo Konietzka, der Mann der eigentlich mit Vornamen Friedhelm hieß, sich aber irgendwann in »Timo« umbenannte, weil er dem sowjetischen General Semjon Konstantinowitsch Timoschenko so ähnlich sah, dieser Konietzka ist noch immer der größte »Bad Boy« der Bundesligageschichte.

Nicht Stig Töfting, nicht Axel Kruse. Sonder Friedhelm Konietzka

Kein Stig Töfting, kein Axel Kruse und schon gar nicht der soeben für acht Spiele gesperrte Paolo Guerrero vom HSV reichen an Timo Konietzka heran. Für eine angebliche Tätlichkeit an dem Mainzer Schiedsrichter Max Spinnler, beim Spiel seines Klubs TSV 1860 München gegen Borussia Dortmund am 8. Oktober 1966, wurde Konietzka des Feldes verwiesen. Anschließend sperrte ihn das Sportgericht für sechs Monate – 20 Spiele durfte der erste Torschütze der Bundesliga nur zuschauen. Angeblich? Bis heute ist Konietzkas Schuld nicht vollständig bewiesen.

Was war passiert? Beim Prestigeduell an diesem 8. Spieltag der Saison 1966/67 steht es nach 75 Minuten 1:0 für die Gastgeber aus München, Konietzkas Sturmpartner Rudi Brunnenmeier hat getroffen. Dass Konietzka, der Ex-Dortmunder, überhaupt auf dem Platz steht, ist eine Überraschung: »Löwen«-Trainer Max Merkel hatte vor dem Spiel seine Bedenken geäußert. Konietzka, so Merkel, könne möglicherweise zu übermotiviert sein. Bislang sind Merkels Befürchtungen unbegründet.

2:1 für Dortmund: Im »Grünwalder« ist jetzt die Hölle los

Die 75. Minute: Dortmunds Wolfgang Paul schießt den Ball ins Aus, Schiedsrichter Spinnler entscheidet trotzdem auf Einwurf für den BVB. Der Ball kommt zu Lothar Emmerich, nach einem hübschen Solo erzielt der Nationalspieler das 1:1. Wütende Münchener Zuschauer schmeißen mit Flaschen und Getränkedosen nach dem Unparteiischen.

Die 81. Minute: BVB-Mann Dieter »Hoppy« Kurrat schlägt eine Flanke in den Münchener Strafraum, Siggi Held stoppt den Ball. Mit der Hand. Und schießt den Ball dann ins Tor. Spinnlers Linienrichter Schwarz hebt die Fahne. »Handspiel, kein Tor«, bedeutet er seinem Chef. Spinnler jedoch ignoriert den Hinweis seines Assistenten und entscheidet auf Tor. 2:1 für den Gast aus Dortmund. Im »Stadion an der Grünwalder Straße« ist jetzt die Hölle los.

Wieder fliegen Flaschen, Dosen und was auch immer die Taschen der wütenden Zuschauer hergeben. Viereinhalb Minuten lang muss die Partie unterbrochen werden. Viereinhalb Minuten, in denen auf dem Rasen Dinge passieren, die später niemand mehr anständig zu sortieren weiß.

Konietzka soll den Schiri tätlich angegriffen haben – ein Skandal!

Timo Konietzka ist außer sich. Zwei Tore seines Ex-Klubs, so spät und so ungerecht! Schuld ist natürlich der Schiedsrichter. Es kommt zu einem kurzen Handgemenge. »Stoß vor die Brust, Tritt gegen das Schienbein, Wegschlagen der Trillerpfeife«. So schreibt es Schiedsrichter Spinnler später in seinen Bericht. Konietzka soll den Unparteiischen tätlich angegriffen haben. Ein Skandal! Und nicht nur das: Auch Konietzkas Teamkollege Manfred Wagner soll sich am Schiedsrichter vergangenen haben. Das »Sport-Magazin« berichtet: »Er hatte den Pfeifenmann nach dem Held-Tor am Arm gepackt und herumgerissen, um ihn auf den fähnchenschwenkenden Linienrichter aufmerksam zu machen.« Platzverweis für Konietzka, Platzverweis für Wagner! (Die Rote Karte war noch nicht erfunden.) Und als das Spiel schon beendet ist und Borussia Dortmund mit 2:1 gewonnen hat, brüllt 1860-Spieler Bernd Patzke dem Schiedsrichter ein wütendes »Schuster!« hinterher, 1966 offenbar eine Beleidigung. Auch das notiert Max Spinnler in seinem Spielbericht.

Elf Tage später, am 19. Oktober 1966, untersucht das DFB-Sportgericht den Fall Max Spinnler gegen 1860 München, gegen Friedhelm Konietzka, gegen Manfred Wagner, gegen Bernd Patzke. Für seine Beleidigung muss Nationalspieler Patzke 500 DM Strafe zahlen, Wagner wird »wegen Bedrohung des Schiedsrichters« für drei Monate gesperrt, 1860 München muss wegen der Flaschenwürfe ein Heimspiel auf fremden Platz austragen. Konietzka, der vor dem Gericht die Anschuldigungen vehement zurückweist, wird für sechs Monate und damit 20 Punktspiele gesperrt. So eine hohe Strafe hat es im deutschen Fußball noch nicht gegeben. Erst im »Bundesligaskandal« 1971 werden längere Sperren verhängt, aber dort geht es längst nicht mehr um Stöße, Tritte und das »Wegschlagen der Trillerpfeife«.

»Das eindeutige Handspiel von Held...«

Konietzka und 1860 München legen Berufung gegen das Urteil ein. Im »Sport-Magazin« stärkt Reporter Günter Wolfbauer dem hart bestraften Stürmer den Rücken: »Ich würde jederzeit auch vor einem ordentlichen Gericht beeiden, was Tausende beobachten konnten: das eindeutige Handspiel Helds vor dessen Tor zum 2:1.« Und damit den Auslöser des Skandals.

Im November tagt das DFB-Sportgericht erneut. Die Platzsperre gegen den TSV 1860 München wird aufgehoben. Einzige Bedingung: 1860 München muss 30.000 Handzettel mit dem Wortlaut des Urteils verteilen...

Das Urteil: Sechs Monate Sperre. 20 Bundesligaspiele.

Bei Friedhelm Konietzka bleibt das Gericht hart. Selbst der Einsatz von BVB-Profi Siggi Held, der sein Handspiel vor besagtem Tumult zugibt, hilft nicht. Konietzka bleibt gesperrt. Erst am 28. Spieltag, am 15. April 1967, darf der Angreifer wieder eingesetzt werden. Beim 3:0-Erfolg gegen Hannover 96 schießt er das zwischenzeitliche 2:0. Max Spinnler pfeift nie wieder ein Spiel von 1860 München.

Im August 1998 sehen sich Stürmer und Schiedsrichter wieder. Das ZDF-Sportstudio hat Konietzka und Spinnler im Zuge einer Jubiläumssendung zusammen gebracht. Einig sind sich beide Konkurrenten, trotz der engagierten Moderation von Michael Steinbrecher, noch immer nicht. Spinnler erzählt seine Version der Geschichte (»Kommt der Spieler Konietzka aus 25 Metern auf mich zu. Ich denk´, was will der denn?«), das Publikum bückt sich ab. Konietzka widerspricht, Spinnler nennt ihn einen Lügner. Zweimal. Bevor sich die beiden in Ehren ergrauten Männer an die Gurgel gehen, drückt Steinbrecher Konietzka fix eine Trillerpfeife in die Hand. Konietzka versteht, übergibt die Friedenspfeife und ruft: »Wir wollen heute Abend noch Brüderschaft trinken!« »Das ist doch ein Wort«, brüllt Steinbrecher.

Wann sehen sich Guerrero und Ulreich im ZDF-Sportstudio?

Wurde das Wort auch eingehalten? Gerne hätte man Friedhelm »Timo« Konietzka, den Rekordmann und »Bad Boy« der Bundesliga dazu befragt. Aber die Damen an der Rezeption seines Hotels bleiben beharrlich. Bleibt uns nur der Gedanke an Paolo Guerrero und Sven Ulreich. Werden die beiden später auch Hotels und Damen am Empfang haben? Werden sich beiden in 30 Jahren im ZDF-Sportstudio wieder sehen? Wird es dann noch Michael Steinbrecher geben? Die Friedenspfeife, die Brüderschaft? Schön wäre es.

Der geneigte Eurosport-Fan kannte solche Szenen nur aus seiner nächtlichen Leidenschaft für schummrige K1-Kämpfe im fernen Asien. Doch nun ist der asiatische Kampfsport auch in der Bundesliga angekommen. So fetzte HSV-Schönling Paolo Guerrero am vergangenen Samstag auf denkbar hässlichste Weise den Stuttgarter Torwart Sven Ulreich um – und sah dafür verdient die rote Karte. Das DFB-Sportgericht sperrte den Übeltäter nun für acht Spiele. Mit dieser mächtigen Auszeit reiht sich der Peruaner ein, in die Phalanx berühmter Bundesliga-Rüpel. Die längsten Sperren der Bundesliga-Geschichte:

Platz 1
Sechs Monate: Timo Konietzka


Platz 2
14 Wochen: Erwin Kremers


»Watt geht nur in dem sein Hundehirn vor«, fragte man sich anno 1974 rund um das Schalker Parkstadion. Gemeint war Erwin Kremers, der sich im letzten Saisonspiel noch mal eben den roten Karton abholte. Nachdem ein Foul an ihm fälschlicherweise gegen ihn ausgelegt wurde, platzte dem lebensfrohen Kremers der Kragen. Er knallte Schiri Max Klauser ein unfeines »blöde Sau« an den Kopf. Als dieser auch noch fragte, ob er sich da eventuell verhört habe, giftet Kremers zurück: »Also jetzt noch mal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau!« Diese Genialität wurde mit 14 Wochen Sperre belohnt. Die fiel zwar größtenteils in die Sommerpause, jedoch verlor Kremers durch die Sperre auch seinen sicheren Platz im WM-Kader. Aber was ist schon ein WM-Titel gegen eine ehrliche Meinung?

Platz 3
Zwölf Wochen: Manfred Wagner


Das nennt man Teamgeist: Im Zuge von Konietzka Rangelei mit Schiri Spinnler (s.o) legte sich auch Löwen-Schlachtross Manfred Wagner mächtig ins Zeug. Für seinen unsanften Griff an den Arm des Schiris wurde Wagner für drei Monate gesperrt. Ob er mit Konietzka zusammen einen VHS-Kurs »Konfliktbewältigung im Alltag« an der Oberschule München-Giesing belegte, ist nicht überliefert.

Platz 4
Zwölf Wochen: Norbert Meier


Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte:



Platz 5
Zehn Wochen: Uli Stein


Natürlich darf er in der Liste der Liga-Bad-Boys nicht fehlen: Uli Stein. Im Supercup-Finale 1987 verpasste Stein Bayern-Stürmer Jürgen Wegmann unmittelbar nach dessen 2:1-Siegtreffer einen rechten Haken, bei dem selbst George Foremann eingeknickt wäre. Stein erinnerte sich später an diesen Moment: »Obwohl ich es mir ein paar Mal im Fernsehen angeschaut habe, kann ich mir bis heute nicht erklären, warum ich das getan habe. Jedenfalls hatte ich keinen Hass auf Wegmann, und provoziert hat er mich auch nicht. Da hätte in dem Moment wahrscheinlich jeder sitzen können.« Wenig beruhigend. Immerhin hatte er in der Folge zehn Wochen Zeit, darüber nachzudenken.


Platz 6
Zehn Wochen: Axel Kruse


»Osmers, was pfeifen Sie für eine Scheiße?!« Das nachhaltige Interesses von Stuttgarts Axel Kruse an der Leistung von Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers wurde 1993 hart bestraft. Kurz zuvor hatte Lautern-Libero Miroslav Kadlec einen Kruse-Schuss im Strafraum per Hand gestoppt. Osmers verweigerte den Efmeterpfiff, Kruse motzte und rannte Osmers auch noch um. Die folgende Rote Karte kommentierte Kruse abschließend noch mit einem Stinkefinger. Ein rundum gelungener Auftritt also, der mit zehn Wochen Sperre belohnt wurde.

Platz 7
Acht Wochen: Paolo Guerreo


Man mag es für eine Ironie des Schicksals halten, was findige Statistiker zum Foul von Paolo Guerreo an Sven Ulreich herausfanden. Guerreros Vierzig-Meter-Spurt in Richtung gegnerisches Knie war nämlich mit knapp 31 Km/h der schnellste Sprint eines HSV-Spielers im gesamten Spiel. Das war dann aber auch das einzige, was sich zukünftige Fußballer an dieser Aktion abschauen sollten. Die Strafe: Guerreo muss acht Woche pausieren und kommt allenfalls zwei Spieltage vor Saisonende wieder zum Einsatz.

Platz 8
Acht Wochen: Michal Schulz-»Dusau«

Ebenfalls acht Wochen musste einst BVB-Raubein Michael Schulz für ein Verbalfoul der besonderen Art pausieren. Nach einer Niederlage gegen Kaiserslautern im Jahr 1989 raunzte er dem Linienrichter zärtlich zu: »Man sollte dir auf die Fresse hauen, du blinde Nuss!« Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen.

Platz 9
Sechs Wochen: Jermaine Jones


Wer war noch mal Jermaine Jones? Ach ja, der viel gescholtene Rüpel in Reihen des FC Schalke, der nach einem gezielten Tritt auf den lädierten Zeh von Gladbachs Überfohlen Marco Reus nachträglich gesperrt wurde. Für ganze sechs Wochen. Und das alles nur wegen ein paar Tattoos.

Platz 10
Fünf Wochen: Willi Reimann


Sein Schubser gegen den vierten Offiziellen Thorsten Schriever im Bundesligaspiel Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt in der Saison 2003/04 brachten Trainer Willi Reimann nicht nur fünf Spiele Sperre und eine saftige Geldstrafe ein, nein, der Trainerkauz verdiente sich in der Folge auch einen neuen Spitznamen. Weil er seine Sperre während der Ligaspiele von Eintracht Frankfurt stets aus einem Baucontainer, der zwecks Umbau des Waldstadions auf der Haupttribüne stand, absaß, rief man Reimann fortan nur noch »Container-Willi«.

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