21.08.2013

Wer ist PAOK Saloniki?

Im Schatten von Athen

Seite 2/3: Salonikis Geschichte
Text:
Kyriakos Xantinidis
Bild:
Imago

In Thessaloniki wird Schalke nun nicht nur auf den Jahrhunderttrainer Stevens treffen, sondern auch auf eines der traditionsreichsten und beliebtesten Fußballteams Griechenlands. Vor allem im Norden des Landes ist PAOK Thessaloniki unter den Fußballfans die unangefochtene Nummer Eins – eine Vorrangstellung, die der Klub seit Jahrzehnten auch unter den in Deutschland lebenden Griechen genießt.
 
Geschichtlich reicht die Verbindung mit der Diaspora aber noch viel weiter zurück. Gegründet wurde PAOK 1926 in der nordgriechischen Hafenmetropole Thessaloniki, und zwar von Griechen, die wenige Jahre zuvor im Zuge der Nachwehen des Ersten Weltkriegs und des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches aus Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) geflüchtet waren. Im Bewusstsein der Gründer verkörperte PAOK den Nachfolgeverein des im Istanbuler Stadtteils Pera beheimateten und 1875 ins Leben gerufenen Mutterklubs Hermes.

Zeichen dieser Vorgeschichte sind den Insignien des Vereins mehrfach eingeschrieben, allen voran das Kürzel PAOK, welches für »Panthessalonikischer Sportklub der Konstantinopler« steht. Ähnlich das Vereinswappen mit dem Doppeladler, das ein Zitat des byzantinischen Kulturerbes darstellt. In auffälliger Abweichung von der Emblemtradition zeigt es den Adler jedoch nicht angriffsbereit mit ausgespannten, sondern mit angelegten Schwingen, was Ausdruck der Trauer über Vertreibung und Verlust von Heimat ist. Letzteres symbolisiert auch eine der beiden Vereinsfarben (schwarz), der als Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs zu neuen Ufern mit der Farbe Weiße kombiniert ist.

Der Streit um den Star-Spieler

Zentral für die Identität dieses Klubs und seiner Anhänger ist dessen Aufbegehren gegen die seit Jahrzehnten andauernde Vorherrschaft der Athener Großklubs (Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen, AEK Athen). Die Wurzeln hierfür, vor allem für die Rivalität mit Olympiakos, datieren auf das Jahr 1966, als Piräus dem aufstrebenden Klub aus Thessaloniki dessen Jahrhunderttalent Giorgos Koudas streitig machen wollte. Zwar gelang es Piräus, sich die Unterschrift des jungen PAOK-Spielers zu sichern, der fortan bei dem Rivalen aus dem Süden trainierte und in einigen Testspielen reüssierte, doch es blieb lediglich bei einem Intermezzo.
 
Allen Angeboten zum Trotz verweigerte nämlich der nordgriechische Verein jegliches Gespräch mit Piräus und somit auch Koudas' Freigabe. Mit der historischen Aussage: »Koudas bleibt in Thessaloniki« hatte man seinerzeit charakterliche Standfestigkeit auch gegenüber den sich einmischenden Sportminister der Obristen zu beweisen, die sich 1967 an die Macht geputscht hatten.  Ihrem Vertreter soll der damalige Klub-Präsident Giorgos Pantelakis gesagt haben: »Ich mag vielleicht in Gyaros (Verbannungs- und Gefängnisinsel, d. Red.) landen, aber Koudas wird nicht bei Olympiakos spielen.«
 
Zwei ganze Jahre blieb Koudas offiziellen Spielen fern, bis er nicht ohne Reue zu PAOK Thessaloniki zurückkehrte. Vor dem Hintergrund eines in vollem Gange ausgetragenen Kulturkampfes zwischen Athen und Thessaloniki sollte PAOK fortan den griechischen Ligabetrieb mächtig aufmischen. Meisterschaften und Pokale – bis dahin eine Angelegenheit, die fast ausnahmslos unter Athener Mannschaften ausgehandelt wurde – fanden in PAOK Thessaloniki einen neuen Mitanwärter, der es zudem verstand, einen mitreißenden Fußball zu spielen. Legendär ist die über 20 Jahre anhaltende Heimserie gegen Dauermeister Olympiakos, die mit der Rückkehr des verlorenen Sohns Koudas ihren Anfang nahm und Piräus eine Schmach bedeutete, an der nicht nur PAOK-Fans ihre Freude hatten.

Mafiöse Verbandsstrukturen?
 
PAOK Thessaloniki stellt den einzigen Verein im griechischen Fußball der letzten Jahrzehnte, dem es gelungen ist, dem Athener Fußball-Oligopol die Stirn zu bieten. Dass sich die Trophäen-Sammlung des Klubs aus Thessaloniki (zwei Meisterschaften 1976 und 1985 und vier Pokalsiege 1972, 1974, 2001 und 2003) im Vergleich zu den Rivalen aus Athen so bescheiden ausnimmt, ist nicht allein sportlichen Gründen geschuldet. So sehen es jedenfalls die Vereinsverantwortlichen in Thessaloniki. So kritisieren sie den griechischen Fußballverbands etwa dafür, in schöner Regelmäßigkeit Pokal-Endspiele in Athen austragen zu lassen, was Athenern Finalteilnehmern ein willkommener Service ist. Weitere Sitten, angesichts derer die Zuschauerränge der heimischen Stadien regelrecht veröden, sind dem Grundtenor griechischer Medien und Fußballanhänger nach nicht anders denn als korrupt, zuweilen sogar als mafiös zu bezeichnen.
 
Als jüngstes Beispiel für das Empfinden, eines Titels beraubt worden zu sein, verweisen neben den Fans von PAOK auch die Verantwortlichen des Vereins auf das Spieljahr 2009/10. Trainiert vom aktuellen Nationalcoach Griechenlands, dem Portugiesen Fernando Santos, und unter der Präsidentschaft des EURO-2004-Kapitäns Theodoros Zagorakis, spielte PAOK noch solange um die Meisterschaft mit, bis in einem entscheidenden Ligaspiel gegen Ende der Saison das Unheil seinen Lauf nahm. Ausgerechnet in einem Auswärts-Derby gegen den verhassten Stadtrivalen Aris zerschellten die Meisterschaftsträume, dass unter Fans und Klubverantwortlichen sofort das Wort Betrug die Runde machte. Der Schiedsrichter soll die Mannschaft damals verpfiffen haben, denn der lachende Dritte war in diesem Fall Panathinaikos Athen, das zu seinem 26. Meistertitel kam.

Der Hexenkessel Toumba
 
Als PAOK Thessaloniki in den siebziger Jahren den hauptstadtzentrierten griechischen Fußball herauszufordern begann, so geschah dies nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch auf den Rängen des vereinseigenen Toumba-Stadions in Thessaloniki, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil. In diesem knapp 29.000 Zuschauer fassenden Stadion werden Schlachtrufe mit besonderer Schärfe angestimmt. Zeugen hierfür lassen sich zuhauf anführen, vor allem unter den Spielern und Trainern der im Toumba-Stadion auflaufenden Gastmannschaften.
 
Einer von ihnen ragt jedoch besonders heraus, handelt es sich doch bei diesem Gewährsmann um keinen geringeren als Diego Armando Maradona, der im Herbst 1988 mit dem SSC Neapel im Rahmen eines Uefa-Cup-Rückspiels gegen PAOK antrat. Auf die Frage eines italienischen Reporters direkt nach Abpfiff der Partie (1:1), wie oft er in seiner Karriere eine solche Atmosphäre erlebt habe, erwiderte der damalige Weltstar, ein schwarzweißes PAOK-Trikot lässig über die Schulter geworfen, so etwas bisher nirgendwo anders gesehen zu haben. Seine Mannschaft habe überhaupt keinen Rhythmus finden können – trotz des Weiterkommens Neapels (nach 1:0 im Hinspiel).

Ein Klub mit selbstzerstörerischem Gebaren

Toumba – ausgesprochen bezeichnet dieses Wort nicht nur die Arena, in der PAOK Thessaloniki seine Gegner empfängt. Archäologen wissen auch um den gleichlautenden Begriff Tumba: freistehendes steinernes oder metallenes Grabmal, das einem Sarkophag ähnelt. Das passt gut zu einem Stadion, das in der Hoffnung der Fans zu einer Stätte wird, in der die Hoffnungen der gegnerischen Mannschaft begraben werden.

Aber es sind auch die eigenen Hoffnungen, die hier immer wieder zu Grabe getragen werden. Denn PAOK ist ein Klub, dem selbstzerstörerisches Gebaren alles andere als fremd ist. Sperren hat PAOK auch andere Male hinnehmen müssen, sowohl von der Uefa als auch vom griechischen Fußballverbands. So wird PAOK, zumindest im Rückspiel gegen Schalke auf heimischem Boden, auch vor leeren Rängen spielen – Folge einer im letzten Jahr von der Uefa verhängten Sperre nach Fan-Ausschreitungen im Toumba-Stadion. Dazu kam es, als im Sommer 2012 vor Beginn des Europa-League-Hinspiels gegen Rapid Wien aus den Rängen der österreichischen Gäste Leuchtraketen in jegliche Richtung abgefeuert wurden und PAOK-Anhänger über die Absperrgitter auf das Spielfeld sprangen, um zur Überraschung sowohl der Österreicher als auch der tatenlos zuschauenden griechischen Polizisten die Unterbindung dieses Wahnsinns selber in die Hand zu nehmen.

Was sich in und außerhalb dieses Stadions an Affekt entlädt, kann auch die eigenen Spieler und die eigenen Klubverantwortlichen treffen, in spontan einberufenen Volksgerichten, deren Konjunktur unergründlichen Gesetzmäßigkeiten folgt. PAOK ist definitiv ein in jeglicher Hinsicht »heißer« Klub. Und dies umso mehr, als für den unverwechselbaren Toumba-Sound neben größter Leidenschaft und Stimmkraft zuweilen auch ein rotziger Ton charakteristisch ist. Für den PAOK-Fan spiegelt sich hierin das Selbstverständnis wider, sich weder bändigen noch unterkriegen zu lassen. Bevorzugter Adressat dieser selbstbewussten Message ist in der Regel das Athener Fan-Publikum; auch als Antwort auf dessen herablassend-polemische Rhetorik, derzufolge der Norden Griechenlands nur von Türken und Bulgaren bewohnt ist.

 
 
 
 
 
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