30.08.2013

Wer ist Europas Fußballer des Jahres 2013?

Die Visage des Killers

Seite 3/4: Ein Königlicher?
Text:
Bild:
Imago

Als er 2007 zum FC Bayern kommt, findet er in Ottmar Hitzfeld einen Trainer, der Fernandez nicht unähnlich ist, und der seinen 25-Millionen-Euro-Einkauf mit großer Fürsorge empfängt. Ribéry tut sich schwer mit Befehlen. Seine Pflichtbereitschaft entwickelt sich eher durch das Gefühl, wahrgenommen, anerkannt und gemocht zu werden. Hitzfeld redet so oft es geht mit ihm. Das Ergebnis spiegelt sich auf dem Rasen wider, wo das traditionell eher von Ergebnisorientierung geprägte Spiel der Bayern plötzlich ungeahnte Rasanz erfährt.

Das WM-Jahr 2010 soll seine Karriere krönen. Der Transfer zu Real Madrid scheint nur noch Formsache zu sein. In der Nationalelf ist er eine feste Größe, auch wenn er die exklusiven Vorstellungen, die er im Verein abliefert, im Trikot der Blauen oft schuldig bleibt. Mit rund elf Millionen Euro Jahresgehalt ist er der bestverdienende französische Sportler. Doch dann geht wieder alles schief: Als im April die Affäre mit einer 17-jährigen Prostituierten bekannt wird, lässt Real ihn wie eine heiße Kartoffel fallen. Aus dem Champagner-Fußballer wird auch in Deutschland über Nacht »der verlogene Sohn« (»Spiegel«). Eine Haftstrafe droht. Dazu die Umstände: Er, der verheiratete Familienvater, der für seine algerischstämmige Frau zum Islam konvertiert ist und den Namen Bilal Yusuf Mohammed angenommen hat, der als einziger Bayern-Spieler auf dem Promobild des Weißbier-Sponsors dem Fotografen nicht mit einem Bierglas zuprostet, hat Sex mit einer Minderjährigen gehabt. Seine Existenz steht plötzlich auf der Kippe. Und mit ihr der Respekt, auf den er so lange hat verzichten müssen. Als er bei der WM in Südafrika auch noch als einer der Rädelsführer bei der Meuterei gegen Nationalcoach Raymond Domenech identifiziert wird, wird er in der Heimat vorübergehend zur Persona non grata. In Boulogne sorgt der Bürgermeister dafür, dass ein überdimensionales Sponsorenplakat mit Ribérys Konterfei verschwindet.

» Isch ’abe gemacht fünf Jahre mehr.«

Der FC Bayern erkennt den schicksalhaften Augenblick, besinnt sich auf seine Urtugenden und baut einen Schutzwall um seinen Star. Mannschaftskapitän Mark van Bommel steht am Abend nach Bekanntwerden der Prostituiertenaffäre vor der Haustür der Ribérys und tritt im Ehekonflikt als Vermittler auf. Uli Hoeneß lädt den geschundenen Sch’ti zu sich an den Tegernsee ein und schmeißt ihn zu mit all seiner Fürsorge. Die Ereignisse öffnen Ribéry die Augen. Als die Mannschaft am Marienplatz das Double 2010 feiert, spricht er die Worte, die für Bayern-Fans bald den Stellenwert einnehmen, den Kennedys Rede einst für West-Berlin besaß: »Isch ’abe gemacht fünf Jahre mehr.«

Er wird seine Karriere beim FC Bayern beenden. Wenn der kürzlich erneut verlängerte Kontrakt ausläuft, ist er 34. Sein Deutsch wird stetig besser, was auch positive Effekte auf seine Muttersprache haben soll, wie man aus der Heimat hört. Ribéry ist kein Legionär mehr, er ist nun integraler Bestandteil der Bayern-Familie. Neben dem bajuwarischen Kumpeltyp Thomas Müller und dem rechtschaffenen Klassensprecher Philipp Lahm ist er die Symbolfigur des modernen, weltläufigen FC Bayern. Galt lange nur der Geschäftssinn von Uli Hoeneß als Inbegriff für bayrische Schlitzohrigkeit, verleiht neuerdings der anarchische Nordfranzose diesem Leitbild auch eine spielerische Komponente. Früher prägten Leitwölfe wie Stefan Effenberg oder Oliver Kahn mit Ellbogen und Gebrüll das Auftreten des Klubs, nun sind es das unerschöpfliche Fintenrepertoire und der renitente Individualismus des Franck Ribéry. Keinem Bundesligisten ist es in sechs Spielzeiten gelungen, den Ribéry-Code, diese Kombi aus hohem Tempo, belastbarer Physis und unorthodoxen Bewegungen, vollends zu entschlüsseln.

Ratschläge

Und Ribéry ist neuerdings auch bereit, Ratschläge anzunehmen. Als ihn Pep Guardiola zum Trainingsauftakt fragte, ob er sich vorstellen könne, statt über Linksaußen auch auf der Zehnerposition zu spielen, antwortete er, man könne ihn offensiv flexibel einsetzen. Als Louis van Gaal 2009 nach München kam, sah das anders aus. »Louis wollte ihn als Nummer 10 und ihn mit allen Freiheiten ausstatten«, erinnert sich Van Gaals Co-Trainer Andries Jonker, »aber das Angebot lehnte Franck ab, er wollte weiter auf Links spielen. Also sagte Louis: ›Dann musst du auch nach hinten arbeiten.«

 
 
 
 
 
1234
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden