30.08.2013

Wer ist Europas Fußballer des Jahres 2013?

Die Visage des Killers

Seite 2/4: Vom Tellerwäscher zum Millionär
Text:
Bild:
Imago

Deutsche Medien zeichnen seit jeher ein eher versöhnliches Bild von Ribéry. Sie rühmen ihn für sein Alleinstellungsmerkmal, Gegner aus dem Stand heraus ausspielen zu können und wie ein hungriger Greifvogel Löcher in die gegnerischen Abwehrreihen zu reißen. Ansonsten zimmert die Presse beharrlich am Image des Spaßvogels. Die Wasserbomben vom Dach des Trainingszentrums auf den frischgeföhnten Oliver Kahn. Die Zahnpasta auf der Türklinke. Ribéry am Steuer des Mannschaftsbusses, der plötzlich auf den Hotelpool zurollt. Wahlweise zerschnittene oder zusammengeknotete Schnürsenkel. Die zugeklebten Hoteltüren. Zuletzt das millionenfach geklickte Youtube-Video, wie er affenartig über den Trainingsplatz tigert und dem Co-Trainer das Bein stellt. Kein Boulevardblatt erscheint ohne den täglichen Ribéry-Slapstick. Und so manifestierte sich das Zerrbild des schlichten Lausbubengemüts. Das Image des Kindskopfs. Dass
Ribéry durch sein Vorleben auch mit einer sensiblen Cleverness ausgestattet ist, die man nur auf Straße lernen kann, wird oft unterschlagen.

In seiner Heimat Frankreich ist die Sicht auf ihn kritischer und oft von einer gewissen Abschätzigkeit geprägt. Als Nordfranzose spricht er einen breiten Dialekt, der den Puristen im zentralistischen Land suspekt ist. Seine marginalen Grammatik-Fehler finden viele Franzosen peinlich. In der Comedy-Show »Les Guignols de l’info« auf Canal + ist die Ribéry-Puppe wegen ihrer Syntaxmängel ein großer Lacher. Die Kinokomödie »Willkommen bei den Sch’tis«, die sich über die Eigenheiten von Nordfranzosen lustig macht, soll nicht zuletzt wegen ihm zum Leinwandthema geworden sein.

Die Erwartungshaltung als Fluch

Außerdem nehmen ihm manche Landsleute übel, dass er das Vakuum, das sich nach Zidanes Rücktritt in der Nationalelf auftat, nicht mit entsprechender Würde zu füllen vermag. Für Ribéry, der von der Lichtgestalt als »Juwel« des französischen Fußballs geadelt worden war, wurde die Erwartungshaltung zum Fluch. Im Licht, ohne den langen Schatten der Ikone, wirkten seine Leistungen nach 2006 im Dress der Equipe Tricolore plötzlich weniger schillernd. Dass er dabei einer Spielergeneration voransteht, die größtenteils nicht über die Begabung der Weltmeister von 1998 verfügt, wird bei der Bewertung gern vergessen. Zumal ihm auch seine Sozialisation keine Rolle als heldenhafter Anführer zugedacht hat.

Denn Ribérys Story ist ein klassischer Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Stoff. Ein tragisches Epos mit einem schwülstigen Happy End in der Gegenwart. Er stammt aus Chemin Vert, dem Armutsviertel in Boulogne, einer Hafenstadt am Ärmelkanal. Er wächst mit drei Geschwistern Tür an Tür mit der Essensausgabe für Bedürftige auf. Mit zwei Jahren zerschneidet ihm das Fensterglas des elterlichen Autos nach einem Verkehrsunfall das Gesicht. Der Junge aus dem Scherbenviertel mit der Narbe, die ihn bald wie den Killer aus einem Lino-Ventura-Krimi aussehen lässt, ist ein Außenseiter. Als Teenager fällt er ständig durch Disziplinlosigkeiten auf. Mit 16 fliegt er von der Fußballakademie in Lille, weil er einem Mädchen, das ihn hänselt, den Arm bricht. Von seinem Jugendtrainer José Pereira ist der Satz überliefert: »Franck war wie ein Milchtopf. Ständig musste man ein Auge auf ihn haben, weil er kurz vorm Überkochen war.« Als er mit zwanzig noch immer nicht vom Fußball leben kann, hilft er seinem Vater Francois, dem Straßenbauer, einige Zeit mit der Spitzhacke auf dem Bau. Die Schattenseiten des Instinktfußballers mit dem vermeintlichen Dauerschalk im Nacken.

Väterlich Autorität

Erst Jean Fernandez, der Trainer, der ihn 2004 beim FC Metz unter seine Fittiche nimmt, befreit ihn aus dem Jammertal. Der Übungsleiter besitzt genau die Art von väterlicher Autorität, die ihm noch öfter in seiner Karriere zu Höchstleistungen verhelfen soll. Fernandez – der schon der Karriere von Zidane einen wichtigen Kick gab – erkennt, dass auch Ribéry von der Natur mit dem spielentscheidenden Talent ausgestattet wurde, das sich nicht trainieren lässt. Er kanalisiert Ribérys Wut auf die Welt in Explosivität und Spielfreude auf dem Platz. Metz wird für ihn zur Abschussrampe Richtung Fußballhimmel. Plötzlich geht alles ganz schnell: Galatasaray, Olympique Marseille, Nationalmannschaft. Vizeweltmeister!

 
 
 
 
 
1234
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden