Wer ist eigentlich Ryan Giggs?

Der Zeitreisende

Er spielt schon so lange Fußball, dass es an der Zeit ist, mal eine Frage zu stellen: Wer ist eigentlich dieser Ryan Giggs, der heute seinen 40. Geburtstag feiert? In Ausgabe #139 hat unser Autor Uli Hesse nach Antworten gesucht.

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139

Ryan Giggs hat im März sein eintausendstes Spiel als Profi bestritten. Das wissen inzwischen auch Menschen, die sich nur am Rande mit dem internationalen Fußball beschäftigen. Doch wer dieser Ryan Giggs überhaupt ist, das weiß kaum jemand. Vielleicht weiß es der 87-jährige Mann mit dem bauschigen weißen Backenbart, der Giggs seit fast einem Vierteljahrhundert berät. Aber einige Ereignisse der letzten beiden Jahre lassen vermuten, dass nicht einmal er es weiß.

Ryan Giggs ist nämlich vieles – und fast immer auch das Gegenteil. Er ist zum Beispiel von Geburt (und aus Überzeugung) Waliser. Zugleich aber ist er ein echter Mancunian, also ein Junge aus dem Großraum Manchester, und dermaßen stolz darauf, dass er heute noch unweit der Gegend lebt, in der er aufgewachsen ist. Einerseits erwarb er sich im Verlauf von mehr als zwei Jahrzehnten im skandalsüchtigen Medienumfeld der englischen Liga den Ruf eines so untadeligen Ehrenmannes, dass der »Guardian« fragte: »Ist er der letzte gute Kerl der Premier League?« Andererseits stürzte er ein paar Monate später in so tiefe Fettnäpfchen, dass sein Berater – der alte Mann mit dem Backenbart – angeblich betrübt sagte: »Das war’s dann wohl mit dem Adelstitel.«

Wenn Ryan Giggs in den Spiegel schaut, dann sieht er einen Schwarzen

Ryan Giggs, das wissen alle Fußballfans, ist ein flinker, dribbelnder Außenstürmer der ganz alten Schule. Sein Trainer aber sieht einen Spielmacher in ihm. Und wo wir schon vom Spiel reden: Giggs, seit jeher ein schmales Hemd, hat Fußballgeschichte geschrieben, aber eigentlich hatte das Schicksal für ihn jenen Sport vorgesehen, den jeder aufrechte Waliser dem Mädchenspiel Fußball vorzieht – Rugby. Reicht das für den Anfang an verwirrenden Gegensätzen? Nein? Gut, dann kommt hier der vielleicht bezeichnendste: Alle Welt hält Ryan Giggs für weiß, doch wenn er selbst in den Spiegel schaut, dann sieht er einen Schwarzen. Also: Wer zum Henker ist Ryan Giggs?
 
»In gewisser Weise ist Ryan Giggs ein Rätsel«, sagt der englische Journalist John Brewin, seit frühester Kindheit ein Fan von Manchester United. »Für jemanden, der schon so lange dabei ist und solche Erfolge gefeiert hat, wissen wir eigentlich wenig über ihn. Als er damals Profi bei United wurde, hat man ihn regelrecht von den Medien abgeschirmt. Lange durfte er kein einziges Interview geben, und als es dann soweit war, stand Alex Ferguson daneben und passte auf. Und irgendwie ist es dabei geblieben. Giggs hält seit mehr als zwanzig Jahren die Öffentlichkeit auf Distanz.«

»Er wählt sehr sorgfältig aus, was er tut und mit wem er worüber spricht«, sagt auch Andy Mitten, der eine fast zweistellige Anzahl von Büchern über Manchester United geschrieben hat. Mitten gibt zudem seit sage und schreibe 1989 das Fanzine »United We Stand« heraus. Man kann also durchaus sagen, dass er und der drei Wochen jüngere Giggs zusammen groß geworden sind – bei und mit United. »Giggs konnte in Ruhe in ein Leben als Star reinwachsen«, sagt Mitten, »eben weil er damals von Alex Ferguson so in Watte gepackt wurde.«

Ferguson sagte: »Du kriegst höchstens ein Fahrrad!«

Damals, das war 1991, als Giggs im Alter von 17 Jahren seine ersten Spiele für United bestritt. (Was ihn zu einer Art Relikt macht – dem einzigen noch aktiven Spieler in England, der schon in der obersten Liga spielte, als sie noch den schnarchigen Namen »First Division« trug.) Selbst in dieser frühen Phase seiner Karriere war er offenbar nie ernstlich in Gefahr, eines dieser schnöseligen Wunderkinder zu werden, denen der Ruhm zu Kopf steigt. Ansätze wurden schon im Keim erstickt. So erzählte ihm im Verlaufe des Jahres 1991 ein Mitspieler von einer Klubtradition: Nach 25 Einsätzen in der ersten Mannschaft bekam man vom Verein einen Wagen gestellt. Hocherfreut ging der Autonarr Giggs, gerade erst volljährig geworden, im Winter zu seinem Trainer Alex Ferguson, wies darauf hin, dass er schon mehr als zwanzig Mal für United gespielt hatte, und fragte, wie das mit dem Auto nun abliefe. Als sich Fergusons Gesicht dunkelrot färbte, ahnte Giggs schon, dass man ihn reingelegt hatte. Als er die herausgepressten Worte »Du kriegst höchstens ein Fahrrad!« hörte, wusste er es.



Im Grunde war Giggs damals, als Teenager mit verträumtem Blick, so wie heute. »Er hat sich eigentlich nicht verändert,« sagt Brewin. »Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass wir ihn erst zu sehen bekamen, als er schon ein fertiger Spieler war. Heutzutage, durchs Internet, wissen sogar Fans in Asien über jedes 12-jährige Talent Bescheid. Aber damals war das anders. Man wusste wenig über Giggs, bis er in der ersten Mannschaft spielte.«

Aber auch die, die Giggs selbst zu diesem frühen Zeitpunkt schon länger kannten, stellen nur geringfügige Veränderungen fest. »Jedes Mal, wenn ich ihn spielen sehe«, sagt Eric Mollander, »erinnert er mich an das erste Mal. Ryan war damals eine jüngere und kleinere Version von dem, der er heute ist. Abseits des Platzes war er sehr, sehr still, aber auf dem Feld zeigte er uns diesen fantastischen linken Fuß.« Mollander sah Giggs zum ersten Mal, als der Junge zehn Jahre alt war und für eine Jugendmannschaft in Salford spielte, einem Vorort von Manchester.

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Zu jener Zeit arbeitete Mollander im Nebenruf als Scout – für Manchester City. Der Trainer von Giggs’ Jugendmannschaft, ein Milchmann namens Dennis Schofield, hatte ebenfalls Kontakte zu City. Und so scharwenzelte der blaue Verein der Stadt die nächsten vier Jahre um den kleinen Ryan und seine Familie herum. Damals durften englische Profivereine nämlich keine Spieler an sich binden, die jünger waren als 14. So warteten die Leute von City geduldig bis zum 29. November 1987, Ryans 14. Geburtstag, um dem Talent einen Vorvertrag anzubieten. Sie kamen zu spät. Am Morgen des Tages hatte ein Mann an die Haustür von Ryans Eltern geklopft, der erst im Herbst zuvor aus Schottland nach Manchester gekommen war, um einen neuen Job anzutreten. Sein Name war Alexander Chapman Ferguson.

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