29.11.2013

Wer ist eigentlich Ryan Giggs?

Der Zeitreisende

Seite 2/3: Giggs und das Erbe des Vaters
Text:
Uli Hesse
Bild:
Imago

Giggs’ Name an jenem Tag war übrigens nicht Giggs. Zu jener Zeit kannte man ihn noch als Ryan Wilson, nach seinem leiblichen Vater, einem Rugbyprofi. Dieser Mann war kein besonders angenehmer Zeitgenosse und zum Glück übernahm Ryan kaum eine seiner zahlreichen problematischen Eigenschaften. (Dazu später mehr.) Was er von seinem Vater erbte, das war die Liebe zum Sport – neben Fußball spielte Giggs auch lange, mit großer Begeisterung und ziemlich erfolgreich Rugby – und die Hautfarbe.

Die meisten Leute sind überrascht, wenn sie hören, dass Giggs sich zu einem nicht unerheblichen Teil als Farbiger versteht. Doch die Wurzeln der Familie seines Vaters Danny Wilson liegen in Westafrika. Aus diesem Grund – und wegen seines eigenen dunklen Teints – wurde Giggs während der Schulzeit in Manchester wiederholt zur Zielscheibe rassistischer Beleidigungen und Übergriffe, was ihn tief geprägt hat. »Während seiner ersten Jahre bei United hielt er sich eher an die älteren Spieler – vor allem an jene älteren Spieler, die schwarz waren, wie Paul Ince und Paul Parker,« sagt Journalist Brewin. »Ich denke, Giggs betrachtet sich selbst in erster Linie als schwarz.«

Er ist Teil der »Mannschaft des Jahrhunderts« – des 20. Jahrhunderts

An seinem Vater lag es auch, dass Giggs überhaupt in Manchester aufwuchs und nicht in seiner Geburtsstadt Cardiff. Als Ryan sechs Jahre alt war, wechselte Danny Wilson nämlich den Verein und spielte fortan Rugby für einen Klub namens Swinton Lions, dessen Stadion neun Kilometer nördlich von Old Trafford lag. Giggs hatte und hat nicht das allerbeste Verhältnis zu seinem Vater, eigentlich gar keines. So kam es auch zum Wechsel des Nachnamens. Denn einige Zeit, nachdem seine Eltern sich getrennt hatten, brauchte Ryan einen Reisepass, um mit der Jugend von United ins Ausland zu fahren. Es war das erste Mal, dass er für ein offizielles Dokument einen Familiennamen angeben sollte. (In Großbritannien herrscht keine Ausweispflicht.) Er entschied sich für den Geburtsnamen seiner Mutter, eben Giggs. Da war er 16 Jahre alt.

Man ist versucht zu sagen, es war das letzte Mal, dass sich etwas Entscheidendes in seinem Leben veränderte. Denn seither fährt er morgens zum Trainingsgelände und mittags oder abends zurück, streift zusätzlich an zwei Tagen in der Woche das in der Regel rote Trikot des einzigen Vereins über, für den er je gespielt hat, und läuft und läuft und läuft. Schon vor acht Jahren wurde er in die Ruhmeshalle des englischen Verbandes aufgenommen, schon vor sechs Jahren bekam er von der Königin einen Orden für »Verdienste um den Fußball« verliehen, kurz danach wählte ihn die Spielergewerkschaft in die »Mannschaft des Jahrhunderts«. Wohlgemerkt, des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht ausgeschlossen, dass noch ein anderes dazukommt. Denn Giggs spielt einfach immer weiter.

Hier geht's zur Bildergalerie: »Das Leben des Ryan«

»Inzwischen ist es so, dass die Fans der anderen Mannschaft aufstöhnen, wenn Ferguson ihn einwechselt. Und zwar völlig egal, gegen wen United gerade spielt«, sagt David Hall, Chefredakteur des englischen Monatsmagazins »FourFourTwo«, und lacht leise in sich hinein. »Das liegt daran, dass Giggs schon so lange dabei ist, dass es bei jedem Verein Fans gibt, die sich an mindestens einen Tag erinnern können, an dem er ihren Klub ganz alleine vernichtet hat.« Gleich in seinem ersten Spiel von Beginn an war das Manchester City. Also ausgerechnet der Verein, der sich lange um ihn bemüht hatte und der ihn am Ende nicht bekam, weil Giggs schon immer ein United-Fan gewesen war und keine Sekunde überlegen musste, als Ferguson persönlich vor seiner Tür stand. Jenes Derby vom 4. Mai 1991 wurde entschieden, als der Schotte Brian McClair den Ball von der rechten Seite in Citys Strafraum flankte und der 17-jährige Giggs ihn zum einzigen Tor des Spiels über die Linie drückte. So steht es in den Annalen des Spiels.

Sein berühmtestes Tor: FA-Cup-Halbfinale 1999, United gegen Arsenal

Aber so war es gar nicht. In Wirklichkeit war Giggs zu schnell unterwegs und verpasste den Ball, der stattdessen dem Verteidiger Colin Hendry ans Bein prallte und von dort ins Tor flog. Doch bis heute wird Giggs als Schütze aufgeführt. Wer weiß, vielleicht wollten die Statistiker damals dem jungen Burschen einen Gefallen tun? Sie konnten ja zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass sie Giggs’ Namen auch 22 Jahre später noch in ihre Computer tippen müssen oder dass er noch viele, viele weitere Tore schießen würde – ein rundes Dutzend für sein Land, also Wales, und fast 170 für seinen Verein, darunter 29 in der Champions League, mehr als jedem anderen Briten bisher gelangen.



Sein berühmtestes Tor fiel in dem Wettbewerb, den die Engländer am meisten lieben – dem FA Cup. Im Halbfinale 1999 kam es zu einem turbulenten Wiederholungsspiel zwischen United und Arsenal, in dem es zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung 1:1 stand. Da fing Giggs tief in der eigenen Hälfte einen Pass ab. Er nahm Tempo auf, ließ 35 Meter vor dem Tor den ersten Gegner aussteigen, fünf Schritte später den zweiten, dann den dritten, drang in den Strafraum ein, wehrte einen vierten Verteidiger ab und hämmerte den Ball aus spitzem Winkel unter die Latte. Der Treffer ist auch deswegen so berühmt, weil Giggs – eigentlich kein Mann der großen Gesten – sich vor Freude das Trikot auszog und eine beachtlich behaarte Brust offenbarte. (Den »Teppich«, wie er selbst gerne grinsend sagt.) Fünf Wochen später holte United den Pokal. Es war der zweite Akt im sogenannten »Treble«, denn die Elf hatte zuvor schon den Ligatitel errungen und gewann anschließend, in der berühmten Nachspielzeit in Barcelona, auch die Champions League gegen Bayern München. Müßig zu erwähnen, dass Giggs inzwischen jeden dieser Titel noch öfter gewonnen hat.

 
 
 
 
 
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