Wer ist Bayerns Gruppen-Gegner ZSKA Moskau?

Das kuriose Kontinuum

Heute Abend trifft der russische Meister in der Champions League auf den deutschen: ZSKA Moskau steht für sportliche Kontinuität, Unklarheiten in der Eigentümerstruktur und das umstrittenste Projekt des russischen Fußballs.

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Nicht Kasan, Moskau, St. Petersburg oder Grosny erlebten den finalen Akt der vergangenen russischen Meisterschaft. Er trug sich am Genfersee zu. In den Ablagen des Internationale Sportgerichtshof TAS, der in Lausanne sitzt, war im November 2012 eine Intervention von Zenit St. Petersburg eingegangen. Nachdem Zenit-Hooligans Dynamo Moskaus Torwart Anton Schunin im Auswärtsspiel beim Kuranyi-Klub mit Feuerwerkskörpern beworfen hatten, wurde das Spiel mit 0:3 gegen St. Petersburg gewertet. Und Zenit war mit dieser Wertung – nun zwei Punkte hinter ZSKA Moskau – selbstredend nicht einverstanden.

Vergeblich – der TAS bestätigte das Urteil des russischen Verbandes und ZSKA holte wenige Tage später seine elfte nationale Meisterschaft. Trotz des faden Beigeschmacks eines juristischen Geplänkels war der Triumph sportlich absolut unangefochten. Über die ganze Spielzeit betrachtet war das Team von Leonid Slutsky das mit Abstand beständigste.

Wenn die Sprache in Russlands Fußball auf das Stichwort »Kontinuität« kommt, kann man die Uhr danach stellen, wann ZSKA Moskau zum Thema wird. Slutsky, ein bärbeißiger Mann aus Wolgograd, führt seit vier Jahren das Zepter rund um die »Arena Chimki«. Genug Zeit, sich auf einen Trainerjob vorzubereiten hatte er: Seine Karriere als Aktiver endete im zarten Alter von 19. Beim Versuch, die Katze des Nachbarn aus einem Baum zu retten, stürzte Slutsky so unglücklich, dass er sich das Knie ruinierte.

Hinten wartet die Familie Berezutsky

Kontinuität kennzeichnet nicht nur Trainerbank, sondern auch Defensivreihe von ZSKA Moskau. Die Viererkette vor Torhüter Igor Akinfeev, einer Art Iker Casillas Russlands, ist personell meist identisch mit der der russischen Nationalmannschaft. Sergey Ignashevich (seit 2004 bei ZSKA), Georgi Schennikov (seit 2008) und die Berezutsky-Zwillinge Alexei und Wassili. Beide Modell »Bulldozer«. Beide im Juni 1982 geboren. Seit elf Jahren bilden sie das Rückgrat des Moskauer Klubs und ihres Heimatlandes.

Davor spielen seit 2012 mit Pontus Wernbloom und dem für das heutige Spiel fraglichen Rasmus Elm, der auf der Einkaufsliste des Hamburger SV lange vor Rafael van der Vaart stand, zwei Skandinavier. Oder Elvir Rahimic. Der Routinier ist mit seinen 37 Jahren im bosnischen Nationalteam, das kurz vor der WM-Qualifikation steht, immer noch gesetzt. Bei ZSKA läuft seine Zeit nach einem Dutzend gemeinsamer Jahre langsam ab.

Russlands Hoffnungsträger muss passen

Das Augenmerk des Titelverteidigers, derzeit eher internen Zuständig- und Befindlichkeiten zugewandt, muss beim Champions-League-Auftakt aber der Offensive des aktuellen russischen Tabellenführers gelten. Bayerns Kapitän Philip Lahm warnte vor einer »gefährlichen Mannschaft« mit »ordentlichen Einzelspielern«. Wie zum Beispiel Regisseur Keisuke Honda. Der Japaner wurde im Sommer von Milan umworben und kann ganz objektiv betrachtet mehr als »ordentlich« spielen. Vielleicht meint Lahm aber auch einen wie Zoran Tosic, dessen Dribbelkünste allen Bundesliga-Beobachtern noch aus seiner Zeit beim 1. FC Köln gegenwärtig sein dürften.

Vor allem aber wird Lahm auf Ahmed Musa und Seydou Doumbia anspielen. Die beiden Afrikaner sorgen für Zählbares bei ZSKA. Musa ist derzeit der beste Torschütze des Vereins, der Ivorer Doumbia beispielsweise markierte in seiner Fabel-Saison 2009/10 im Trikot der BSC Young Boys 75 Scorerpunkte – in 43 Pflichtspielen. Auf Russlands Hoffnungsträger Alan Dzagoev, der ungeachtet des Vorrunden-Aus der »Sbornaja« bei der EM 2012 groß auftrumpfte, muss ZSKA derzeit schweren Herzens verzichten – das Kronjuwel plagt eine Zerrung im Oberschenkel.

Dickicht aus Be- und Beisitzern

Hinter dieser Mannschaft steht ein diffuses Teilhaber-Geflecht, dessen Spuren in einem internationalen Firmengewirr verblassen. Knapp die Hälfte des Klubs hat das englische IT-Unternehmen »Bluecastle Enterprises«, ein gutes Viertel die Aktiengesellschaft »AWO Kapital« inne. Die verbleibenden Anteile hält traditionell das Verteidigungsministerium Russlands. Denn der »Zentralny Sportiwny Klub Armii«, 1911 von einer Gruppe Skifahrer in die Vereinsregister des Zarenreiches gehievt, ist der zentrale Sportklub der Armee Moskaus.

Das Skurrilste soll aber noch folgen: Teilhaber »AWO Kapital« ist eine hundertprozentige Tochterfirma von »Bluecastle Enterprises«. Das im Norden Londons ansässige Unternehmen ist damit offenkundig Haupteigner des Champions-League-Teilnehmers. Schenkt man diversen Berichten Glauben, hält eine kleine Oligarchen-Gruppierung um den amtierenden ZSKA-Präsidenten Jewgeni Giner die Zügel in der Hand. Der behauptet zuweilen, der alleinige Eigner zu sein. Manchmal verweise Giner vor bedeutenden Entscheidungen rund um den Klub aber auch liebend gern auf »die Aktionäre«, schrieb die »Neue Zürcher Zeitung«.

1,3 Milliarden Dollar Budget für eine russisch-ukrainische Liga

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass auch das Erfolgs-Triumvirat der Premjer-Liga – ZSKA, Zenit und Anschi Machatschkala – trotz Zenits Gang vor die Sportgerichtsbarkeit einen besonderen Draht zueinander pflegen. Kürzlich verriet Giner, dass die Troika einen Kodex hinsichtlich ihres Transferverhaltens unterzeichnet hätte. Was dieser besagt, ist weder bekannt, noch entscheidend – an Wettbewerbsverzerrung grenzt das Ganze ohnehin.

Obendrei sind die drei Genannten Verfechter des meist diskutierten Projekts des russischen Fussballs: Sie drängen auf die Installation eines länderübergreifenden Klassements früherer sowjetischer Staaten – vorerst aus Russland und der Ukraine. Im Vordergrund stehen einmal mehr wirtschaftliche Aspekte, schließlich generiere eine russisch-ukrainische Liga deutlich höhere Einnahmen von Sponsoren und für TV-Rechte. Die verbleibenden Vereine sollen so zur Befürwortung verleitet werden. 1,3 Milliarden Dollar betrage das Budget der neuen Liga, ließ Giner unlängst verlauten.

Die Umsetzung dieser Pläne ist in absehbarer Zeit zu erwarten. Die kommende Saison startet allerdings unumstößlich im Rahmen einer »normalen« russischen Meisterschaft. Die ihr Finale dann auch wieder in Kasan, Moskau, St. Petersburg oder Grosny erleben wird.

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