Wenn Spieler nicht vom Platz wollen
26.09.2008

Wenn Spieler nicht vom Platz wollen

Mich nimmt man nicht runter!

Nicht bei jeder Auswechslung wird gleich eine Werbetrommel zerstört, doch dass Spieler wenig begeistert sind, wenn sie für einen anderen das Feld räumen müssen, ist bekannt. Wir erinnern uns an Wechsel, die nach Klinsmann kamen.

Text:
Erik Rossel und Max Ost
Bild:
Imago
Kerimoglu Tugay, 37. Minute
 
Eigentlich wollte der türkische Nationaltrainer Mustafa Denizli an diesem 19.Juni 2000 seinen defensiven Mittelfeldspieler Kerimoglu Tugay nur aus der EM-Partie gegen Belgien herausnehmen. Tugay, bis dahin sechsmaliger türkischer Meister und viermaliger Pokalsieger mit Galatasaray Istanbul, zeigte sich aber äußerst wenig erfreut darüber, schon acht Minuten vor Ende der ersten Halbzeit duschen zu dürfen. Wutentbrannt schleuderte er seinem Coach die Schienbeinschoner vor die Füße und sandte Blicke hinterher, die fürs Poesiealbum eher weniger tauglich waren. Zwar entschuldigte er sich nach zwei Stunden Abkühlung in einer Badewanne mit Eisblöcken beim Trainer, es half ihm aber wenig. Denn jetzt war Denizli derjenige, der wütend war. Und weil er grad keine Schienbeinschoner zur Hand hatte, die er dem Spieler vor die Füße hätte werfen können, schickte er Tugay dafür komplett nach Hause. Die Europameisterschaft war für ihn mit dieser Auswechslung also beendet.
 


Javier Pinola, 19. Minute

 
Es hätte eine so ruhige Woche für Trainer Hans Meyer und den 1.FC Nürnberg werden können. Am 20.Spieltag der Saison 06/07 watschten die Franken zuhause den FC Bayern München im ersten Pflichtspiel unter Neu-Trainer Hitzfeld mit 3:0 ab, in der Tabelle belegte man vorübergehend einen UEFA-Cup-Platz. Wäre da nicht die Sache mit Pinola gewesen. Der Verteidiger hatte sich nämlich trotz Vorwarnung seines Trainers auf ein Kleingefecht mit Hassan Salihamidzic eingelassen und war schon nach der ersten Viertelstunde extrem Gelb-Rot gefährdet. Meyer nahm ihn aus der Partie, Pinola dankte es ihm mit einem wenig dezenten Trikotwurf in Richtung Trainerbank. Doch er hatte nicht mit dem vernichtenden Zorn seines Chefs gerechnet. »Er wird schwer bestraft werden, allerdings nicht für das Trikotwerfen nach seiner Auswechslung, sondern weil er so wirr im Kopf ist, dass sich seine Wut auf den Trainer konzentriert und nicht sich selbst«, diktierte ein fauchender Hans Meyer nach Schlusspfiff den Journalisten in die Blöcke. »Wenn er von seinem kleinen Kopf her das nicht versteht, kann er sich einen anderen Verein suchen. Jeder in der ganzen Republik soll wissen, sie können sich den Pinola holen. Mich kümmert das nicht.« Selten hat ein hingeworfenes Trikot solche Reaktionen ausgelöst.
 
Roy Makaay, 46. Minute
 
Auch Bayerns niederländischer Stürmer Roy Makaay hatte das ein oder andere Mal Probleme, seine Auswechslungen zu verstehen. Ganz besondere Schwierigkeiten hatte der Nationalspieler im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales 2005/2006.  Noch im Hinspiel traten die Münchner stark auf und hätten einen Sieg verdient. Der Auftritt in Mailand allerdings wurde zum Debakel. Durch Tore von Inzaghi und Shevchenko führten die Italiener schon nach 25 Minuten mit 2:0. In der 46. Minute nahm Felix Magath seinen Stürmer vom Platz. Die Bayern hatten zwischenzeitlich durch ein Tor von Ismaël verkürzt. Für den heutigen Angreifer von Feyenoord Rotterdam sollte das Bayern-Talent Pauolo Guerrero in die Partie kommen.  Der junge Spieler hätte sicherlich gern vom gestandenen Champions-League-Stürmer noch ein paar ermutigende Worte gehört. Makaay jedoch würdigte den Peruaner keines Blickes als er den Platz verließ.
 

Ailton, 69. Minute

 
Eigentlich war die Saison 2003/2004 die Spielzeit seines Lebens. Ailton wurde mit 28 Toren Bundesliga-Torschützenkönig und mit Werder Bremen Deutscher Meister sowie Pokalsieger. Trotzdem: Auch in diesem Jahr hatte der Torhamster hin und wieder Gründe sich zu ärgern. Es war die 69. Spielminute beim Auswärtsspiel der Bremer im Bochumer Ruhrstadion. Der Titel war schon zum Greifen nahe. Ailton hatte seine Chancen und traf sogar die Latte. Thomas Schaaf glaubte jedoch nicht mehr an das Glück seines Torjägers und brachte für ihn den Griechen Angelos Charisteas ins Spiel. Der Kugelblitz ließ es anschließend donnern: Bevor man den Brasilianer dazu brachte, sich auf der Werder-Bank niederzulassen, ließ der ordentlich Dampf ab. Den Tränen nahe und zur Belustigung der Zuschauer ließ der Kugelblitz seine Wut am Bremer Team-Equipment aus. 
 

Kevin Kuranyi, 79. Minute
 
Es ist kaum ein halbes Jahr her und deshalb Vielen noch gut in Erinnerung: Beim Champions-League-Achtelfinale von Schalke 04 in Porto wechselte Trainer Mirko Slomka beim Stand von 0:0 seinen Stürmer Kevin Kuranyi aus. An diesem Wechsel waren zwei Dinge interessant: Zum einen wussten viele Zuschauer bis zu diesem Moment gar nicht, dass Kevin Kuranyi auf dem Platz stand, und zum anderen stapfte der wütende Schalker mit eisigem Blick an der ausgestreckten Hand seines Trainers vorbei zur Ersatzbank. Der schaute erst verdutzt, dann ein bisschen enttäuscht und dann ein bisschen traurig. Nach dem Spiel sagte er mit gebrochenem Blick: »Wenn man vom Trainer die Hand bekommt als Zeichen der Anerkennung für eine gute Leistung, kann man sie auch zurückerwarten.« Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Kevin Kuranyi hatte einen triftigen Grund dafür, ihn so zu ignorieren. »Es tut mir Leid. Ich war so kaputt, ich habe den Trainer nicht gesehen«, gab der Stürmer zu Protokoll. Slomka glaubte ihm, die beiden versöhnten sich und schon beim nächsten Spiel durfte Kevin wieder von Anfang an auf dem Platz stehen. Ein idyllischer Frühling in Gelsenkirchen.

------------

Im neuen 11FREUNDE-Heft erzählt Carsten Lakies, wie er für Tonnentreter Klinsi ins Spiel kam.

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden